POLITIK
06/02/2017 16:38 CET | Aktualisiert 26/02/2017 20:14 CET

Donald Trump will die US-Bürger zu einem Glaubenskrieg anstacheln – doch es regt sich Widerstand

Donald Trump will die US-Bürger zu einem Glaubenskrieg anstacheln – doch es regt sich Widerstand
Carlo Allegri / Reuters
Donald Trump will die US-Bürger zu einem Glaubenskrieg anstacheln – doch es regt sich Widerstand

  • US-Präsident Trump rechtfertigt seine Politik immer wieder mit religiösen Argumenten

  • Bislang hatte er damit Erfolg – besonders bei konservativen Evangelikalen

  • Gerade bei denen regt sich jetzt aber massiver Widerstand gegen Trumps Religionsauslegung

US-Präsident Donald Trump wähnt sich im Krieg. "Das Christentum ist unter Beschuss", erklärte er bereits in einer Rede im Januar vergangenen Jahres. Die Nation müsse rund um das Christentum zusammenrücken, sagte er damals.

Spätestens seit dem Einreiseverbot für viele Muslime ist klar: Trump lässt seinen Worten Taten folgen. Seine Maßnahme soll die USA vor islamistischen Terroristen schützen, gleichzeitig verrät sie viel darüber, wie Trump sich sein Land in der Zukunft vorstellt.

Für den US-Präsidenten ist Religion vor allem ein nationalistisches Instrument. "Gott wird uns schützen, das ist das Wichtigste", sagte Trump bei seinem Amtsantritt. Die Betonung lag auf "uns", den christlichen US-Bürgern, die dem Republikaner den entscheidenden Vorsprung bei der Wahl im November gebracht hatten.

"Trump sagt, er habe Gott noch nie um Vergebung gebeten"

Kritiker wollen gar erkannt haben: Im Zentrum seines Glaubens steht nicht Gott, sondern Trump selbst.

Brent Strawn, Professor für Religion und Theologie an der Emory University in Georgia, sagte der Huffington Post: "In einem viel zitierten Interview hat Trump letztes Jahr gesagt, dass er Gott noch nie um Vergebung gebeten hat. Für einen praktizierenden Christen eigentlich eine unmögliche Aussage (...)."

All das klingt anmaßend – und doch unterstützen viele konservative Christen den Republikaner. Bei den Wahlen im November bekam er 58 Prozent der Stimmen der protestantischen Christen, gar 81 Prozent bei weißen Evangelikalen. Die evangelikale US-Zeitschrift "Christianity Today" meldete unmittelbar nach der Wahl: "Trump ist Präsident – dank vier von fünf Evangelikalen".

Trumps Zustimmung ist jedoch alles andere als gottgegeben – und sie droht zu bröckeln. Spätestens seit dem Dekret zum Einreisestopp ist Trumps politisches Handeln zur Glaubensfrage geworden.

Trump spaltet die Evangelikalen

Auch bei Trumps evangelikaler Wählerbasis wird der Einreisestopp zum Streitpunkt. Denn besonders christlich scheint er nicht.

Der einflussreiche Pastor Franklin Graham verteidigte die Entscheidung des Weißen Hauses gegenüber der Huffington Post US. Für die USA sei es kein "biblisches Gebot, jeden reinzulassen, der kommen will". Das ist keine Frage der Bibel, sagt Graham.

Andere Evangelikale nehmen dagegen entschieden Abstand von dem umstrittenen Dekret. Jim Wallis, Chefredakteur des christlichen US-Magazins "Soujourners“ erklärt: "Das ist theologische Scheinheiligkeit.“ Die Bibel betone immer wieder, dass Herrscher "sich vor Gott verantworten müssen, wie sie die Armen, die Fremden, die Einwanderer behandelt haben".

"Heute sind es die Muslime, morgen vielleicht die schwarzen Christen"

Onleilove Alston, Direktorin der Organisation Faith in New York und seit je her Gegnerin Donald Trumps, sagte der Huffington Post: "Ich stimme Präsident Trump nicht zu. Er nutzt Religion, um zu spalten. Glaube und Hass können nicht im selben Herz herrschen."

onle

Onleilove Alston, Direktorin Faith in New York

Alston glaubt: "Heute sind es die Muslime, morgen vielleicht die schwarzen Christen."

Für den US-Präsidenten sind die Protestanten von existentieller Bedeutung

Wie groß der Anteil der Evangelikalen ist, die an der Christlichkeit der restriktiven Politik Trumps zweifeln, ist schwierig einzuschätzen.

