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29/01/2017 07:33 CET

"Das ist nicht das Amerika, das ich kenne": Wie Einwanderer schon jetzt unter Trumps Einreiseverbot leiden

NurPhoto via Getty Images
Thousands gather at O'hare International Airport in Chicago, on January 28, 2017 to protest Trump's Muslim Ban and demand the release of all detainees. (Photo by Dakota Sillyman/NurPhoto via Getty Images)

  • Muslimische Flüchtlinge und Einwanderer konnten am Samstag wegen Trumps Dekret nicht in die USA einreisen

  • Die Huffington Post USA hat einige ihrer Geschichten gesammelt

Am Freitag hat US-Präsident Donald Trump ein Einreiseverbot für syrische Flüchtlinge und Einwanderer aus sechs weiteren muslimisch geprägten Ländern verabschiedet. Schon Stunden später waren die Folgen davon zu spüren.

Zahlreiche Einwanderer, darunter vor allem Muslime, mussten lernen, dass ihre Hoffnungen und Träume auf ein friedliches Leben in den USA oder auf eine Familienzusammenführung plötzlich in ernster Gefahr schweben - wenn nicht gar bereits zerstört sind.

Die Zukunft syrischer Familien, deren Umsiedlung in die USA zuvor genehmigt worden war, ist nun ungewiss. Iraker, die als Übersetzer für das US-Militär während des Kriegs ihre Leben riskierten, wurden bei ihrer Ankunft auf US-Boden inhaftiert. Und Einwanderer, die schon seit Jahren in den Vereinigten Staaten leben, können nicht mehr darauf hoffen, ihre Familienmitglieder bald wiederzusehen.

Trumps Regierung machte außerdem deutlich, dass 500.000 Green-Card-Besitzer, die aus Irak, Iran, Jemen, Libyen, Somalia, Sudan oder Syrien stammen, bei Ausreise nur in Einzelfällen wieder in die USA einreisen dürften. Befinden sie sich gerade im Land, dürfen sie Amerika nur in Abstimmung mit der Regierung verlassen.

Hier sind die Geschichten einiger dieser Menschen.

Hamid Khalid Darweesh and Sameer Abdulkhaleq Alshawi

Hamid Khalid Darweesh, ein ehemaliger Übersetzer für das US-Militär, und Sameer Abdulkhaleq Alshawi, ein irakischer Flüchtling, wurden Freitagnacht in New York bei Ankunft am Internationalen Flughafen John F. Kennedy festgenommen. Darweesh, der Samstagnachmittag wieder freigelassen wurde, sagte auf einer Pressekonferenz, dass er während seiner Inhaftierung die ganze Nacht über verhört worden war.

Dennoch betonte er seine Begeisterung darüber, in Amerika angekommen und wieder mit seiner Familie zusammen zu sein. Er nannte die USA "das beste Land der Welt".

Am Samstag wurde Mark Doss der Kontakt zu seinen Mandanten verwehrt, so berichtete Doss dem Nachrichtensender CNN.

Doss ist Anwalt beim International Refugee Assistance Project und vertritt Darweesh und Alshawi.

Alshawi wollte zu seiner Frau, einer ehemaligen US-Regierungsmitarbeiterin, und seinen Kindern heimkehren. Sie leben bereits in den USA. Er bleibt mit zehn weiteren Einwanderern zusammen inhaftiert, so Murad Adawdeh von der New York Immigration Coalition."Sie behandeln sie, als hätten sie keine Rechte", sagte Adawdeh.

Obwohl Afghanistan nicht auf der Liste der Länder mit Einreiseverbot steht, wurde ein afghanischer Übersetzer am Internationalen Flughafen von San Francisco festgenommen. Seiner Frau und seinen Kindern wurde die Einreise gewährt.

Dies berichtete Matt Zeller, Gründer der Nonprofit-Organisation No One Left Behind, die afghanischen und iranischen Übersetzern dabei hilft, wieder in den USA anzusiedeln.

