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31/01/2017 12:06 CET

Stanford-Professorin: Dieser Erziehungsfehler zerstört das Selbstbewusstsein unserer Kinder

Spielende Kinder im Schnee: "Als Eltern möchte man später auf seine Kinder stolz sein."
Reuters
Spielende Kinder im Schnee: "Als Eltern möchte man später auf seine Kinder stolz sein."

Es ist normal, dass Eltern bestimmte Erwartungen an die eigenen Kinder haben. Doch den eigenen Nachwuchs permanent zu Bestleistungen zu drillen, kann für die persönliche Entwicklung des Kindes fatale Folgen haben.

Die ehemalige Dekanin der amerikanischen Stanford-Universität, Julie Lythcott-Haims, beschäftigt sich bereits seit Jahren mit dem Phänomen "Helikopter-Eltern“ und warnt vor den Folgen einer durchgeplanten Kindheit.

Die Gefahren zu hoher Anforderungen

Wer nichts leistet, hat verloren - das scheint die Prämisse der heutigen Kindeserziehung zu sein. Die Zeiten, in denen man darüber diskutierte, ob das Kind nun schon mit dem 6. oder 7. Lebensjahr eingeschult werden sollte, sind lange vorbei.

Engmaschige "Lehrpläne“ haben die "Erziehungsmodelle“ von einst abgelöst. Leistungsoptimierung und Bestnoten-Förderung sind nichts Besonderes mehr.

Sie sind zum Kern einer "ganz normalen Erziehung“ avanciert. "Doch genau das ist extrem gefährlich“, sagt Lythcott-Haimes in ihrem Vortrag auf dem Wissenschaftsportal "Ted.com".

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Sie spricht von aufoktroyierten, also aufgezwungenen, "Checklisten“ in der Erziehung und warnt ausdrücklich davor. "Dadurch lassen wir unseren Kindern keine Zeit mehr für eine wirkliche Persönlichkeitsentwicklung. Wir geben sie ihnen vor und das zerstört auf längere Frist ihr Selbstbewusstsein“, so die Expertin.

Der falsche Ansatz: Der Versuch alles richtig zu machen

"Wir wollen, dass unsere Kinder die richtigen Schulen besuchen. Aber damit nicht genug. Wir wollen, dass sie die richtigen Dinge in den für sie richtigen Klassen tun. Wir fordern nicht nur gute Noten, sondern Preise und Awards. Wir wollen, dass unsere Kinder nicht einfach nur einer Fußballmannschaft beitreten, sondern sie sollen gleich den ganzen Club gründen. Das wird gefordert, das hilft ihnen später mal - das ist es, was die Elite-Unis später mal wollen“, sagt sie ironisch überspitzt.

Doch an dieser klischeehaften Ironie haftet auch eine gewisse Wahrheit.

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Die ehemalige Dekanin hat vor kurzem auch ein Buch über Kindererziehung geschrieben. Credit: Youtube

Als Mutter von zwei Kindern kann Lythcott-Haims aus eigener Erfahrung sprechen. Gemessen am Schlag unserer schnelllebigen Zeit, werden altbewährte Erziehungsansätze oft über Bord geworfen, um Platz für Progression zu machen, die in einem gnadenlosen Konkurrenzkampf gipfelt.

Ihrer Meinung nach passiert das oft schon vor der Einschulung. Möchte das Kind ein Instrument lernen, werden ihm Musikstunden aufgetischt, die zeitlich selbst für einen Erwachsenen schwer zu managen wären. Als Eltern will man später mal stolz sein können und nicht zugeben müssen, dass das Kind nur die Tuba in der Dorfkapelle spielt.

Werte vermitteln - in einem dem Alter entsprechenden Rahmen

Doch eine gute Erziehung erfordert genau das Gegenteil. "Der spätere Erfolg unserer Kinder liegt nicht in der Perfektion“, sagt Lythcott-Haims.

Laut ihrer Meinung lassen die engen Zeitpläne kaum ausreichend Zeit, dass die Kinder sich mit sich selbst beschäftigen und einfach nur ungestört spielen können. Pädagogisch ist aber genau das extrem wichtig.

Eine komplett antiautoritäre Erziehung hält die Expertin allerdings für das andere Extrem.

Vielmehr ist ihr Bestreben, den Kindern gewisse Werte zu vermitteln, die sie dazu motiviert, angenehme Dinge zu tun - aber in einem humanen und für ihr Alter entsprechenden Rahmen.“

Alles Glück im Leben kommt von der Liebe und Zuneigung der Eltern

Lythcott-Haimes hat einen einfachen Rat für alle Eltern, die trotz eines gewissen elitären Anspruchs dafür sorgen können, dass ihre Kinder nicht noch vor der Immatrikulation einen Burn-Out erleiden.

Sie bezieht sich dabei auf die "Grand Study", einer Studie für die Persönlichkeitsentwicklung der Universität Harvard.

"Alles Glück im Leben kommt von Liebe, nicht der Liebe zur Arbeit, sondern der Liebe und Zuneigung zur Familie.

Liebe gibt unseren Kinder Rückhalt und Selbstbewusstsein. Wir müssen unseren Kindern wieder beibringen zu lieben“, erklärt sie.

"Unsere Kinder brauchen unsere Zuneigung und unser Interesse. Und damit ist nicht gemeint, jeden Abend nachzuhaken, wie es in der Schule lief“, so Lythcott-Haimes. "Wir dürfen den Stress in unseren eigenen Jobs nicht unseren Kindern vorleben“, sagt die Expertin.

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Lythcott-Haimes während einem ihrer Vorträge. Credit: Youtube

Ihr Rat: Abends einfach das Handy weglegen und die eigene Arbeit ruhen lassen.

Lythcott-Haimes ist der Überzeugung, dass es die Aufgabe der Eltern ist, ihren Kindern ein ruhiges Umfeld fernab von Schule und Leistungsdruck zu bieten - einen "Heimathafen“, in dem sie Ruhe für sich und die Anerkennung finden, die sie wirklich brauchen.

"Das, was für uns selbst richtig erscheinen mag, ist oft der falsche Lebensentwurf für unsere Kinder. Wir müssen unsere Kindern in den Dingen bestärken, die sie wirklich interessiert,“ sagt sie resümierend.

Lythcott-Haimes ist sich sicher: "Nur wenn wir unsere Kindern dazu ermutigen, Kind zu sein, haben wir eine Chance, dass später etwas aus ihnen wird, worauf wir wirklich stolz sein können: ein wundervoller Charakter, lebend in einer glänzenden Persönlichkeit.“

Kindern helfen

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(cho)