POLITIK
30/01/2017 06:53 CET | Aktualisiert 30/01/2017 07:17 CET

"Der 'heilige Martin' muss aus seinem warmen Mantel ein paar konkrete Konzepte hervorholen"

"Der 'heilige Martin' muss aus seinem warmen Mantel ein paar konkrete Konzepte hervorholen"
Christian Hartmann / Reuters
"Der 'heilige Martin' muss aus seinem warmen Mantel ein paar konkrete Konzepte hervorholen"

  • In der SPD herrscht dank Martin Schulz wieder Euphorie

  • Die Medien reagieren eher verhalten auf den neuen SPD-Kanzlerkandidat

  • Ein inhaltliches Konzept müsse dieser erst noch liefern

Martin Schulz, da sind sich die Kommentatoren der deutschsprachigen Medien einig, hat in seiner ersten Rede als offizieller Kanzlerkandidat etwas in der SPD zum Klingen gebracht. Er hat die "Genossen-Seele" gestreichelt, wie es auf "Bild.de" heißt.

Schulz hat den Funken überspringen lassen nach einer Zeit, in der höchstens ein paar Rauchzeichen darauf schließen ließen, dass da mal ein Feuer gebrannt haben muss.

Schulz, der Kandidat mit Machtwillen und Wärme

Wenn dieser Funke überspringt, kommentiert "Bild.de", " dann könnte die Bundestagswahl im September spannender werden, als viele bisher dachten".

Schulz, so steht es in der "Schwäbischen Zeitung" aus Ravensburg, "strahlt die sozialdemokratische Wärme aus, die die Partei unter Sigmar Gabriel vermisste". Trotz vieler Jahre an der Spitze des EU-Parlaments habe Schulz mehr Bodenhaftung bewahrt als viele andere.

Das "Straubinger Tagblatt" attestiert ich "ausgeprägtes Selbstbewusstsein" und "robusten Machtwillen".

Laut "Spiegel Online" könnte Schulz der SPD helfen, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Er wirke überzeugend, wenn er von sich erzähle. Schulz, der Mann aus kleinen Verhältnissen, ohne Abitur, aber mit bewegtem Leben.

Die einsame Lichtgestalt

Dass die SPD Schulz so als Helden feiert, sich an ihm "berauscht", wie es die "Welt" formuliert, wirft aus der Sicht von Politikredakteuren allerdings kein besonders gutes Licht auf die Partei selbst. "Die Lobgesänge", heißt es im Wiener "Standard", "sind zwar schön für den derart Gepriesenen, doch sie zeigen auch, wie bitter nötig die einst so stolze Partei einen Hoffnungsträger hat". Die SPD sei "verzagt und mutlos".

Der "Heilige Martin" soll bald ein Konzept liefern

Und noch ein Manko hat Schulz`Auftritt, da sind sich die Kommentatoren ebenfalls einig: Er hat inhaltlich noch nicht viel zu bieten, kritisiert etwa "Spiegel Online" Bislang sei er vor allem "Projektionsfläche" für die Wünsche und Träume der SPD.

Der "Standard" notiert dazu: "Bald wird der 'heilige Martin' aus seinem warmen Mantel ein paar konkrete Konzepte hervorholen müssen."

"Überzeugend wird Schulz da, wo es um die EU und allgemein um die Außenpolitik geht", heißt es bei "Spiegel Online".

Unklar ist derzeit auch, welche Koalitionen eine SPD unter Schulz eingehen könnte. Wieder Schwarz-Rot? Rot-Rot-Grün? Rot-Grün-Gelb?

Die "Neue Zürcher Zeitung" findet, Schulz' Zurückhaltung sei logisch: "Die SPD wäre auch töricht, sich entsprechend festzulegen – wenngleich das in Teilen der Partei, besonders bei den Jungsozialisten, populär ist."

"Was ist in diesen Zeiten schon rational?"

Wenig einleuchtend allerdings findet das "Straubinger Tagblatt", dass Schulz sich nun bitter beklage über die aktuelle Lage Deutschlands. Schließlich habe die SPD über 19 Jahre, die Zeit zwischen 2009 und 2013 ausgenommen, mitregiert. "Manches, aber wahrlich nicht alles kann die SPD der Union in die Schuhe schieben."

"Spiegel Online" ist außerdem skeptisch, ob Schulz bewegtes Leben, das knapp 40 Jahre zurück liegt, ausreicht, um 20 Jahre Zugehörigkeit zum Brüsseler Polit-Establishment so zu kompensieren, dass er die Politik neu erfinden kann. "Rational ist das nicht. Aber was ist in diesen Zeiten schon rational?"