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05/01/2017 18:07 CET | Aktualisiert 06/01/2017 03:12 CET

"Flüchtlingsunterkünfte sind ein Nährboden für Terroristen", sagt Terrorismusexperte Shams ul-Haq

Ein vermummter Mann verlässt in Begleitung von Polizisten eine Moschee in Berlin
dpa
Ein vermummter Mann verlässt in Begleitung von Polizisten eine Moschee in Berlin

Ein Terror-Experte recherchiert als Flüchtling getarnt in Unterkünften für Asylbewerber - und kommt zu erschreckenden Ergebnissen. Der Autor Shams ul-Haq bezeichnet die Heime nicht nur als Brutstätten für Extremisten, sondern weist zugleich auch noch darauf hin, dass es für Terroristen ein Kinderspiel sei, ihre Identität zu verschleiern.

Zwar werden mittlerweile von allen Asylbewerbern Fingerabdrücke genommen. "Aber das System funktioniert nicht, und ich kenne Mitarbeiter aus dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) oder aus dem Bundeskriminalamt, die mir sagen, dass es bis heute nicht funktioniert", so ul-Haq im Interview mit der der "Berliner Morgenpost".

"Die Flüchtlingsunterkünfte sind ein Nährboden für Salafisten und Terroristen"

Ul-Haq sagt: "Die Flüchtlingsunterkünfte sind ein Nährboden für Salafisten und Terroristen." Laut ihm würde sich Deutschland die Terroristen "selbst heran züchten". Denn die Flüchtlinge hätten keine Beschäftigung. Deshalb "kommen manche auf dumme Gedanken", so ul-Haq.

Er erklärt aber auch, wie einfach es für ihn war, mehrere Identitäten anzulegen. 2015 ist er zum Lageso in Berlin gegangen. "Als ich dann endlich dran war, habe ich einen falschen Namen genannt, eine Geschichte erzählt, wo ich herkomme, und gesagt, dass ich Asyl brauche."

Viel nachgefragt wurde nicht. Auch das, was ul-Haq den BAMF-Mitarbeitern erzählte, sei nicht kontrolliert wurden. "Später habe ich das dann genauso auch in anderen Städten gemacht" - immer mit anderen Namen. So habe sich der gebürtige Pakistaner problemlos zehn verschiedenen Identitäten erschaffen können.

Auch ein Bekannter Amris nutzte die Lücken des Systems aus

Andere Flüchtlinge, die ul-Haq während seiner Recherchen traf, seien ebenfalls so wie er vorgegangen.

Auch der Attentäter Anis Amri hat 14 Identitäten benutzt. Das wurde am Donnerstag durch NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) bekannt.

Konkrete Fehler der Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern benannte Jäger nicht. Er sagte auch: Heute sei es nicht mehr möglich, als Flüchtling mit einer Vielzahl von Identitäten durch Deutschland zu reisen. Dies sei der Situation 2015 mit rund 890.000 Flüchtlingen geschuldet gewesen.

Auch ein Bekannter des Berlin-Attentäters Amri nutzte scheinbar die Lücken des Systems aus. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Berlin soll der 26-jährige Tunesier mit mindestens zwei Aliasnamen von April bis November 2015 in mehreren Städten zu Unrecht Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten haben.

Gegen den am Dienstag in Berlin festgenommenen 26-Jährigen wurde deshalb Haftbefehl wegen Leistungsbetrugs erlassen.

Das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten in Berlin bestreitet indessen ul-Haqs Behauptung vehement, dass es immer noch so einfach sei, sich als Asylbewerber mehrere Identitäten zu besorgen. Seit Februar 2016 erfasse das Amt Fingerabdrücke, biometrische Fotos und die Ausweispapiere der Flüchtlinge digital.

"Die Daten werden bei der Registrierung (...) mit den polizeilichen Datenbanken des Bundes abgeglichen. Doppelregistrierungen oder die Einreise mit gefälschten Papieren (...) sind im Land Berlin im Rahmen dieses Registrierungsprozesses kaum mehr möglich."

Doch auch ul-Haq hatte mehrmals seine Fingerabdrücke abgeben müssen - ohne Konsequenzen.

Mit Material der dpa

(bp)