POLITIK
07/02/2017 01:02 CET | Aktualisiert 07/02/2017 01:03 CET

Die deutsche Presse gibt der Zwangsehe zwischen Merkel und Seehofer keine Zukunft

Johannes Simon via Getty Images
Angela Merkel und Horst Seehofer müssen sich miteinander arrangieren

  • Kanzlerin Merkel und der CSU-Vorsitzende Seehofer legen ihren Streit um eine Obergrenze der Zuwanderung bei

  • Die Umfrageerfolge des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz zwingen sie zum Zusammenschluss

  • Doch die deutsche Presse gibt diesem Zweckbündnis keine große Zukunft

Der Streit um die Obergrenze der Zuwanderung ist vergessen. CSU-Chef Horst Seehofer stellt sich demonstrativ hinter die Kanzlerin. Beim Gipfeltreffen von CDU und CSU wurde Angela Merkel offiziell zur Kanzlerkandidatin der Union gekürt. Alm gleichen Tag erreicht die Spitzen der Union eine Horror-Nachricht: Erstmal liegt die SPD in einer Umfrage vor der Union.

Die "Welt" glaubt nicht, dass das erneuerte Bündnis zwischen Merkel und Seehofer lange halten wird. Zu groß sei der Schaden, der durch die Kämpfe zwischen den Unionsparteien entstanden sei: "Merkel hat der CSU zu wenig angeboten, Seehofer die Kanzlerin als Marionette seiner Allmachtsfantasien missbraucht. Der Lärm seines Generalsekretärs und das Zurückmaulen der Merkel-Getreuen haben auch Union-Stammwähler abgestoßen und frustriert."

"Wie zwei weit voneinander entfernte Parteien"

Daher würden die Treuschwüre der beiden hölzern wirken. "Dass die beiden es miteinander versuchen, war zu spüren. Viel mehr aber nicht", schreibt die Springer-Zeitung.

Auch der Frankfurter "FAZ" sieht in der Union nur noch ein wackeliges Zweckbündnis. Das Blatt verweist auf eine ausweichende Antwort Merkels, als sie gefragt wurde, warum die Einigung zwischen CDU und CSU so lange habe auf sich warten lassen.

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"Es sei besser, sich Zeit zu nehmen, als den Eindruck zu erwecken, man sie sei sich einig – und sei sich dann doch nicht einig, sagte Merkel schmallippig." Doch Merkels Worte überzeugen die Frankfurter nicht: "Es klang, als hätten zwei weit voneinander entfernte Parteien zueinander finden müssen – und nicht zwei Parteien, die in einer gemeinsamen Regierung sitzen und in einer Fraktionsgemeinschaft im Bundestag miteinander verbunden sind."

"Begeisterung, Aufbruch, Siegeswillen klingen anders"

Auch die "Südwest Presse" schreibt, dass der Frieden zwischen CDU und CSU zu spät komme und nicht glaubhaft sei: "Die Wähler dürfen sich nun einen Reim machen auf Seehofers Verrenkungen und eine nicht mehr taufrische Regierungschefin, die den Atem ihres Herausforderers im Nacken spürt. Einzig die Einsicht, dass sie einander brauchen, lässt die Vorsitzenden zusammenrücken. Das aber könnte bereits zu spät sein, um wirklich überzeugend zu wirken.“

Auch die "Rheinische Post" ist der Ansicht, dass Merkel geschwächt in die Wahl zieht, da der durch Seehofer angerichtete Schaden bereits zu groß ist: "Die nüchterne Botschaft des Tages lautet nur: Wir wollen, dass Merkel Kanzlerin bleibt. Begeisterung, Aufbruch, Siegeswillen klingen anders. Die CSU hat zu lange mit ihrer Rückendeckung für Merkel gewartet, als dass die Union ohne Schaden aus ihrem Streit um die Obergrenze hervorgehen könnte."

"Spätestens nach der Wahl wird er in den Konfrontationsmodus wechseln

Die überraschend hohen Umfragewerte der Union seien vor allem durch den Streit zwischen CDU und CSU zu erklären, so die "RP": "Dass die Umfragewerte von Merkel-Herausforderer Schulz derart durch die Decke schießen, liegt nicht an der Genialität des SPD-Kandidaten, sondern vor allem an der hausgemachten Schwäche der Union."

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Schulz werde mit seinem "Ich verstehe euch" erfolgreicher sein als Merkel mit ihrem "Sie kennen mich": Damit dürfte ihm mehr Erfolg beschieden sein als ihr. Die Masche Merkel hat an Zugkraft verloren.“

Die "Nürnberger Nachrichten" glauben, dass der Streit zwischen Merkel und Seehofer nur vertagt ist - und sagen voraus, wann er wieder aufbrechen wird. "Spätestens nach der Wahl wird er wieder in den Konfrontationsmodus wechseln, wenn es für ihn um alles, um Bayern geht. Wenn er sich denn überhaupt so lange beherrschen kann."

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