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06/02/2017 12:02 CET | Aktualisiert 06/02/2017 12:52 CET

Ihr Sohn war Amokläufer - nun richtet sich diese Mutter mit einer bewegenden Botschaft an die Öffentlichkeit

Sue Klebold
Sue Klebold in einem Vortrag für Ted.

Kaum ein Amoklauf hat sich so in das kollektive Gedächtnis gebrannt wie der von Columbine. Am 20. April 1999 töteten zwei Teenager in der Columbine High School im US-Staat Colorado zwölf Mitschüler, einen Lehrer, verletzten 23 weitere Menschen und nahmen sich selbst das Leben.

Die schreckliche Tat wurde zum Inbegriff des Schul-Amoklaufs. Nun hat sich die Mutter von einem der beidem Todesschützen an die Öffentlichkeit gewandt und spricht erstmals über ihr Leben nach der Tat ihres Sohnes.

"Das letzte Mal, als ich die Stimme meines Sohnes hörte, da war er gerade auf dem Weg in die Schule. Im dämmrigen Licht dieses Morgens im April sagte er nur: Bye“, erzählt Sue Klebold, die Mutter von einem der zwei Columbine-Amokläufer in einer Rede für die Innovations-Plattform Ted.

Die quälende Frage nach dem "Warum“

Wer das Video ihrer Rede sieht, kann förmlich spüren, wie schwer es ihr fällt, die schreckliche Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen.

Es ist der 20 April 1999. Was Sue Klebold zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Sie wird ihren Sohn nie wieder sehen. In nur wenigen Stunden wird er mit einer fürchterlichen Bluttat in die Zeitgeschichte eingehen und sich dann selbst richten.

Die 68-Jährige Sue Klebold ist von schmaler, zierlicher Statur. Sie trägt ihr graues Haar kurz; ihre feinen Gesichtszüge erzählen von Schmerz und Entbehrung. Wenn sie von jenem schicksalsreichen Jahr anfängt zu erzählen, hält sie kurz inne und atmet tief aus.

Als wollte sie die Schwere der dunklen Vergangenheit mit ihrem Atem von sich stoßen.

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Dylan Klebold bei einer Schießübung im Wald: "Eine unberechenbare Gefahr." Credit: Getty Images

"Ich habe Jahre gebraucht, um das schreckliche Vermächtnis meines Sohnes zu akzeptieren“, sagt sie und fügt hinzu: "Ich hätte niemals auch nur geahnt, dass Dylan zu einer solchen Tat fähig ist.“

Noch heute ist Sue Klebold auf der Suche nach Antworten.

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Es sind Antworten auf Fragen, die ihr in den Jahren nach der Tat immer wieder gestellt wurden, und mit denen sie sich sich selbst immer wieder auseinandersetzt. Als wäre die Wiederholung der schweren Fragen eine Art Mantra zur Vergangenheitsbewältigung.

Es ist das quälende "Warum“ und die Frage, ob sie nicht im Vorfeld etwas hätte tun können. Warum hat sie die Tat nicht kommen sehen? Was hat sie versäumt, was falsch gemacht?

Doch es gibt keine Antwort auf diese Fragen. Zumindest keine einfachen. Auch aus diesem Grund möchte Sue Klebold der Öffentlichkeit von ihren Gefühlen erzählen.

"Was bist du nur für eine Mutter? - das werde ich noch heute gefragt“, sagt Sue Klebold in dem Ted Talk. "Ehrlich gesagt, ich habe immer gedacht, dass ich eine gute Mutter gewesen bin. Ich habe meine Kinder gut erzogen, sie wuchsen behütet auf, ich brachte ihnen Selbstverantwortung bei und schenkte ihnen all meine Liebe“, sagt sie.

"Wenn jemand etwas hätte unternehmen können, dann doch ich - doch so leicht kann man diese Sache nicht abtun“, gibt sie zu.

Geplagt von Weltschmerz, Depressionen und Wut

Wenn Sue Klebold auf Menschen trifft, die sie erst nach dem Amoklauf kennengelernt haben, dann sieht sie sich mit vielen Herausforderungen konfrontiert.

Sie ist sich der Tatsache bewusst, dass ihr Sohn für unglaublich viel Leid und Schmerz verantwortlich ist. Sie sucht Vergebung, aber auch Verständnis.

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Kreuze zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufs. Credit: Getty Images

Gegen die Tat ihres Sohnes ist sie machtlos. Sie erzählt, dass ihr Sohn bereits zwei Jahre vor seinem Tod Selbstmordgedanken hegte. Sie erinnert sich, dass er von Weltschmerz und Wut geplagt war. Das gipfelte in einer tiefen Depression, die letztlich dafür sorgte, dass er die Waffe gegen seine Mitschüler richtete.

