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06/02/2017 09:57 CET | Aktualisiert 06/02/2017 10:14 CET

"Wie eine Ekelprüfung im Dschungelcamp": Medien kritisieren späte Einigung von CDU und CSU

CHRISTOF STACHE via Getty Images
Die Medien glauben nicht, dass die Versöhnung von CDU und CSU die Wähler überzeugen können wird

  • Kommentatoren deutscher Medien glauben nicht, dass die Versöhnung von CDU und CSU die Wähler überzeugen wird

  • Dafür habe der Streit zwischen beiden Parteien zu lange gedauert

Nun ist es offiziell: Die Union hat am Montag Angela Merkel (CDU) zur Kanzlerkandidatin nominiert. Die Entscheidung der Schwesterpartei CSU kam zwei Monate, nachdem sich die CDU auf Merkel festgelegt hatte.

Die CSU hat sich also viel Zeit gelassen. Laut einigen Kommentatoren in den Medien zu viel.

Seehofers "Grobianismus" und "Unvermögen"

Es sei machtpolitisch vielleicht eine Zeit lang angebracht gewesen, mit Merkels Flüchtlingspolitik zu hadern, heißt es in einem Kommentar der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Doch spätestens im vergangenen Herbst, als feststand, dass sich der Union keine andere personelle Option für das Kanzleramt als Merkel bot, wäre die Zeit für einen Schulterschluss gekommen gewesen."

Jetzt werde es CSU-Chef Horst Seehofer schwer haben, Wähler für eine Kandidatin zu mobilisieren, die er solange so scharf kritisiert habe.

Dazu komme noch, dass der bayerische Ministerpräsident sich im Streit um die Flüchtlingspolitik und die Obergrenze nicht klug verhalten habe. Sein "Grobianismus" wiege weniger schwer als "sein Unvermögen, die Kurskorrekturen in der Flüchtlingspolitik, zu denen die Berliner Koalition sich nach und nach durchrang, als Erfolge der CSU darzustellen – was sie zu einem guten Teil sind."

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Wirklicher Frieden erst nach Merkel und Seehofer

Noch immer sind zentrale Streitpunkte nicht geklärt. Über die Einführung einer Obergrenze wollen CSU und CDU erst nach der Wahl sprechen. Laut dem Nachrichtenportal "ntv.de" sind die Unterschiede zwischen den Parteien über die Zeit zu groß geworden: "Die zentralen Köpfe stehen für eine grundverschiedene Politik", heißt es in einem Kommentar zu Merkel und Seehofer.

Das Treffen in München sei daher lediglich ein "Scheinfrieden", aber kein "unzertrennliches Bündnis". Die Probleme seien nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben. Ändern ließe sich das nur durch einen Wechsel: "Wirklicher Frieden ist vermutlich erst möglich, wenn nicht mehr Seehofer und Merkel an der Spitze stehen."

Wähler mit schlechtem Gedächtnis?

Die Wähler werde dieser vermeintliche Friedensschluss nicht überzeugen, heißt es in einem Kommentar der regionalen Tageszeitung "Nürnberger Nachrichten":

"Damit der Plan der Union aufgeht, müsste der Wähler aber eines haben: ein ziemlich schlechtes Gedächtnis." Zu präsent seien die Attacken von Seehofer auf die Kanzlerin noch.

Auf Druck von der SPD

Die Wende kommt laut "Süddeutscher Zeitung" nun schnell, noch bis vor wenigen Tagen seien noch andere Töne aus der CSU zu hören gewesen. Zu der Versöhnung und dem gemeinsamen Bekenntnis zu Merkel dürfte auch beigetragen haben, "dass die SPD in den Umfragen aufholt, seit sie Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl und zum (designierten) Parteichef gemacht hat."

Merkel und Seehofer haben am Montag ein gemeinsames Programm für den Wahlkampf angekündigt. Bisher seien die Unterschiede beider Parteien vor allem bei der Flüchtlingspolitik nach wie vor groß, heißt es bei der "SZ".

Wie Ekelprüfung im Dschungelcamp

Am schärfsten rechnet ein Kommentator in der "Berliner Zeitung" mit dem Versöhnungsgipfel zwischen CDU und CSU ab. Die "geheuchelte Umarmung" mache nach dem zähen Vorlauf den Eindruck, "es handele sich um eine Ekelprüfung im Dschungelcamp."

Nicht nur die Uneinigkeit der beiden Unions-Parteien würde die Chance der SPD erhöhen, die Bundestagswahl zu gewinnen. Auch die mangelnde Begeisterung für Merkel als Kanzlerkandidatin spiele dem Konkurrenten in die Hände.

Jetzt ähnele der Wahlkampf der Lage der Bundesrepublik in 1998, "als nicht nur das Land, sondern auch die Union ihres Kanzlers Helmut Kohl nach 16 Jahren überdrüssig war und die oppositionelle SPD die Stimmung mit einer geschickten Kampagne aufnahm".

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(sk)