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03/02/2017 12:50 CET | Aktualisiert 03/02/2017 12:59 CET

Die eine Frage, die ihr euch stellen solltet, bevor ihr eurem Kind ein Problem abnehmt

Die eine Frage, die ihr euch stellen solltet, bevor ihr eurem Kind ein Problem abnehmt
AzmanL via Getty Images
Die eine Frage, die ihr euch stellen solltet, bevor ihr eurem Kind ein Problem abnehmt

Fragt man Eltern, was sie bei der Erziehung anders machen würden, wenn ihre Kinder noch einmal klein wären, antworten viele von ihnen: Ich wünschte, ich hätte ihnen früher beigebracht, eigenständig Probleme zu lösen.

Viele Eltern sind so darauf konzentriert, ihren Kinder eine glückliche, unbeschwerte Kindheit zu bescheren, dass sie völlig übersehen, wie wichtig es, dass Kinder sich selbst zu helfen wissen - und dass erst das selbstständige Lösen von Konfliktsituationen sie zu starken, unabhängigen Persönlichkeiten heranwachsen lässt.

“Die kleinen Herausforderungen beginnen schon im Säuglingsalter und geben den Kindern die Chance, ‘erfolgreich zu scheitern’”, schreibt Madeleine Levine, Psychologin und Buchautorin, in ihrem viel beachteten Beitrag für die “New York Times” “Raising Successful Children”.

‘Erfolgreich scheitern’, damit meint sie Misserfolge, mit denen das Kind leben kann und aus denen es gestärkt hervorgeht. “Zu schnell einzugreifen, sie abzuschirmen, sie vor diesen Herausforderungen zu schützen, bedeutet, sie der Werkzeuge zu berauben, die sie benötigen werden, um den unvermeidlichen, schwierigen, anspruchsvollen und manchmal niederschmetternden Problemen des Lebens zu begegnen.”

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Bevor sie ihrem Kind sofort zur Hilfe eilen, wenn es vor einem Problem steht, sollten sich Eltern stets eine Frage stellen: Ist das eine Situation, die mein Kind alleine bewältigen kann?

"Je unabhängiger Kinder werden, desto einfacher haben es auch die Eltern”

Helfe ich ihm mehr, indem ich eingreife oder indem ich ihm ermögliche, seinen eigenen Weg der Problemlösung zu entwickeln?

Alissa Marquess etwa, Betreiberin des Blogs “Bounceback Parenting”, hat eine Methode gefunden, die für sie gut funktioniert, wenn sie weiß, dass ihr Kind die Situation besser alleine meistern sollte.

“Manchmal biete ich dann Hilfe an, wenn ich mich unwohl dabei fühle, weil mein Kind nicht weiter weiß”, schreibt sie auf ihrem Blog. “Deswegen habe ich die 17-Sekunden-Regel eingeführt. Ich warte mindestens 17 Sekunden, bevor ich eingreife - das hat mir sehr dabei geholfen, diese Angewohnheit abzulegen.”

Gerade bei kleinen Kindern neigten Eltern dazu, zu Hilfe zu eilen, obwohl sie gar nicht darum gebeten wurden, schreibt Marquess.

“Wenn wir ihnen aber die Zeit geben, selbst eine Lösung zu finden, haben sie wieder eine nützliche Alltagsaufgabe gelernt. Je unabhängiger sie werden, desto einfacher werdet auch ihr es haben.”

Auch wenn es sich manchmal so anfühlen mag: Wer Kinder sich selbst helfen lässt, handelt nicht gefühllos und brutal. Im Gegenteil. Eigenständigkeit entspricht genau dem, was die Natur für sie vorgesehen hat.

"Kinder kommen schon mit der Fähigkeit zur Problemlösung zur Welt"

“Das Gute ist: Problemlösung ist eine der Fähigkeiten, mit denen unsere Kinder schon auf die Welt kommen”, schreibt Janet Lansbury, Erziehungsexpertin und Buchautorin auf ihrer Website. “Wir müssen ihnen diese Kompetenz nicht so stark beibringen wie wir sie schützen und ernähren müssen.”

Es reiche, selbst winzige Babies eine kurze Weile zu beobachten und man stelle fest: Sie erwarten gar nicht, dass alles glatt läuft.

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“Sie suchen nach physischen, kognitiven, kreativen und sozialen Herausforderungen, sobald wir ihnen das auch zutrauen”, erklärt Lansbury. “Übung schafft Selbstvertrauen.”

Wenn die Antwort auf die Frage allerdings Nein ist - das ist eine Situation, die mein Kind alleine bewältigen kann, rät Marquess zu einer zweiten Frage: Kann ich mein Kind unterstützen, indem ich es zumindest einen Teil des Problems selbst lösen lasse?

Ihr Beispiel: Wenn die dreijährige Tochter nicht im Stande ist, ihr Marmeladenbrot selbst zu schmieren, kann sie vielleicht helfen, indem sie das Marmeladenglas öffnet oder die Brotscheiben aufeinander drückt.

Helfe ich meinem Kind mehr, wenn ich ihm erlaube, selbst eine Lösung zu finden?

“Jedes Mal, wenn wir unsere Kinder dabei unterstützen, ein Problem selbst zu lösen, helfen wir ihnen, Widerstandsfähigkeit aufzubauen und ihr Repertoire an Fähigkeiten zu vergrößern”, schreibt Marquess auf “Bounceback Parenting”.

“Oft hält mich das Wissen davon ab, dass es dann länger dauern wird. Doch dann erinnere ich mich daran, dass ich etwas versuche abzukürzen, indem ich etwas für meine Kinder übernehme, das sie selbst erledigen könnten und dass es dann keine sinnvolle Abkürzung ist. Es führt nur dazu, dass sie es zu einem späteren Zeitpunkt werden lernen müssen.”

Bevor ihr das nächste Mal eurem Kind die Lösung eines Problems abnehmt und sei es auch noch so profan, stellt euch also die Frage: Helfe ich ihm mehr, wenn ich jetzt eingreife oder wenn ich ihm erlaube, selbst einen Weg zu finden?

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(ame)