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16/01/2017 05:51 CET | Aktualisiert 16/01/2017 09:29 CET

"Die Ehrfurcht hat dominiert": Das sagt die Presse zum "Bild"-Interview mit Donald Trump

dpa
Einige Medien kritisieren die ehrfürchtige Haltung der Interviewer und den Mangel an kritischen Fragen

  • Donald Trumps Interview in der "Bild"-Zeitung hat die Presse zumindest in Teilen überrascht

  • Viele Journalisten kritisieren aber, die Fragen seien viel zu demütig gestellt worden

Es war das erste Interview des künftigen US-Präsidenten Donald Trump mit einer deutschen Zeitung. Am Sonntag veröffentlichte die "Bild" das Gespräch mit Trump, das Herausgeber Kai Diekmann und der britische Journalist Michael Gove geführt haben.

In der deutschen Presse schlug es hohe Wellen - nicht nur, weil es das erste Interview seiner Art war. Sondern auch wegen Trumps Aussagen. Und der Art, wie das Gespräch geführt wurde.

"Ein erstaunlich differenzierter Trump"

Viele von Trumps Aussagen mögen nicht wirklich überrascht haben, auf den ersten Blick seien es die typischen "Querschläge", heißt es auf dem Nachrichten-Portal "Spiegel Online". Allerdings: "Auf den zweiten Blick offenbart sich ein erstaunlich differenzierter Trump – und einer, der genau weiß, was er sagt und wem."

Da sind zum Beispiel seine widersprüchlichen Sätze über die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Einerseits kritisiert Trump ihre Flüchtlingspolitik, andererseits lobt er sie als eine "großartige Anführerin". Wie passt das zusammen?

"Zuckerbrot und Peitsche – das klingt wirr, aber aus Trumps Sicht macht die Doppelbotschaft Sinn: Wie auf vielen anderen Feldern will der 70-Jährige auch in der transatlantischen Partnerschaft mit Traditionen brechen", analysieren die Journalisten von "Spiegel Online". Trump wolle deutlich machen, dass aus der Geschichte beider Länder nicht automatisch auch ein gutes Verhältnis zwischen Merkel und ihm resultiere.

Trump wird nicht alles durchsetzen können

Auch die Tageszeitung "Welt" befindet einige Äußerungen Trumps für differenzierter als erwartet.

Beispielsweise zu Russland. Die Situation in Syrien habe Trump schockiert, besonders die Umstände in Aleppo. In der Vergangenheit hatte auch lobende Worte für den russischen Präsidenten Wladimir Putin übrig – nicht jedoch in diesem Fall.

Mehr zum Thema: BLOG: Die Medien führen Krieg gegen Donald Trump

"Die Ehrfurcht hat dominiert"

Die "Süddeutsche Zeitung" hat wenig Lob übrig für die beiden Journalisten, die das Trump-Interview geführt haben. Das Gespräch mit dem künftigen US-Präsidenten sei zwar aufschlussreich – enthalte aber keine kritischen Fragen.

"Es findet ein Abfragen statt, ohne dass kritisch nachgehakt wird. Trump darf seine Sicht auf die Welt herunterbeten", schreibt der Kommentator.

So habe Trump etwa behaupten dürfen, Großbritannien sei gezwungen worden "all diese Flüchtlinge aufzunehmen", obwohl das Land bis 2016 nur knapp 7000 Syrer aufgenommen hab. Diekmann und Gove hätten dem widersprechen sollen.

Der "SZ" missfällt auch, dass Diekmann den Lesern verschweige, dass Gove bis Sommer 2016 Justizminister unter David Cameron war und für den Brexit geworben hat. Das erkläre, "wieso kritische Nachfragen im langen Gespräch nicht vorkommen, sondern die Ehrfurcht dominiert."

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"Sein größter Coup"

Das Urteil des Medien-Portals "Meedia" geht in eine ähnliche Richtung. Es sei kein Wunder, dass Gove und Diekmann das Interview zugeschlagen bekommen hätten – "harte Fragen, die Trump aus der Reserve locken könnten, muss der streitbare US-Milliardär von den Interviewern nicht fürchten", heißt es da.

Mit dem Interview sei Diekmann, wenige Tage vor seinem Ausscheiden als Herausgeber bei "Bild", einer "seiner größten journalistischen Coups" gelungen.

"Trump ist durchaus sehr unterhaltsam"

Über das Interview sprach "Bild"-Herausgeber Kai Diekmann mit der Tageszeitung "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Dort beschreibt er den künftigen US-Präsidenten als selbstsicher und bei bester Laune. Auch wenn das Verhältnis von Trump zu Journalisten schwierig sei, sei davon im Interview nichts zu sehen gewesen.

"Donald Trump ist definitiv anders als alle anderen Präsidenten der letzten Jahrzehnte. Und in seiner Direktheit und Offenheit ist er durchaus sehr unterhaltsam", sagt Diekmann.

Dass der künftige Präsident sich negativ über die EU geäußert hat, stört Diekmann nicht. Trump halte die EU für eine Gemeinschaft, die gegründet sei, um den amerikanischen Handel zu schaden. "Das sagt er auch so. Für uns Journalisten, die wir sonst nur diesen abgewogenen Politikersprech gewohnt sind, ist das, als wäre das Interview durch die chemische Reinigung gegangen. Das ist auch unglaublich erfrischend", sagt der "Bild"-Herausgeber.

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