Umso klarer ist: Trumps Zustimmungswerte, ohnehin die niedrigsten, die je ein US-Präsident zum Amtsantritt hatte, hängen entscheidend von eben dieser Wählergruppe ab. Und damit auch der Widerstand, der dem Präsident aus der Bevölkerung entgegenweht.

Denn: Jeder vierte US-Bürger ist evangelikal. In einigen südlichen US-Staaten liegt der Anteil der evangelikalen Protestanten sogar bei 50 Prozent. Evangelikale unterscheiden sich von anderen Protestanten darin, dass sie sich als "wiedergeboren" bezeichnen.

Sie legen das Christentum häufig wörtlich aus. Anders als bei moderateren Protestanten setzen die Evangelikalen einen recht großen Schwerpunkt auf das Alte Testament, das für sie die gleiche Bedeutung hat wie das Neue Testament.

Donald Trump predigt einen "Nationalgott"

Donald Trumps Beliebtheit könnte damit zusammenhängen. Der deutsche Theologe Ulrich Berges analysierte im Interview mit dem Deutschlandfunk die Antrittsrede des Präsidenten. Diese sei "ganz klar alttestamentlich“.

Trumps Idee für Amerika gleiche der "Vision der Befreiung aus Ägypten und das Hineinführen in das neue Land“. Der US-Präsident sehe die Amerikaner als das "auserwählte Volk" und Gott als einen "Nationalgott, der diese Gruppe beschützt".

Gleichzeitig sagt Berges: "Interessanterweise sind neutestamentliche Bezüge zu Jesus Christus, zur Nächstenliebe, zur Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung fast und ich würde sagen: überhaupt nicht auszumachen."

US-Professor Brent Strawn widerspricht dieser Argumentation. Trump predige zwar einen "nationalistischen Gott", dieses Bild habe er jedoch nicht aus dem alten Testament. "Trump sagt nur, was in den Ohren der Menschen kribbelt", glaubt der Theologe.

brent

Brent Strawn, Theologieprofessor an der Emory University

Ohnehin seien es in der Geschichte oft neutestamentarisch geprägte Christen gewesen, "die nationalistische Visionen von Gott und dem Staat verfolgten, wie etwa die deutschen Christen im Dritten Reich".

Er ist der Meinung, dass die Zustimmung evangelikaler Kreise für Donald Trump aus einer Unkenntnis der Bibel rühre. Strawn sagte der HuffPost: "Es beweist, dass viele Menschen in Amerika eher 'kulturelle' Gläubige sind. (...) Die meisten von ihnen, wollen einfach nur reich und sicher sein."

Reichtum und Sicherheit: zwei der zentralen Wahlversprechen Donald Trumps, der verspricht die amerikanische Wirtschaft anzukurbeln, eine Rekordsumme an Jobs zu schaffen und den Terrorismus zu besiegen.

Das "Wir gegen sie" könnte Trump zum Verhängnis werden

Der Krieg gegen den Terror ist für Trump jedoch bei weitem kein Selbstzweck. Donald Trump glaubt offenbar an einen Überlebenskampf. Im Januar 2016 sagte er – noch im Wahlkampfmodus – vor Studenten: "Wenn Sie sich umschauen, was in der Welt passiert – schauen Sie nach Syrien, wenn Sie da Christ sind, hacken Sie Ihnen den Kopf ab."

"Trump verbreitet eine 'Wir gegen sie'-Mentalität"

Brent Strawn erklärt: "Diese Art der Rhetorik passt sehr gut zu einer 'Wir gegen sie’-Mentalität, die sehr leicht nationalistisch besetzt werden kann. Die Grenzfrage ist da nur ein Beispiel."

Langsam zeigt sich: Das "Wir gegen sie" könnte für Trump zur Gratwanderung werden. Zwar zeigen neue Umfragen, dass die Mehrheit der Amerikaner den Einreisestopp unterstützt, gerade aus geistlicher Richtung wächst der Widerstand aber spürbar, Tag für Tag.

Mit Ann Voskamp sprach sich kürzlich erst eine weitere einflussreiche Evangelikale gegen Trump aus. Die Bestseller-Autorin sagte: "Als Kirche sind wir aufgerufen, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen."

Spätestens bei den Kongresswahlen in zwei Jahren, bei denen die Republikaner ihre Mehrheit verteidigen müssen, wird sich zeigen, ob ihre Mahnung Gehör findet.

(ks)