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17/01/2017 12:28 CET | Aktualisiert 17/01/2017 12:33 CET

Studien zeigen traurigen Trend: Wir haben zugelassen, dass Burnout zum Statussymbol wird

Burnout ist zum ultimativen Statussymbol unserer Zeit geworden
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Burnout ist zum ultimativen Statussymbol unserer Zeit geworden

Es ist ein Trend, der sich seit Jahren abzeichnet: Eine rasant wachsende Zahl von Menschen ist ausgebrannt, leidet unter Depressionen oder Burnout.

Gleichzeitig sind Stress, wenig Freizeit und die unangenehmen Folgen, die dieser Lebensstil zwangsläufig mit sich bringt, zum ultimativen Statussymbol unserer Zeit geworden.

Wenn wir uns die ganze Bedeutung dieses Zustands einmal klarmachen, ist es mehr als absurd, dass wir nach einem solchen Ideal streben. Dieser Lebensstil macht nicht nur krank und unglücklich - er ist aus Sicht der Hirnforschung auch vollkommen kontraproduktiv.

Wie konnte es also so weit kommen?

Arbeiten bis zur vollkommenen Erschöpfung

Mitte des vergangenen Jahrhunderts galt es noch als Privileg, wenig zu arbeiten und viel Freizeit zu genießen. Denn nur wirklich wohlhabende Menschen konnten es sich leisten, lange Ferien zu machen oder gar Hobbies zu betreiben.

Seit den 1950ern jedoch hat sich dieser Zustand in sehr kurzer Zeit ins komplette Gegenteil verkehrt. Aktuelle Zahlen zeigen, dass mehr als die Hälfte der US-Arbeitnehmer nicht den vollen Jahresurlaub genommen haben, der ihnen zusteht (und das ist ohnehin deutlich weniger als beispielsweise deutschen Arbeitnehmern per Gesetz zusteht).

Wer sich heute wichtig und gefragt fühlen will, macht lieber Überstunden im Büro und arbeitet zum Teil bis zur vollkommenen Erschöpfung, anstatt sich Zeit für Erholung zu nehmen.

Dieser ungesunde Masochismus ist zum Sinnbild unserer Zeit geworden und ganze Gesellschaften haben sich ihm freiwillig unterworfen.

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"Burnout ist eine Diagnose für Gewinner"

Burnout zu haben gehört schon fast zum guten Ton. Wer nicht total gestresst ist, macht irgendetwas falsch, wird definitiv nicht erfolgreich sein.

Nur wer viel arbeitet, kann erfolgreich sein - mit dieser Rhetorik werden inzwischen schon Kindergartenkinder konfrontiert.

Schüler absolvieren heute Praktika, statt Ferien zu machen. Anstelle einer langen Reise nach dem Abitur wird heute ein Auslandssemester bevorzugt - das lässt schließlich keine Lücke im Lebenslauf.

Die Folge ist, dass Anfang zwanzigjährige Berufseinsteiger sich heute schon nach wenigen Jahren so erschöpft fühlen wie einst Arbeitnehmer kurz vor der Rente. Aber hey, das gehört heute eben dazu!

“Nur Verlierer werden depressiv”, schrieb Sebastian Beck schon vor Jahren in der “Süddeutschen Zeitung”. “Burnout dagegen ist eine Diagnose für Gewinner, genauer: für ehemalige Gewinner.”

Burnout, das sei die gesellschaftlich akzeptierte Edel-Variante der Depression und Verzweiflung.

Was für eine erschütternde Erkenntnis. Was für ein niederschmetternder Gedanke.

Mehr zum Thema: Ein Burnout beginnt anders, als du wahrscheinlich denkst

Warum wir unbedingt “busy” sein wollen

Was sich seit Jahren in rasant steigenden Zahlen von Burnout-Erkrankungen und stressbedingten Arbeitsausfällen abzeichnet, haben Forscher mehrerer renommierter US-Universitäten jetzt in einer Reihe von Studien untersucht.

In einem Artikel für die “Harvard Business Review” berichten sie darüber, warum wir uns vom Zustand des Vielbeschäftigtseins so sehr beeindrucken lassen, dass wir ihn um jeden Preis - und auf Kosten unserer Gesundheit - zu erreichen versuchen.

