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20/01/2017 07:45 CET | Aktualisiert 20/01/2017 08:33 CET

Die Fake-News-Polizei: ARD und ZDF sollen Falschnachrichten bei Facebook herausfiltern

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg
Stephen Lam / Reuters
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

  • Facebook möchte ARD, ZDF und weitere deutsche Medien als Faktenprüfer anwerben

  • Die angefragten Medien prüfen derzeit eine Zusammenarbeit mit dem sozialen Netzwerk

  • Facebook hat nach Kritik an seinem Umgang mit Fake News einen Strategiewechsel angeregt - von Experten kommt heftige Kritik

Vor Kurzem wäre das noch unvorstellbar gewesen: Facebook, das größte und mächtigste soziale Netzwerk der Welt, bittet um Hilfe. Ausgerechnet in Deutschland.

Der Hintergrund: Falsche Nachrichten, sogenannte Fake News, die User massenhaft auf Facebook posten.

Nachdem Facebook lange nichts gegen Verbreitung der Falschmeldungen getan hatte, wuchs die Kritik massiv - jetzt soll eine extern rekrutierte Fake-News-Polizei Abhilfe schaffen.

Das US-Unternehmen hat laut einem Bericht der "Welt" mehrere große deutsche Medienunternehmen angefragt, eine Kooperation gegen die Verbreitung von Fake News im weltweit größten sozialen Netzwerk einzugehen.

Auf Nachfrage der Zeitung bestätigten neben "Spiegel Online" und der "Bild" jetzt auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF eine solche Kontaktaufnahme Facebooks.

Bisher konnte Facebook in Deutschland das Rechercheportal "Correctiv" als Partner gegen die Verbreitung von Falschmeldungen gewinnen.

Deutsche Medien prüfen Zusammenarbeit

„Es gab seitens Facebook Vorsondierungen beim ZDF. Informationen auf ihre Richtigkeit zu überprüfen ist Alltagsgeschäft in unseren Redaktionen", zitiert die "Welt" eine Reaktion des ZDF. Der Mainzer Sender wolle das Phänomen Fake News weiterhin beleuchten - für die "Welt" ein Hinweis, dass eine Zusammenarbeit mit Facebook geprüft werde.

Auch die ARD bestätigte der "Welt" die Anfrage von Facebook - es habe jedoch noch keinen konkreten Austausch gegeben. Weiter sind die Gespräche laut der "Welt" zwischen dem "Spiegel" und dem sozialen Netzwerk: „Wir beraten die Anfrage und werden das prüfen“, zitiert die Zeitung das Nachrichtenmagazin.

Die Zusammenarbeit der Medienunternehmen soll - wie schon im Fall "Correctiv" - unentgeltlich erfolgen.

Falschmeldungen florieren auf Facebook

Im Verlauf des letzten Jahres war Facebook beim Thema Fake News zunehmend unter Druck geraten.

Eine Analyse des US-Nachrichtenportals "Buzzfeed" fand so etwa heraus, dass virale Falschmeldungen über den US-Wahlkampf auf Facebook weit mehr Engagement vorwiesen, als die recherchierten Artikel von renommierten Medien wie der "New York Times" oder der "Washington Post".

Die 20 reichweitenstärksten Fake News generierten demnach 8.711.000 Likes, Shares und Kommentare - im gleichen Zeitraum waren es für die 20 bestgeklickten Artikel von 19 großen Medienseiten fast 1.5 Millionen Nutzer-Interaktionen weniger.

Facebooks indifferenter Umgang mit Falschmeldungen wurde auch auf Grund dieser Zahlen wieder und wieder kritisiert.

Eine der Folgen: Die Bundesregierung plant aktuell ein Gesetz, das die Verbreitung von Fake News durch Geldbußen bestrafen soll.

Die Staatsanwaltschaft München leitete im November 2016 sogar Ermittlungen wegen Verdachts auf Beihilfe zur Volksverhetzung gegen das Unternehmen ein.

Facebooks erzwungener Strategiewechsel

Facebook reagierte auf den wachsenden Druck, indem es ankündigte, seinen Umgang mit Falschmeldungen anzupassen.

Ein einfacheres Meldesystem soll es Nutzern ermöglichen, falsche Meldungen durch Klicken auf die obere rechte Ecke eines Beitrags zu markieren. Außerdem habe das Unternehmen es Spammern unmöglich gemacht, Webseiten von bekannten Nachrichtenagenturen zu fälschen und damit Geld zu verdienen.

Als letzte Maßnahme soll ein Team aus externen Faktenprüfern - in Deutschland "Correctiv" und in Zukunft vielleicht auch ARD, ZDF und Co. - herangezogen werden, "um objektive, unvoreingenommene Bewertungen von Nachrichten bereitzustellen."

Diese Fake-News-Polizei soll als unglaubwürdig eingestufte Links mit Warnhinweisen versehen können. Die Beiträge könnten weiter geteilt werden, wobei jedoch eine Warnung anzeigt werde, die den Wahrheitsgehalt des Inhalts anzweifelt.

Auch könnten verwarnte Beiträge nicht mehr zu Werbeanzeigen gemacht oder hervorgehoben werden.

Zensurvorwürfe gegen Facebook

Doch an Facebooks Anti-Fake-News-Offensive gibt es auch scharfe Kritik.

Die neue Strategie laufe bestenfalls unter dem Begriff "Augenwischerei", bemängeln Experten.

Patrick Beuth, Redakteur im Ressort Digital bei "Zeit Online" schrieb im Dezember über Facebooks Pläne: "Alle bisher diskutierten Lösungen sind schlecht. Greift das Unternehmen stärker redaktionell in die Newsfeeds ein, wird es viele Nutzer verärgern, sobald es aus deren Sicht mal falsch entscheidet."

Freiwillige Zensur und privatisierte Rechtsdurchsetzung seien schwere Vorwürfe, die auch bei Anzeigenkunden nicht ankämen.

Der Journalist Paul Schreyer warnte unlängst im Onlinemagazin "Telepolis", Facebook treibe die Privatisierung der Zensur voran.

Das Medienunternehmen mit politischer Ausrichtung nun über den Wahrheitsgehalt von Beiträgen in sozialen Netzen entscheiden würden, verringere sicher nicht "das grundlegende Misstrauen und die Ablehnung breiter Bevölkerungsschichten gegenüber der etablierten Politik".

Der "Welt" sagte der Journalistikprofessor Volker Lilienthal: „Medien sollten sich an dieser Initiative von Facebook nicht beteiligen.“ Die Aufgabe des Journalismus sei die Berichterstattung für die Öffentlichkeit, „nicht das Säuberungsgeschäft für Facebook“.

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