WIRTSCHAFT
18/01/2017 13:27 CET | Aktualisiert 19/01/2017 00:39 CET

Türkei droht dramatische Wirtschaftskrise - sie könnte das Ende der Ära Erdogan bedeuten

Recipe Tayyip Erdogan
Umit Bektas / Reuters
Recipe Tayyip Erdogan

  • Die türkische Währung befindet sich im Sinkflug

  • Das Problem könnte zu einer großen Wirtschaftskrise heranwachsen - und damit für den türkischen Präsidenten Erdogan gefährlich werden

Die Türkei hat ein hartes Jahr hinter sich. Und ein noch härteres vor sich.

Der Republik am Bosporus droht auf Grund anhaltender Rezession eine massive Wirtschaftskrise. Zum ersten Mal seit sieben Jahren schrumpfte im dritten Quartal des letzten Jahres die Wirtschaft. Die wirtschaftliche Talfahrt könnte den wachsenden Wohlstand des Landes gefährden - und damit auch die Machtgrundlage von Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Die wichtigsten Ursachen und Brandherde der drohenden Krise - und ihre möglichen Folgen für Erdogan - im Überblick.

1. Rekordabsturz der türkischen Lira

Die türkische Lira eilt von Rekordtief zu Rekordtief. Seit dem gescheiterten Putschversuch im Juli verzeichnet sie einen Wertverlust von 30 Prozent; der Wechselkurs steht derzeit bei schwachen vier türkischen Lira für einen Euro - ein Rekordtief.

Um dem Kursverfall entgegen zu steuern, erlaubte die türkische Nationalbank den türkischen Finanzinstituten, mehr ihrer Dollar-Bestände zu verkaufen, um liquide zu bleiben. Dennoch verharrt die Lira auf ihrem Tiefpunkt - mit weitreichenden Konsequenzen.

Nicht nur schreckt die schwache Währung ausländische Investoren ab, sie sorgt auch dafür, dass die gut 300 Milliarden Euro Verpflichtungen türkischer Unternehmen in ausländischer Währung zu einer weit schwerer zu stemmenden Last werden.

Das gleiche gilt für das Leistungsbilanzdefizit der Türkei: Seit Beginn des neuen Jahrtausends importiert die Türkei regelmäßig mehr Güter, als sie exportiert. Der katastrophale Kurs der Lira macht diese Importe nun bedeutend teurer.

Die dadurch ausgelöste hohe Inflationsrate von bis zu 8,5 Prozent hat zur Konsequenz, dass den Türken bei gleichem Geld weniger Mittel zum Leben bleiben.

2. Politisch instabile Lage

Die Sicherheitslage in der Türkei hat sich dramatisch verschlechtert: Fast 500 Menschen starben 2016 bei Terroranschlägen, wie zuletzt dem auf einen beliebten Istanbuler Club in der Silvesternacht.

Zur instabilen politischen Lage des Landes tragen auch die neuerliche Eskalation des Kurden-Konflikts sowie Erdogans Konterrevolution auf den versuchten Putsch im Sommer bei. Die massenhaften Entlassungen und Festnahmen tausender Beamter, Richter, Journalisten und Militärs schwächen den Staatsapparat und die Zivilgesellschaft - sowie das Vertrauen der Märkte.

Die Tourismus-Branche, verantwortlich für die Erwirtschaftung vonetwa 13 Prozent des jährlichen türkischen Brutto-Sozialprodukts erlebt bereits seit Beginn des Syrien-Kriegs einen enormen Einbruch bei den Kundenzahlen.

Seit dem gescheiterten Coup im Sommer ziehen zudem immer mehr Investoren ihr Geld aus der Türkei ab - eine schwere Hypothek für das Land, das massiv von ausländischen Kapitalströmen abhängig ist.

3. Erdogans Willkür

Schon im April 2015 warnten zwei Analysten der Wirtschaftsberatung Sidar Global Advisors in "Foreign Policy", dass die Türkei tiefgebende und nachhaltige Wirtschaftsreformen benötige. Doch Erdogans zwölf Jahre an der Macht "machen wenig Hoffnung, dass er und die AKP Willens sind, zu tun, was getan werden muss."

Tatsächlich deutet Erdogans Reaktion auf die aktuelle Krisenentwicklung nicht auf eine nachhaltige Strategie für die Türkei hin. Wie die türkische Tageszeitung "Hürriyet" berichtet, bezeichnete er am Dienstag ausländische Investoren als "Wirtschaftsterroristen", deren Ziel es sei, die türkische Wirtschaft lahmzulegen.

Erdogan legt sich auch mit den türkischen Banken an. Trotz grassierender Inflation - und entgegen der Meinung des Chefs der türkischen Zentralbank sowie Eingebungen internationaler Beobachter - forderte er mehrfach Zinssenkungen, um neuerliche Investitionen zu ermöglich. "Wenn die Verantwortlichen im Finanzsektor nicht die Zinshähne für Unternehmer und Investoren öffnen, kriegen sie es mit uns zu tun", wird Erdogan in der "Hürriyet" zitiert.

Der autoritär-willkürliche Regierungsstil des türkischen Präsidenten und seine Missachtung der Unabhängigkeit der Zentralbank dürften die Verunsicherung der globalen Anleger nur noch vertiefen.

4. Arbeitslosigkeit

Vor der Parlamentswahl 2001, vor Erdogans Aufstieg zum starken Mann der Türkei, fand die AKP bei der größten Volksbefragung der türkischen Geschichte heraus, dass die Türken sich vor allem wirtschaftlichen Aufschwung, Sicherheit und Gerechtigkeit wünschten.

Ein Jahr später wurde Erdogan türkischer Ministerpräsident und trat an, die Türkei in den Kreis der global größten Wirtschaftsmächte zu führen. Zunächst mit Erfolg: Allein von 2006 bis 2014 erhöhte sich etwa der durchschnittliche Reallohn der Türken von 14.252 Lira (ca. 8900 Euro) auf 27.830 Lira (ca. 10.000 Euro) im Jahr.

Doch jetzt sind mehr als 11 Prozent der Türken arbeitslos; die Wirtschaft verlor im dritten Quartal 2016 um 1,8 Prozent an Wert - der erste Rückgang nach sieben Jahren stetigen Wachstums.

Fazit: Gerät die Krise außer Kontrolle, könnte sie Erdogans Ende einläuten

Die Rating-Agenturen Moody´s und Standard & Poor´s haben die Kreditwürdigkeit der Türkei derweil auf Junk-Status herab gestuft. Gemäß eines Berichts der "DailySabah" steht auch eine Herabstufung durch die Agentur Fitch bevor.

Bei einer Befragung des German Marshall Funds of the United States aus dem Sommer 2015 gaben 55 Prozent der Befragten an, die Türkei entwickle sich in die falsche Richtung; 67 Prozent gaben an von der ökonomischen Misslage negativ betroffen zu sein.

Schafft es Erdogan nicht, das Vertrauen in die türkische Wirtschaft wiederherzustellen, die drohende Krise abzuwenden und den neu gewonnenen Wohlstand der türkischen Bevölkerung zu sichern, könnte ihn das die von ihm angestrebte Präsidialrepublik und sogar sein Amt kosten.

Die Türken haben Erdogan gewählt, damit er sie und ihr Land ins 21. Jahrhundert führt. Das bedeutete vor allem: Wirtschaftlichen Wohlstand und Sicherheit schaffen. Derzeit kann Erdogan keines von beidem versprechen. Das könnte den Anfang seines Endes bedeuten.

(Mit Material der dpa)

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

(mf)