POLITIK
25/01/2017 12:39 CET

Trumps neue Horrorwelt: Diese Dinge aus Orwells "1984" sind jetzt schon Realität

Die Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump erinnert teilweise an George Orwells Roman "1984" über einen utopischen Überwachungsstaat im Jahr 1984
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Die Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump erinnert teilweise an George Orwells Roman "1984" über einen utopischen Überwachungsstaat im Jahr 1984

  • Donald Trump weckt böse Erinnerungen an George Orwells düsteren Jahrhundert-Roman "1984"

  • Der neue US-Präsident nutzt das Motiv des "endlosen Krieges“ - in Orwells Werk ein wesentlicher thematischer Bestandteil

  • Wie in "1984" verwendet auch Trumps politische Gefolgschaft Sprache als Herrschaftsinstrument

Gerade einmal fünf Tage lang ist Donald Trump nun Präsident der Vereinigten Staaten. Und die Bestsellerliste bei "Amazon" führt ein Buch an, das seit seinem Erscheinen im Jahr 1948 wie kein zweites für die Bedrohung der Demokratie durch totalitäre Ideen steht: George Orwells "1984“.

In dem Buch beschreibt der Autor einen brutalen Überwachungsstaat, der sich aus der Bewegung des "Englischen Sozialismus“ entwickelt hat. Im fiktiven Land "Ozeanien“ bedeutet der Staat alles, und der einzelne Bürger nichts.

Das Werk ist bis heute Pflichtlektüre an vielen Schulen. Es ist eine Warnung vor den Gefahren durch faschistoide Massenbewegungen für die Demokratie. Aber wer hätte gedacht, dass Orwells Beschreibungen einmal tatsächlich auf die realen politischen Verhältnisse in den USA passen würden?

Nach Trumps Amtsantritt ist nichts mehr so, wie es mal war. Und wenn wir die Warnung von Orwell wirklich ernst nehmen wollen, ist es Zeit, für einen Moment innezuhalten und über Trumps Methoden nachzudenken.

1. Trumps Kindergebrabbel ist eine zeitgemäße Form von "Neusprech“

In "1984“ führt der Staat eine neue Sprache ein, die durch politische Richtlinien bestimmt ist - "Neusprech“.

Im Jahr 1984 beherrschen viele Menschen noch "Altsprech“, also die klassische Variante des Englischen. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass Gedanken differenziert geäußert werden können. Zweifel, Zwischentöne und Widersprüche können zum Ausdruck gebracht werden.

"Neusprech“ dagegen fehlt es an vielen Vokabeln. Die neue Landessprache zeichnet sich vor allem durch Vereinfachungen aus, die das Denken der Menschen fortan bestimmen sollen. Verben etwa werden zu Substantiven: "Sprech“ heißt "Sprache“. Das Wort "frei“ existiert nur noch in seiner negativen Bedeutung: "frei sein“ von etwas.

Bis zum Jahr 2050 sollen alle Bürger von Ozeanien sich nur noch in "Neusprech“ verständigen, so der Plan. Dann soll die Sprache kein kritisches Denken mehr zulassen.

Trumps Sprache als gewählter Präsident der Vereinigten Staaten ist mit dem Wort "unpräzise“ nur lückenhaft beschrieben. Seine Interviews sind bisweilen kaum lesbar, weil er sich ständig in Satzketten verfängt, sich von Absatz zu Absatz widerspricht und kaum in der Lage ist, einen Gedanken sinnvoll zu begründen. Sein Wortschatz gleich dem eines versetzungsgefährdeten Neuntklässlers.

Ein zufällig ausgewähltes Beispiel aus seinem ersten Interview mit der "New York Times“, der er offenbar mit diesen Worten schmeicheln wollte:

"Sehen Sie, ich habe großen Respekt für die Times, und ich hätte gerne Gegenseitigkeit. Ich denke, das würde den Job, den ich mache, viel einfacher machen. Wir arbeiten sehr hart. Wir haben tolle Leute, die kommen. Ich denke, Sie werden sehr beeindruckt sein von den Namen. Wir werden sehr bald welche verkünden. (…)

Jeder wollte das machen. Die Leute geben enorme Karrieren auf, um sich Leuten wie euch zu unterwerfen, und vielen anderen. Aber sie geben viel auf. Ich meine, manche geben enorme Geschäfte auf, um vier oder acht Jahre oder wie viele auch immer zu sitzen. Aber ich denke, wir werden enorme Talente, enorme Talente reinkommen sehen. Wir haben viele Leute für jeden Job. Ich meine, egal welcher Job, wir haben viele unglaubliche Leute.“

2. Der Begriff "alternative Fakten“ ist nichts weiter als totalitärer Sprachbetrug

In Orwells "Neusprech“ werden in der so genannten "B-Kategorie“ jene Wörter zusammengefasst, die eine politische Bedeutung haben.

Hässliche Begriffe, die den zerstörerischen Charakter totalitärer Herrschaft offenlegen könnten, werden durch neue, harmlosere Wörter ersetzt. Ein "Arbeitslager“ heißt demnach "Freudelager“. Das "Kriegsministerium“ heißt "Minipax“, eine Kurzform für "Friedensministerium“.

