POLITIK
07/02/2017 13:41 CET | Aktualisiert 08/02/2017 13:29 CET

"Der Bernie-Sanders-Effekt": 5 Gründe, warum Martin Schulz bei jungen Menschen so beliebt ist

5 Gründe, warum Martin Schulz bei jungen Menschen so beliebt ist
Thomas Lohnes via Getty Images
5 Gründe, warum Martin Schulz bei jungen Menschen so beliebt ist

  • SPD-Kanzlerkandidat Schulz wird im Netz mit zahlreichen Memes gefeiert

  • Warum begeistert er die Jugend? Hier sind fünf Gründe

Es ist eine unvergleichliche Aufholjagd: Seit Martin Schulz SPD-Kanzlerkandidat ist, haben sich die Sozialdemokraten in der Wählergunst vor die Union gekämpft. Das hat es seit 2010 nicht mehr gegeben.

Woran das auch liegen könnte, ließ sich in den vergangenen Tagen beobachten. Auf dem Portal Reddit feiern junge Menschen ihren "Gottkanzler" auf der eigens dafür eingerichteten Seite "The Schulz".

Im Moment dort beliebt: Ein Nutzer hat das Schulz-Konterfei als Aufkleber produzieren lassen. "Hab heute ein Paket bekommen, das schier vor hoher Energie aufgeplatzt ist“, steht drüber. Unter dem Post sammeln sich Bestellwünsche – wenn ihr also bald den Aufkleber an einer Straßenlaterne seht, wisst ihr, wo er herkommt.

Aufkleber-Update: Hab heute ein Paket bekommen, das schier vor hoher Energie aufgeplatzt ist. Parteibuch for scale. from the_schulz

Schulz scheint der Hype zu gefallen. Wer braucht eine teuer bezahlte Werbeagentur, wenn es Reddit gibt? Er ließ ein Video verbreiten, auf dem er den Reddit-Nutzern dankt. Und auf Wahlkampfveranstaltungen zitiert er gerne eine paar Memes wie hier auf dem Hessengipfel der SPD.

Der Hype zeigt sich auch in Umfragen. Laut ARD-Deutschlandtrend waren Anfang Februar 18- bis 34-Jährige zu 58 Prozent zufrieden mit Schulz – mit Merkel waren es nur 55 Prozent. Seither sind auch Medien auf das Phänomen aufgesprungen. Das Portal "Bento" etwa schreibt: "'Geile Sau' – dieser Spitzname ist zum Symbol der Begeisterung geworden, die Martin Schulz gerade bei jungen Menschen auslöst." Und "Stern" nennt Schulz den "Obama des deutschen Wahlkampfs".

Warum ist der Sozialdemokrat so beliebt unter jungen Menschen? Hier sind fünf Gründe.

1. Schulz ist netztauglich

Der Schulz-Hype hat ein Eigenleben entwickelt, noch bevor die Sozialdemokraten eine teure Wahlkampagne starten konnten. So etwas ist nur in den sozialen Netzwerken möglich – und zeigt, dass die Bundestagswahl 2017 wie keine zuvor im Internet gewonnen wird.

Zumindest einen Teil jener Wählerschaft, der bislang als politikverdrossen und unerreichbar galt, scheint Schulz so zu mobilisieren. Keine gute Nachricht ist das für Politiker, die weniger authentisch, direkt, emotional und damit weniger netztauglich sind.

Und zu denen gehört ohne Frage die Kanzlerin. Memes mit ihr verbreiten sich zwar auch tausendfach im Netz – allerdings meist durch ihre Kritiker, nicht durch ihre Fans.

2. Schulz ist mehr als ein Meme

Ein Netz-Hype kann schnell vorbei sein. Aber Schulz kann die Jugend auch bewegen, der SPD beizutreten. Knapp die Hälfte der 2.800 Neumitglieder, die in der ersten Woche nach Bekanntwerden seiner Kandidatur der Partei beitraten, waren unter 35 Jahren, schreibt etwas das Portal "Bento".

Der Reissverschulz kommt!

Fragt man die Juso-Chefin Johanna Ueckerman, was sie vom Spitzenmann hält, sagt sie im Gespräch mit der Huffington Post: "Er hat bereits im Europawahlkampf gezeigt, dass er ein Ohr für die Probleme der jungen Menschen hat.“ Und weiter: "Schulz ist so beliebt, weil er diese Probleme – ungerechte Bezahlung, zu wenig Wohnraum für Geringverdienende und fehlende Investitionen im Bildungsbereich – anpacken wird.“

3. Schulz steht für Themen, die die Jugend begeistern

Der "Gottkanzler", wie ihn die Jugend feiert, war auch mal "Mister Europa". Was ihm bei einem Teil der Wählerschaft Probleme machen könnte – nämlich jener, die europaskeptisch ist – ist ein fetter Bonus bei der Jugend.

"Sie haben einen kosmopolitischen, europäischen Blick auf die Gesellschaft und setzen auf offene Grenzen und Vielfalt“, sagt der Parteienforscher Karl-Rudolf Korte von der Universität Duisburg-Essen im Gespräch mit der HuffPost. Schulz spreche so vor allem die Leute emotional an, die gestalten und Deutschland verändern wollen.

4. Der "Bernie-Sanders-Effekt"

Schulz hatte in Deutschland noch kein offizielles Amt in der Berliner Republik. "Er wirkt dort anti-etabliert und aus der Zeit gefallen", sagt Parteienforscher Korte. "Er ist ein Vintage-Typ, dem man das Rebellentum abkauft."

Schulz diene damit als Projektionsfläche für all jene, die mit aalglatten Typen nichts mehr anfangen können. Damit habe er "unter jungen Leuten Kultfaktor". Das erinnert Korte an Bernie Sanders, der in den USA die demokratischen Vorwahlen gegen die spätere Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton verlor. Sanders startete als Außenseiter und wurde, ähnlich wie Schulz, zu einem Internetphänomen - und damit zum ernsten Konkurrenten.

Aber klar doch Mutti, große Koalition wie immer from the_schulz

Die Frage ist nur, wie lange sich Schulz tatsächlich als Rebell verkaufen kann. Als EU-Parlamentspräsident kämpfte Schulz als Machtpolitiker an vorderster Front des Brüsseler Establishments. Bislang ist die Zeit in der deutschen Öffentlichkeit kaum beleuchtet, aber bis zur Wahl sind es noch acht Monate.

5. Schulz wildert bei den Grünen

Eigentlich ist es erstaunlich, dass ausgerechnet ein Sozialdemokrat junge Menschen begeistert. Wenn man auf das Durchschnittsalter schaut, müsste das eigentlich eher den Grünen gelingen.

"Die acht Prozent in den Umfragen sind allerdings auch mit den Grünen alt geworden", sagt Parteienforscher Korte. Die Partei setzt auf traditionelle Themen wie Verbraucher- und Klimaschutz. "Das reicht aber nicht aus, um junge Menschen ausreichend zu begeistern“, sagt Korte.

Dafür bräuchte es schon aufklärerische und innovative Projekt-Ideen. Schulz wildert also bei den Grünen. Wegen der politischen Nähe hat er leichtes Spiel. Sein Erfolg hängt also auch an der Schwäche der Grünen – gelingt es ihnen, sich zu fangen, dürfte das die Schulz-Euphorie zumindest teilweise bremsen.

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(ks)