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05/01/2017 07:06 CET | Aktualisiert 05/01/2017 11:44 CET

Krankenkassen: Jedes dritte Medikament bringt keinen Zusatznutzen

  • Jedes dritte neue Medikament hat den Krankenkassen zufolge keinen Zusatznutzen

  • Die Prüfung erfolgt in Deutschland erst nach Markteintritt

  • Das kann für die Patienten teuer werden, so ein Experte

Jedes dritte neue Medikament bringt nach Einschätzung der gesetzlichen Krankenkassen keinen zusätzlichen Nutzen für Patienten.

Wie die "Funke Mediengruppe" berichtet, haben Krankenkassen und Pharmahersteller seit 2012 für 129 Medikamente Preisverhandlungen geführt, wobei nur 44 dieser Präparate einen klar nachweisbaren zusätzlichen Nutzen hatten.

Ein weiteres Drittel oder 41 Präparate hatte überhaupt keinen Vorteil im Vergleich zu bekannten Therapien, das restliche Drittel nur für einen Teil der Patienten.

Was ersteinmal harmlos klingt, hat drastische Folgen.

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Deutschland überprüft Arzneimittel erst im Nachhinein auf Zusatznutzen

Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kritisiert im "Deutschlandfunk", dass Arzneimittel in Deutschland nicht auf ihren Zusatznutzen überprüft werden, bevor sie auf den Markt kommen und vom Gesundheitssystem erstattet werden.

In anderen europäischen Ländern sei das nämlich der Fall.

Deutschland prüfe hingegen erst im Nachhinein, ob Medikamente im Vergleich zu schon vorhandenen Arzneimitteln einen Zusatznutzen haben. Aber auch wenn das nicht der Fall ist, würden die Medikamente in Deutschland dann im Angebot bleiben.

Medikamente können ohne Zusatznutzen im ersten Jahr deutlich teurer sein

Pharma-Hersteller müssen seit Einführung der Arzneimittelmarktneuordnung (AMNOG) 2011 den Zusatznutzen eines neuen Produktes nachweisen. Den Zusatznutzen bewertet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das höchste Entscheidungsgremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen.

Auf dieser Basis finden dann im ersten Jahr nach Markteintritt Preisverhandlungen zwischen Hersteller und Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) statt.

Wie Windeler gegenüber der "Huffington Post" erklärte, kann der Hersteller bis dahin aber einen Preis nach seinen Vorstellungen veranschlagen. Deswegen, so betont Windeler, können neue Medikamente im ersten Jahr auch deutlich teurer sein als ihre Vorgänger, ohne einen zusätzlichen Nutzen für Patienten zu haben.

Zudem erklärt er: "Viele der Fälle, bei denen kein Zusatznutzen attestiert wird, basieren auf dem Umstand, dass es gar keine vergleichenden Studien gibt". In solchen Fällen fehle also auch der Nachweis, dass ein neues Medikament mindestens genauso gut ist, wie ein altes.

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Reform sollte zwei Milliarden Euro jährlich sparen

Ziel der Arzneimittelmarktneuordnung war es, bis zu zwei Milliarden Euro jährlich einzusparen. Während der gesamten fünf Jahre konnten nach Angaben der Krankenkassen aber nur 2,5 Milliarden Euro eingespart werden. Gleichwohl sehen die Kassen durchaus den Nutzen der Arzneimittelmarktneuordnung.

Allerdings muss ihrer Ansicht nach das System entsprechend weiterentwickelt werden: Die binnen eines Jahres ausgehandelten Erstattungsbeträge sollten rückwirkend zum Tag der Markteinführung gelten.

Damit könnten "Mondpreise" der Pharmaindustrie verhindert werden. Zudem sollten niedergelassene Ärzte schneller über den Zusatznutzen neuer Arzneimittel für ihre Patienten informiert werden.

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Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sagte der "Funke Mediengruppe": "Die Nutzenbewertung von Arzneimitteln und die anschließenden Preisverhandlungen führen zu Kosteneinsparungen im Sinne der Versicherten."

Die neuen Regelungen, die er plane, sollten helfen, dass Patienten "weiter einen schnellen Zugang zu neuen hochwertigen Arzneimitteln haben" und das Gesundheitswesen "nachhaltig finanzierbar bleibt".

Verband der forschenden Arzneimittelhersteller: "Kampagne der Krankenkassen"

Der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa) sprach von einer "Kampagne der Krankenkassen". Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) warf dem GKV-Spitzenverband Polemik vor.

vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer erklärte, Arzneimittel, die mit "kein Zusatznutzen" bewertet würden, "sind im Vergleich mit bestehenden Therapien aber mindestens gleichwertig. Sonst hätten sie gar keine Zulassung bekommen. Sie haben also einen Nutzen und für manche Patienten sind sie eine notwendige Alternative in der Behandlung". Die Medizin brauche ein breites Spektrum gleichwertiger Arzneimittel.

Windeler betont gegenüber der "Huffington Post" allerdings, dass eine solche Vielfalt auch ein Nachteil sein kann. Die Überwachung einer größeren Vielfalt von Medikamenten sei schließlich teurer und aufwendiger als bei weniger Arzneimitteln.

Mit Material von dpa.

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