Dieser Eindruck sei kein rein subjektiver. Er lasse sich beispielsweise an der Art ablesen, wie heute Werbung gemacht werde:

“Die Werbung, häufig ein Indikator für gesellschaftliche Werte, hat Wohlstand in der Vergangenheit in Form von vermögenden Personen dargestellt, die am Pool oder auf einer Yacht entspannen. Heute wurden sie durch Anzeigen mit vielbeschäftigten Menschen ersetzt, die Überstunden machen und nur wenig Freizeit haben”, schreibt Silvia Bellezza von der Columbia University in der “HBR”.

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Überstunden stehen für hohen sozialen Status

Bellezza führte gemeinsam mit Neeru Paharia von der Georgetown University und Anat Keinan von der Harvard Business School mehrere Experimente durch.

Studienteilnehmer wurden beispielsweise gebeten, einen kurzen Text über eine fiktive, 35-jährige Person namens Jeff zu lesen. Eine Hälfte der Gruppe bekam einen Artikel, in dem Jeff als Mensch beschrieben wurde, der “Überstunden macht und ständig einen vollen Terminkalender hat”.

Die andere Hälfte las eine Beschreibung, in der Jeff einen “entspannten Lebensstil pflegte und nicht arbeitete.”

Anschließend mussten beide Gruppen den gesellschaftlichen Status von Jeff abschätzen. Das wenig überraschende Ergebnis: Die vielbeschäftigte Person wurde als diejenige mit hohem gesellschaftlichen Status eingeordnet.

Die eigentlich spannende Erkenntnis ist aber diese:

“Interessanterweise sind diese Zuordnungen stark von unseren eigenen Vorstellungen von sozialer Mobilität abhängig. Mit anderen Worten: Je mehr wir daran glauben, dass die Chance auf Erfolg davon abhängt, wie hart wir arbeiten, desto mehr glauben wir auch, dass Menschen, die auf Freizeit verzichten, einen höheren gesellschaftlichen Stand haben”, schreibt Bellezza.

Nur wer hart arbeitet, kann erfolgreich sein - das ist die tiefe Überzeugung.

Der Denkfehler, der unserem Glück und Erfolg im Weg steht

Doch das ist ein Trugschluss. Möglicherweise ist es sogar der größte Denkfehler der Gegenwart. Ein Irrtum, der uns nicht nur krank und unglücklich macht, sondern der auch noch der Entfaltung unseres wahren Potenzials im Weg steht.

Dieser Meinung ist jedenfalls Harvard-Professor Shawn Achor und er hat gute Gründe.

In jahrelanger Forschungsarbeit konnte er zeigen, dass wir beruflich viel erfolgreicher sein könnten, wenn wir glücklich wären:

“Das Gehirn in einem positiven Zustand funktioniert signifikant besser als das Gehirn in einem neutralen oder negativen Zustand. Die Intelligenz ist höher, die Kreativität verstärkt sich, die Energielevel steigen an”, erklärt Achor.

In positivem Zustand sei das Gehirn 31 Prozent produktiver als in neutralem oder negativem Zustand. Wir könnten härter, besser und intelligenter arbeiten, wenn wir das volle Potenzial unseres Gehirns ausschöpfen würden.

Dabei steht uns jedoch dieser fundamentale Denkfehler im Weg. Indem wir annehmen, dass Erfolg von harter Arbeit abhängt und unser persönliches Glück von unserem Erfolg, sorgen wir dafür, dass wahres Glück niemals in unsere Reichweite gelangt.

Wir müssen immer härter arbeiten, um kurzzeitig Glück zu empfinden

Jedes Mal, wenn wir ein Ziel erreichen, wird die Latte ein kleines bisschen höher gehängt. Du hast gute Noten bekommen, jetzt musst du bessere Noten bekommen. Du hast deine Verkaufsziele erreicht, jetzt werden sie erhöht.

Die Folge ist, dass wir immer härter arbeiten müssen, um zumindest für kurze Zeit Glück zu empfinden. Und dieser Teufelskreis setzt sich so lange fort, bis wir irgendwann nicht mehr können, erschöpft zusammenbrechen und uns wie die größten Versager fühlen.

Dieser neue Lebensstil ist nicht nur ungesund. Er verhindert auch, dass wir uns als Menschen und als Gesellschaft weiterentwickeln. Es muss also ein Umdenken her; ein neuer Blick auf das, was wir als Erfolg definieren.

Anstatt unser Glück davon abhängig zu machen, welche Ziele wir in der Zukunft erreichen, sollten wir versuchen, im Hier und Jetzt Zufriedenheit zu finden. Denn dann haben wir wahrhaft gewonnen.

Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace.

(lk)