NACHRICHTEN
24/01/2017 10:55 CET

ARD-Magazin: Immer mehr Flüchtlingskinder werden Opfer von Gewalttaten

Getty

  • Die Zahl von Gewalttaten gegen minderjährige Geflüchtete nimmt stark zu

  • Das ergab eine Auswertung der Fallzahlen der Beratungsstellen durch das ARD-Magazins "FAKT"

  • Rechtsextremismusforscher Matthias Quent sieht den Rechtsruck der deutschen Gesellschaft in der Verantwortung

Die Gewalt gegen minderjährige Geflüchtete hat stark zugenommen. Die Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt haben im vergangenen Jahr deutlich mehr Angriffe auf Flüchtlingskinder registriert, als im Jahr zuvor.

Das ergeben Recherchen des ARD-Magazins "FAKT". Demnach wurden im vergangenen Jahr mindestens 261 ausländische Kinder Gewaltopfer. Im Jahr 2015 wurden 179 Fälle gezählt.

Bundesweite Zahlen zur Gewalt gegen minderjährige Geflüchtete gibt es zwar nicht - der von "FAKT" ermittelte massive Anstieg von Gewalt wurde aber in allen sieben deutschen Beratungsstellen registriert.

Opferberatung: "Angriffe in dieser Fülle noch nicht gehabt"

Allein die Opferberatungsstellen in Ostdeutschland und Berlin zählten im Jahr 2015 172 rassistisch motivierte Angriffe auf Kinder bis 16 Jahre. 2016 waren es schon 242 - eine Steigerung um 41 Prozent.

"Das haben wir in dieser Fülle noch nicht gehabt. Es gab schon mal Fälle, wo auch Erwachsene, organisierte Neonazis, Kinder angegriffen haben", sagte Sven Peter von der "Ezra, Opferberatung Thüringen" gegenüber "FAKT".

"In der Fülle, wie es jetzt ist, hatten wir es noch nicht", sagte Peter. Es sei tatsächlich eine zurückgehende Hemmschwelle wahrzunehmen. "Kinder anzugreifen ist nochmal was ganz anderes als Erwachsene anzugreifen."

Dunkelziffer der Gewalttaten wahrscheinlich noch höher

Die Beratungsstellen für Opfer fremdenfeindlicher Gewalt gibt es lediglich in den ostdeutschen Bundesländern, in Berlin sowie in Nordrhein-Westfalen.

Sie registrierten ausschließlich Fälle von Körperverletzungen, versuchten Körperverletzungen sowie massive Bedrohungen aus politischen und rassistischen Motiven. Nicht gezählt wurden zum Beispiel "bloße Beleidigungen" oder Diskriminierungen.

Darüber hinaus ist die Definition von Kindern in den Beratungsstellen unterschiedlich: Einige Stellen beziehen bis 13-Jährige mit ein, andere bis 16-Jährige - die Dunkelziffer der Gewalttaten gegen Flüchtlingskinder ist somit wahrscheinlich noch höher zu erwarten.

Extremismusforscher: Rechtsruck in Deutschland schlägt in Gewalt um

Der Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent sieht als Ursache für die gestiegenen Gewaltdelikte auch die derzeitige Stimmung im Land.

"Der aktuelle Rechtsruck, der sich widerspiegelt in den Pegida-Mobilisierungen, in rassistischen Tönen, in rechtspopulistischer Mobilisierung, in den Hasskommentaren in den sozialen Netzwerken allgemein, das ist natürlich der Stoff, aus dem Gewalttäter das Gefühl kriegen", sagte Quent im Gespräch mit "FAKT".

Die Täter handelten im Sinne einer größeren Mehrheit und "können deswegen ihre Gewalt als berechtigt erfahren", erklärte der Soziologe.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png