POLITIK
18/01/2017 02:34 CET | Aktualisiert 18/01/2017 05:34 CET

Ihre Eltern starben beim Berlin-Anschlag – wie sie behandelt wurde, ist beschämend

  • Noch ist nicht klar, ob die Opfer des LKW-Anschlags in Berlin entschädigt werden

  • Nicht nur deshalb wächst der Unmut bei den Angehörigen

  • Eine Studentin, die ihre Eltern verloren hat, erhebt in der "Bild" schwere Vorwürfe gegen das LKA und die Berliner Charitè

  • Um das Thema geht es auch im Video oben

Der Rechtsausschuss des Bundestags berät heute über eine Entschädigung der Opfer des Terroranschlags am Berliner Breitscheidplatz.

Bislang ist völlig unklar, ob den Angehörigen der 12 Toten und 50 Schwerverletzten eine staatliche Hilfe zusteht. Das Opferentschädigungs-Gesetz gilt nämlich nicht für mit Fahrzeugen verübte Anschläge.

Kein Wunder, dass sich Angehörige der Berlin-Opfer von der Politik im Stich gelassen fühlen. In der "Bild"-Zeitung packt nun eine 22-jährige Studentin aus, die in Berlin ihre Eltern verlor.

Auch sie fühlt sich allein gelassen – und erhebt schwere Vorwürfe gegen das Landeskriminalamt und die Berliner Klinik Charité. Hierher wurden die Körper der beiden Toten gebracht.

Ein beschämender Brief

An Weihnachten habe sie einen Brief der Charité erhalten, berichtet sie in der "Bild". Darin eine Zahlungsaufforderung über 51 Euro für die "Untersuchung eines Toten (unbekannt), einschließlich Feststellung des Todes".

Der Vorfall zeigt viel über den Umgang mit den Opfern und ihren Familien – auch wenn Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin sich laut "Bild"-Informationen später bei der Studentin entschuldigte und die Rechnung für hinfällig erklärte.

Doch nicht nur das Charité legte im Umgang mit den Angehörigen offenbar ein bedenkliches Verhalten an den Tag.

Auch dem Landeskriminalamt wirft die junge Frau Versäumnisse vor. So sei ihr der Tod ihrer Eltern mehrere Tage lang nicht offiziell bestätigt worden. Auch habe sie ihre Eltern nicht in der Rechtsmedizin sehen dürfen. Man habe ihr nur gesagt, sie solle sich später an den Bestatter wenden.

Angehörige fühlen sich von der Politik verraten

Dafür habe die Studentin intime Fragen beantworten müssen – offenbar, um die Eltern zu identifizieren, die sie selbst nicht sehen durfte. Der "Bild" sagte die Studentin: "Und dann sollte ich seitenweise Fragen beantworten – auch, ob meine Mutter Schambehaarung hat und ob mein Vater beschnitten ist."

Trotz des beschämenden Vorgehens der Behörden: Die 22-Jährige hat die Hoffnung in die Politik nicht aufgegeben. Der Staat werde ihr irgendwie helfen, glaubt die Studentin. Eine Hoffnung, die viele Angehörige der Verstorbenen von Berlin teilen.

Doch mittlerweile überwiegt Wut: Angehörige beklagten unlängst eine "mangelnde Trauerkultur“ durch den Bund und das Land Berlin. Der "Tagesspiegel“ zitierte zuletzt die Frau eines Schwerverletzten. Sie finde es "beschämend", dass der Bundestag nicht einmal zu einer Trauerminute zusammengekommen sei.

Mehr zum Thema: Angehörige der Opfer von Berlin erheben Vorwürfe: "Reaktion der Politik ist beschämend"

Auch ein offizielles Gedenken sei nicht geplant, klagt die Angehörige. Der Berliner Notfallseelsorger Justus Münster spricht daher von einer "mangelnden politischen Gedenkkultur“.

(bp)