Bei Trump funktioniert das ganz ähnlich. Erst ärgert sich der frisch vereidigte Präsident darüber, dass es Medienberichte zu der offenbar niedrigen Besucherzahl bei der Zeremonie gibt. Dann lässt er seinen Sprecher Sean Spicer Behauptungen verbreiten, die mittlerweile als Unwahrheiten entlarvt sind. Und schließlich spricht seine Beraterin Kellyanne Conway von „alternativen Fakten“, die Spicer präsentiert habe.

Diese Verdrehung von Sinn und Unsinn könnte man für possierlich halten. Sie ist tatsächlich aber brandgefährlich, weil viele Leute so etwas glauben wollen.

3. "Doppeldenk“ war Kern von Trumps Kampagne

In Orwells Roman leben die Menschen in einer Welt, in der sie nur mit "Doppeldenk“ bestehen können: Einerseits wissen sie, wie die Welt in ihren Augen beschaffen ist. Andererseits entwickeln sie die Fähigkeit, sehr aufrichtig an offensichtliche Lügen zu glauben und diese mit Überzeugung zur verbreiten.

Donald Trumps Kampagne war voll von offensichtlichen Lügen. Zum Beispiel verbreitete er, dass die Arbeitslosenquote in Amerika bei bis zu 42 Prozent liegen könnte. Tatsächlich liegt sie bei 4,9 Prozent.

Das wussten natürlich auch die meisten seiner Anhänger, man sollte nicht den Fehler begehen, sie alle für "dumm“ zu halten. Aber die Trump-Fans akzeptierten diese Lüge womöglich als eine Art Chiffre: Dafür, dass die Dinge in den USA ihrer Meinung nach aus dem Ruder geraten sind. Und sie verbreiten sie weiter.

4. Trump nutzt das Motiv des "endlosen Krieges“

Bei Orwell befindet sich Ozeanien ständig im Krieg. Die militärische Auseinandersetzung wirkt dabei für die Bevölkerung verbindend: Denn dadurch wird nicht nur ein gemeinsames Feindbild skizziert - sondern auch ein gemeinsamer Auftrag, hinter dem die Bedürfnisse des einzelnen verschwinden.

Hannah Arendt schrieb darüber auch in ihrem Werk "Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“. Sie zitierte Leo Trotzki und sein Konzept der "ständigen Revolution“. Totalitäre Regime können nach der Übernahme der Macht nicht einfach aufhören zu kämpfen, sie müssen ihre Existenz durch die Fortschreibung des Kampfes rechtfertigen.

Nun mag Trump kein totalitärer Herrscher sein. Aber seine Ideologie trägt totalitäre Züge. Deutlich wurde das bei seiner Antrittsrede nach der Vereidigung am Kapitol. Statt – wie in Demokratien üblich – den politischen Gegnern künftig die Zusammenarbeit anzubieten, redete er von der "Geburt eines neuen Jahrtausends“, dem "Ende der hohlen Phrasen“ und der angeblich verkommenen politischen Klasse in Amerika, die er bekämpfen wolle.

Trump machte deutlich, dass er Andersdenkende als Feinde betrachtet. Und ihnen gilt fortan sein Kampf – ganz im Sinne der "ständigen Revolution“.

5. Medien haben die Sprache von Trumps Bewegung kritiklos übernommen

Orwell zitiert in seinem Roman einen fiktiven Leitartikel der ebenso fiktiven "Times“ im "Neusprech“. Dessen Überschrift lautet: "Altdenker unbauchgefühl Engsoz“, was sich übersetzen lässt mit: "Diejenigen, deren Ideen vor der Revolution geformt wurden, können die Prinzipien des englischen Sozialismus gefühlsmäßig nicht voll erfassen.“

"Altdenker“ ist ein Wort, das viel harmloser erscheint, als es den Personen in "1984“ tatsächlich vorkommt. Man könnte es auch mit "Konterrevolutionär“ übersetzen. Auch hier erfüllt Sprache eine Funktion als Herrschaftsinstrument: Sie soll mit scheinbar harmlosen Vokabeln dazu dienen, das Denken von Menschen zu manipulieren.

In einer Demokratie müssen Medien vorsichtig mit Begriffen umgehen, gerade weil Sprache das Denken prägt. Tatsächlich aber wurde – besonders in Amerika – zum Beispiel der Begriff „Alt-Right“ („Alternative Rechte“) monatelang wie ein legitimes, echtes Wort benutzt. Es ist die Eigenbezeichnung einer rassistischen Sammlungsbewegung, denen auch der neue Chef-Berater von Donald Trump, Stephen Bannon, in großer Sympathie zugewandt ist.

Unter Bannons Regie wurde "Breitbart News“ zum zentralen Organ der neuen Nazis, die freilich nie so genannt wurden, sondern eben "alternative Rechte“. Wie gefährlich diese Bewegung tatsächlich ist, blieb vielen womöglich deswegen unklar.

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