Doch all das erfuhr sie erst, als es bereits zu spät war. Die Beweise hierfür fand sie erst Monate nach seinem Tod -in Form von Notizzetteln und Aufzeichnungen. Seitdem versucht sie, das Mysterium der geistigen Verfassung ihres Sohnes Stück für Stück zu dechiffrieren.

Anstatt in endloser Agonie und Trauer zu verstummen, möchte Sue Klebold verstehen, was dazu geführt hat, dass sich Dylans Suizid-Gedanken zum Massenmord wandelten.

Auch deshalb hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Zusammenhänge zwischen mentalen Problemen und Gewalt zu erforschen. Die zweifache Mutter arbeitet seitdem unermüdlich daran, potentielle Psychosen bei Jugendlichen an Schulen zu erkennen und zusammen mit Spezialisten zu therapieren.

So etwas wie das Massaker an der Columbine-Highschool darf es nie wieder geben und Sue Klebold es sich zur Lebensaufgabe gemacht, dafür zu kämpfen.

Einen Amoklauf plant man nicht so einfach

Die Zeit nach dem Schulmassaker beschreibt Klebold als extrem. Sie litt unter massiven Panik-Attacken, die sie zu jeder Zeit und an jedem Ort heimsuchten.

"Ich hatte furchtbare Angst davor, auf der Straße auf jemanden zu treffen, dessen Sohn oder Tochter bei dem Amoklauf getötet wurde“, sagt sie. "Es war das erste Mal, dass ich am eigenen Leib erfuhr, wie es ist, wenn man psychische Probleme hat“, erklärt sie.

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Gedenkstätte für die Opfer des Amoklaufs an der Columbine High School: "Das Unbegreifliche begreifen." Credit: Getty Images

"Ich werde immer wieder gefragt, warum ich nichts unternommen habe. Und jedes Mal wenn ich das gefragt werde, versetzt es mir einen Schlag in die Magengrube“, sagt sie.

"Man plant nicht einfach einen Amoklauf, wie man plant, was man an einem Samstagabend unternimmt“, erklärt sie. "Wenn jemand schon so weit ist, dass er Gedanken wie diese hegt, dann ist die Wahrnehmung dieser Person bereits so massiv getrübt, dass sie nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden kann.

"Leider sind diese Menschen sehr gut darin, ihren Schmerz und ihre Wut vor anderen perfekt zu verbergen - das macht es so schwierig, denn es ist eine schlummernde, unberechenbare Gefahr.“

Auch Sue Klebold erkannte im Schicksalsjahr 1999 nicht, in welchem geistigen Zustand sich ihr Sohn bereits befand. Auch dann nicht, als er die schwere Schultasche voller Waffen und Munition schulterte und ihr ein knappes "Bye“ zum Abschied zurief.

Die Liebe allein reicht nicht aus

"Wenn die Liebe stark genug wäre, jemanden von einem Amoklauf abzuhalten, dann gäbe es keine Amokläufe mehr“, sagt Klebold, hält kurz inne und merkt dann an: "Doch Liebe alleine reicht nicht aus. Egal, wie gut wir unsere Familienangehörigen meinen zu kennen, egal wie sehr wir sie lieben, wir werden niemals in ihr tiefstes Innerstes blicken können“, so Klebold.

Laut einer Statistik des Nationalen Zentrums für Gesundheitsstatistik (NCHS), gilt Selbstmord in den USA als eine der häufigsten Todesursache bei Menschen im Alter zwischen 10 und 34 Jahren. Allein 15 Prozent der amerikanischen Jugend soll sich aktiv mit dem Thema Suizid auseinandergesetzt haben.

Im Jahr 2014 waren es 43.000 registrierte Suizide. Die Tendenz ist steigend.

"Das Entscheidende ist, dass wir uns nicht selbst Vorwürfe machen dürfen. Wir müssen lernen, diese Dinge zu akzeptieren und uns selbst dafür zu vergeben, manche Warnungen nicht bemerkt zu haben“, sagt Klebold.

Die schwere Last bleibt

Sue Klebold ist sich der Tatsache bewusst, dass sie für den Rest ihres Lebens mit der tonnenschweren Last, die ihr Sohn ihr hinterlassen hat, leben muss.

"Ich weiß, dass manche Menschen da draußen denken, dass ich meinen Verlust nicht mit ihrem Verlust vergleichen kann; dass ihr Schmerz größer ist als meiner, dass ich kein Recht darauf habe zu trauern", sagt sie.

"Ich weiß, dass ich ihnen ihre Trauer nicht nehmen kann - wenn ich könnte, würde ich es tun. Doch was ich weiß ist, dass wir dieser aus dieser tragischen Geschichte lernen müssen. Wir müssen lernen, das bisher Unbegreifliche zu begreifen - und für andere begreifbar zu machen.“

Hier könnt ihr den Ted Talk in voller Länge sehen:

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(lk)