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23/01/2017 12:09 CET

Medienbericht: Berlin-Attentäter Anis Amri hätte bereits in Italien abgeschoben werden können

Anis Amri
dpa/Bundespolizei
Anis Amri

  • Die "Welt" berichtet, italienische Behörden hätten bereits im Jahr 2011 eine Geburtsurkunde von Anis Amri gehabt, die ihn als Nicht-Minderjährigen ausweist

  • Der Berlin-Attentäter, damals in Abschiebehaft, hätte somit nach Tunesien ausgewiesen werden können

  • Amri soll zudem Teil einer Geheimoperation eines italienischen Nachrichtendienstes gewesen sein

Nach einem Bericht der "Welt am Sonntag" hätte Anis Amri niemals in Deutschland ankommen dürfen.

Nach Informationen der Zeitung waren italienische Behörden schon 2011 im Besitz einer Geburtsurkunde, die Amri als Nicht-Minderjährigen ausweist. Damit wäre eine Grundlage für Amris Abschiebung nach Tunesien gegeben gewesen - im Jahr 2011 saß der Berlin-Attentäter wegen mehrerer Delikte in italienischer Abschiebehaft.

Die "Welt" beruft sich auf zwei Quellen aus dem italienischen Sicherheitsapparat: Ihnen zufolge sei Amris Freilassung Teil einer Geheimoperation gewesen, die islamistische Szene in Italien zu unterwandern.

Italien verschwieg Amris Identität und seine Geburtsurkunde

Der "Welt" zufolge wurde die beglaubigte Abschrift der Geburtsurkunde von Anis Amri am 24. Juni 2011 ausgestellt und anschließend an die italienischen Behörden übermittelt. Überstellt habe die Urkunde das tunesische Konsulat in der sizilianischen Stadt Palermo.

Amri hielt sich in Italien als angeblich unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter auf. Die Geburtsurkunde, deren Abschrift der "Welt" vorliegt, weist aber das Geburtsjahr 1992 auf. Mit Amris ausgewiesener Volljährigkeit hätte eine Grundlage für seine Abschiebung vorgelegen.

Denn: Der Tunesier saß seit Oktober 2011 wegen Brandstiftung, Diebstahl, Bedrohung und Körperverletzung in italienischer Abschiebehaft. Italien hatte bisher behauptet, die tunesischen Behörden hätten seine Abschiebung verweigert. Der tunesische Ministerpräsident Yussef Chahed hingegen sagte der "DPA": "Wir haben in diesem Fall wie üblich kooperiert, das lief ideal."

Den Erhalt der Urkunde hatte die italienische Regierung bisher verschwiegen. Recherchen der "Welt" zufolge flossen aber mehrfach Informationen aus dem Dokument in offizielle Polizeiprotokolle und Gerichtsakten ein. In allen Dokumenten nach 2011 stünde das richtige Geburtsdatum.

"Welt": Amri sollte Lockvogel in der islamistischen Szene Italiens werden

Die "Welt" berichtet weiter, Amris Entlassung aus der Abschiebehaft im Juni 2015 könnte Teil einer Geheimoperation des italienischen Nachrichtendienstes AISI gewesen sein.

Zwei unmittelbar mit den Untersuchungen des Falls befasste Quellen aus dem italienischen Sicherheitsapparat sollen der Zeitung dies unabhängig voneinander berichtet haben.

Diesen Informanten zufolge habe der AISI Anis Amri nach seiner Freilassung am 17. Juni 2015 zunächst überwacht. Der Tunesier habe bei der geplanten Operation als Lockvogel in die islamistische Szene Italiens eingeschleust werden sollen.

Wegen einer Panne hätten die Behörden ihn aber schließlich aus den Augen verloren. Letztlich reiste Amri im Herbst 2015 nach Deutschland weiter.

Wütende Reaktionen aus Italien

In Italien fiel die Reaktion auf die Berichte und Anschuldigungen der "Welt" gereizt aus.

Eine Anfrage der Zeitung an das Büro des italienischen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni, dem der Nachrichtendienst AISI unterstellt ist, blieb bisher unbeantwortet.

Der Chef des italienischen Amts für öffentliche Sicherheit, Franco Gabrielli, reagierte nationalen Medien gegenüber am Sonntag mit heftigen Worten auf die Berichte. Diese seien falsch und eine "Herabwürdigung des ganzen Landes", zitiert ihn die "Welt".

Die Anschuldigungen seien "infam" und "frei erfunden". Gabrielli drohe, die verantwortlichen Autoren zu verklagen.

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(ks)