Mehr zum Thema: Warum Trumps Einreisestopp den Terrorismus nicht aufhalten wird

Azaz Elshami

Azaz Elshami, eine Sudanesin Mitte 30, hat 2012 eine permanente Aufenthaltsgenehmigung von der Lotterie des Außenministeriums gewonnen. Zuvor hat sie in der US-Botschaft in Saudi Arabien gearbeitet, wo sie bereits von den Behörden vernommen worden ist.

Elshami, die nun als Beraterin für gewaltfreie Kommunikation arbeitet, hat gerade Urlaub in Äthiopien gemacht und Freunde besucht, als Trump sein Einreiseverbot für Einwanderer aus dem Sudan in Kraft treten ließ.

Obwohl sie über eine Green Card verfügt, will Elshami keinen amerikanischen Flughafen ohne Beisein eines Anwalts betreten. Sie macht sich Sorgen, dass sie die USA abweisen und dann in den Sudan zurückschicken. Dort würde ihre Menschenrechtsarbeit ihr Leben gefährden.

"Das ist die Ironie der Sache: Ich stehe nicht hinter der Regierung meines Heimatlandes. Ich war seit 1997 nicht mehr im Sudan. Und dennoch muss ich nun die Konsequenzen dieser Regierung tragen", sagte sie.

Elshamis Touristenvisum in Äthiopien läuft bald aus. An diesem Punkt werden sich ihre Handlungsoptionen verringern. Sie plant nun in ein Land einzureisen, das sudanesische Staatsbürger ohne Visum akzeptiert und von dort aus ihre gesicherte Wiedereinreise in die USA zu organisieren. Derweil lebt Elshamis Mutter, die vor kurzem eine Herzanfall erlitten hat und auf die Hilfe ihrer Tochter angewiesen ist, alleine in den USA.

"Das ist nicht das Amerika, das ich kenne. Ich weigere mich davor, dieses neue Image zu akzeptieren", sagte Elshami.

Mehr zum Thema: "Unamerikanisch und unmenschlich": Die Presse warnt eindringlich vor den Folgen von Trumps Einreisebann

Meathaq and Mahmoud

Meathaq, 45 Jahre alt , und Mahmoud, 49 Jahre alt, sind erst im August gemeinsam mit ihrem fünfjährigen Sohn und ihrer 14-jährigen Tochter aus Bagdad in Knoxville, Tennessee, angekommen. Aber ihre 18-jährigen Zwillingstöchter sind immer noch im Irak.

Dank Mahmouds Übersetzerarbeit für das amerikanische Militär bekam ein Teil der Familie spezielle Einwanderer-Visa. Der Prozess, diese Visa anzuerkennen, dauerte vier Jahre seit dem Erstantrag in 2012. In der Zwischenzeit wurde der allgemeine Sicherheitszustand im Irak immer bedrohlicher. Mahmoud wurde 2014 von einer Autobombe schwer verletzt.

Als die Visa der Familie anerkannt wurden, waren die beiden Töchter bereits 18, was bedeutet, dass die US-Regierung deren Dokumente zusätzlich prüfen musste, bevor sie hätten einreisen dürfen. Nun stecken die Zwillinge in Bagdad fest und ihre Familie wird nicht in der Lage sein, sie zu sich zu holen. Aus Sicherheitsgründen möchten Meathaq und Mahmoud ihren Nachnamen nicht öffentlich nennen.

"Ich weine die ganze Zeit, vor allem, seitdem Präsident Trump die neuen Einreisebestimmungen verhängt hat", sagte Meathaq. "Ich vermisse meine Töchter und die Situation im Irak ist so schlimm, dass ich nicht weiß, was ich tun kann, um zu helfen."

meathaq

Quelle: Meathaq

Mohammed Al Rawi

Mohammed Al Rawi, der als Mitarbeiter im Bagdader Büro der "Los Angeles Times" sein Leben riskierte, zog 2010 nach Long Beach, Kalifornien. Sein Vater wollte letzten Freitag von Katar nach Los Angeles fliegen, um ihn zu besuchen, als ein US-Beamter den 69-Jährigen am Flughafen festhielt und ihn darüber informierte, dass Trump "alle Visa aufgehoben" hätte, so schrieb Al Rawi auf Facebook.

