POLITIK
30/01/2017 00:27 CET | Aktualisiert 30/01/2017 10:12 CET

Anne Will legt schonungslos Schulz' größte Schwäche offen

Martin Schulz bei "Anne Will"
ARD Mediathek
Martin Schulz bei "Anne Will"

  • Bei "Anne Will" bekräftigt Martin Schulz seine Ambition, Kanzler zu werden

  • Er wolle die Menschen mit ins Kanzleramt nehmen, sagt Schulz - auf Programmpunkte aber will er sich nicht festlegen

  • Anne Will offenbart diese Schwäche, indem sie etwa beim Thema Mindestlohn hartnäckig nachfragt

Was für ein Auftritt. Während man gestern Abend das Gespräch zwischen dem designierten SPD-Chef und Kanzlerkandidaten Martin Schulz und der Moderatorin Anne Will verfolgte, konnte man nicht anders, als an die Auftritte von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem gleichen Sendeplatz zurückzudenken.

Der Unterschied zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer könnte nicht größer sein. Auf der einen Seite Merkel, die Hände im Schuss ineinander gelegt, vage Sätze nuschelnd, immer darauf bedacht, sich nicht angreifbar zu machen. Auf der andern Schulz: Die Beine übereinander geschlagen, wach, pointiert, angriffslustig und humorvoll.

"Können Sie Kanzler Herr Schulz?", war das Motto der Sendung. Schulz lässt keinen Zweifel daran, dass er die Bundestagswahl gewinnen und Bundeskanzler werden will. Als Will ihn darauf hinweist, dass er keine Regierungserfahrung habe und nur elf Jahre Bürgermeister von Würselen gewesen sei, sagt er: "Obama hatte auch keine Regierungserfahrung." Gut pariert.

"Ich will die Menschen mit ins Kanzleramt nehmen"

Nebenbei, das Rathaus sei der beste Ort, um zu erfahren, welche Probleme die Menschen hätten. "Alles was die Bürgerinnen und Bürger bewegt, das landet sowieso im Rathaus."

"Ich will die Menschen mit ins Kanzleramt nehmen, und die Macht nutzen, um dieses Land und das Leben dieser Menschen zu verbessern“, so Schulz. Das kommt gut an beim Publikum.

Als Will ihn nach seinem "Gewinnerthema" für den Wahlkampf fragt, nennt er "soziale Gerechtigkeit". Es könne nicht sein, dass ein Konzernchef, der ein Unternehmen in den Abgrund führt, einen Bonus kassiert, während die Verkäuferin bei der kleinsten Verfehlung fliegt.

Will legt Schulz' größte Schwäche offen

Schulz zieht das Publikum auf seine Seite. Und doch zeigt die Sendung seine größte Schwäche: Außer seiner eigenen Persönlichkeit hat er dem Wähler nicht viel anzubieten. Was sein Programm angeht, bleibt er vage.

Er will für „ ein würdiges Einkommen mit einem sicheren Arbeitsplatz" sorgen, sagt er. Ein europäisches Steuersystem einführen, um Steuerflucht zu verhindern. Die Polizei soll gestärkt werden. Irgendwie soll die Wohnungsnot bekämpft werden.

Will zitiert eine Umfrage, in der 65 % der Befragten angaben, dass sie nicht wissen, für welche Politik Schulz eigentlich steht. Dennoch gaben sie ihm gute Bewertungen.

Bekommt er diese Sympathiepunkte, gerade weil sich in Schulz alles hineininterpretierten lässt? Der größte Fehler, den er jetzt machen könnte, sei, sich inhaltlich kenntlich zu machen oder sich mit der Programmatik der SPD zu belasten, stichelt Will.

"Sowohl gefühlt als auch faktisch der bessere Kandidat"

"Sind Sie eher der gefühlt bessere Kandidat, als dass sie faktisch der bessere wären?", fragt Will. Schulz bleibt selbstbewusst: "Ich bin sowohl gefühlt als auch faktisch der bessere Kandidat." Lacher im Publikum.

Doch Will hat ihn am Wickel. Sie konfrontiert ihn mit Maurike Maaßen, einer 54-jährige Betriebsrätin und Supermarkt-Verkäuferin in Essen-Altendorf. Die ist zur Linken gewechselt, weil sie von der SPD enttäuscht war. "Vertrauen Sie diesem Mann, wenn Sie ihm tief in die Augen schauen?", fragt Will Maaßen. "Als Mensch sind Sie mir wesentlich sympathischer als Herr Gabriel", antwortet die. Sie will Schulz aber keinen Vertrauensvorschuss geben. Stattdessen möchte sie erstmal Taten sehen.

"Legen sie sich mich nicht auf eine Zahl fest!"

Will möchte ihn festnageln. Würde er den Mindestlohn erhöhen? "Legen sie sich mich nicht auf eine Zahl fest!", antwortet Schulz. "Doch!", pariert Will frech. Nachher würde Frau Maaßen sagen, "Haste mir was versprochen, was du gebrochen hast!“, befürchtet Schulz.

Jetzt geraten die Moderatorin und der Politiker aneinander. Schulz will nicht unterbrochen werden, während er eine Wählerin überzeugen will. "Wenn mir hier jemand nach jedem dritten Wort ins Wort fällt, dann geht das gar nicht." Er will sich rauswinden, stellt Will fest.

Ob und wie hoch er den Mindestlohn erhöhen will, sagt er nicht. Und das zeigt sein größtes Problem. Ohne ein eindeutiges Programm ist er eben nur der "gefühlt bessere" Kandidat.

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(jg)