US-Beamte nahmen Al Rawis Vater fest, brachten ihn an einen unbekannten Ort und konfiszierten seinen Reisepass, sodass Al Rawi seinem Vater kein Hotel für die Nacht in Katar buchen konnte, so Al Rawi. Er konnte seinen Vater auch nicht mehr kontaktieren, dessen Handyakku sei leer.

Um Mohammed

Um Mohammed, 30 Jahre alt, zweifache Mutter, lebt seit Sommer 2015 mit ihrem Mann und ihren Kindern in New Jersey. Die Flüchtlingsfamilie arbeitete monatelang daran, Mohammeds Eltern und seine beiden Geschwister aus der Türkei in die USA einreisen zu lassen. Die Einreise wurde schließlich genehmigt und die Reise gebucht, aber die Familie hat sich zu früh gefreut.

Am Samstag, vier Tage, bevor Mohammeds Familienmitglieder für das lang ersehnte Wiedersehen eintreffen sollten, mussten sie wegen Trumps Einreiseverbot ihre Flüge stornieren.

"Es ist vorbei für uns alle", sagte Mohammed.

Nashwan Abdullah

Nashwan Abdullah, 25 Jahre alt, aus Damaskus in Syrien, wird im Mai seinen Master in Musik an der Indiana University of Pennsylvania beenden. Nun, da syrischen Einwanderern die Einreise in die USA nicht mehr genehmigt wird, ist sich Abdullah nicht sicher, ob er nach Ende seines Studiums in Amerika bleiben darf. Er wollte sich eigentlich für ein zwölfmonatiges Arbeitsvisum für ausländische Studenten bewerben, weiß nun allerdings nicht, ob das noch möglich ist.

Abdullah ist sich jedenfalls sicher, dass er nicht nach Syrien zurückkehren wird. Er will nicht vom syrischen Militär eingezogen oder mit der Gefahr und der Unterversorgung in der syrischen Hauptstadt leben.

"Natürlich habe ich Angst, zurückzugehen. In Syrien herrscht Krieg. Es ist gefährlich", sagte er.

Es gibt jedoch einen Funken Hoffnung für Abdullah: Er ist katholisch, deswegen ist er sich nicht sicher, "ob das Einreiseverbot auch für mich gilt." Trump hatte Christen in seinem Dekret vom Einreiseverbot eigentlich ausgenommen.

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Sahar Algonaimi

Grenzbeamte hielten die 60-jährige Syrerin Sahar Algonaimi am Samstag fünf Stunden lang am Internationalen Flughafen O'Hare in Chicago fest. Algonaimi flog von Saudi Arabien nach Amerika, um ihre kranke Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Stattdessen wurde sie nun dazu gezwungen, einen Flug in die Vereinigten Arabischen Emirate zu buchen.

Algonaimi verfügt über ein gültiges US-Visum und wollte eine Woche lang im Land bleiben. Ihre Schwester Nour Ulayyet, amerikanische Staatsbürgerin, die mittlerweile in Indien lebt, bat die Grenzbeamten inständig darum, ihrer Schwester den Zugang zu ihrer Mutter nicht zu verwehren.

"Ich brauche hier jemanden, der mir beisteht", sagte Ulayyet, die sich momentan im Krankenhaus bei ihrer Mutter befindet, unter Tränen. "Wie soll ich meinen Kindern nun beibringen, dass die USA ein freies Land sind? Wie kann ich meine Kinder nun lehren, dass wir uns umeinander kümmern müssen?"

Diese Berichte entstanden durch Mithilfe von Elise Foley und Sebastian Murdock.

Der Text erschien zuerst auf der Huffington Post USA und wurde von Agatha Kremplewski übersetzt.

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