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05/01/2017 10:22 CET | Aktualisiert 05/01/2017 10:40 CET

"1000 Ausländer zünden Deutschlands älteste Kirche an", hetzt eine US-Nachrichtenseite

Die Polizei hatte es an Silvester nicht leicht in Dortmund. Die Beamten mussten 180 mal ausrücken, 79 Platzverweise aussprechen und 13 Personen festnehmen.

Und das ist noch lange nicht alles.

Vor allem am Platz von Leeds war einiges los: "Zwischen etwa 18.45 und 23.30 Uhr zogen überwiegend junge ausländische Männer in großen und kleinen Gruppen durch die Innenstadt. Am Platz von Leeds bildeten sie eine große Gruppe, bestehend aus mindestens 1000 Menschen", schrieben die "Ruhr-Nachrichten".

Sogar in den USA wurde die Dortmunder Silvesternacht thematisiert - allerdings nicht wahrheitsgemäß.

"Breitbart" schrieb von einem "Mob aus 1000 Mann"

Die "überwiegend ausländischen Männer" nahm das amerikanische Online-Portal "Breitbart" zum Anlass, die Meldung zu verdrehen.

Von der Wahrheit blieb nicht mehr viel übrig. So hieß es in der Meldung: "Mob aus 1000 Mann schmeißt Raketen auf Polizisten, zündet Deutschlands älteste Kirche an und schreit "Allahu Akbar".

breitbart berichterstattung silvester dortmund

Was ist dran an den Aussagen der Nachrichtenseite, die als stramm Rechts gilt? "Breitbart" unterstützte im Wahlkampf Donald Trump und will in naher Zukunft auch nach Frankreich und Deutschland expandieren.

Was in dem amerikanischen Artikel stimmt

Die Nachrichtenseite berichtet zunächst von einem schwerverletzten Obdachlosen, der am Hauptbahnhof von einer Rakete getroffen wurde, die eigentlich in die Luft gehen sollte.

Polizeisprecher Volker Stall beschrieb die Grundstimmung laut der "Ruhr-Nachrichten" als aggressiv. Verantwortlich seien junge Männer mit und ohne Migrationshintergrund. Eine Gruppe Nordafrikaner, wie es "Breitbart" berichtet, wird erwähnt - gleichzeitig weist die Zeitung aber auch daraufhin, dass es sexuelle Übergriffe wie in der Silvesternacht 2015/16 nicht gegeben habe.

Die Situation um Mitternacht als unkontrolliert zu beschreiben, weicht somit nicht sonderlich von der ursprünglichen Berichterstattung ab. So stimmt es, dass es einen riskanten Umgang mit Pyrotechnik gegeben hatte, auch wurden Raketen in Menschenmengen geschossen, in denen sich auch Familien mit Kindern befanden.

Nachdem die Chaoten die Ansagen von Beamten missachtet hatten, die Angriffe zu unterlassen, wurden Personen untersucht und festgenommen.

So weit, so gut.

Aber es handelt sich nicht um Deutschlands älteste Kirche

Jetzt sollen Angreifer das Dach der Kirche in Brand gesetzt haben. Hier lässt sich zunächst korrigieren, dass es sich bei der Reinoldikirche nicht um Deutschlands älteste Kirche handelt. Sie ist lediglich die älteste im Stadtzentrum Dortmunds.

Auch wurde nicht das Dach in Brand gesetzt, sondern ein Fangnetz eines Baugerüsts, das aktuell aufgestellt ist. Die Rakete soll laut Polizei aus Richtung der Kleppingstraße abgefeuert worden sein, wo viele Menschen feierten. Das Feuer war klein und konnte laut einem Sprecher der Feuerwehr schnell gelöscht werden.

Von einem 1000-Mann-Mob, der die Kirche fahrlässig anzündete, fehlt also jede Spur. Auch deutet die Behauptung, die Kirche sei die älteste Deutschlands, auf eine Provokation hin, die vielmehr an rechtsradikale Narrative anschließt.

Mehr zum Thema: Antwort einer Kölner Polizisten-Frau auf Kritik der Grünen spricht Tausenden aus der Seele

Syrer feierten Waffenstillstand - in den USA klingt das anders

Weiter berichten die "Ruhr-Nachrichten" von einer Gruppe Syrern, die den Waffenstillstand in ihrem Heimatland feierten.

Ein Redakteur der Zeitung veröffentlichte noch in der Nacht ein kurzes Video auf Twitter. In dem Video ist zu sehen, wie Personen "Allahu Akbar" rufen.

Dass in Dortmund tatsächlich vereinzelt "Allahu Akbar" gerufen wurde, nimmt die amerikanische Autorin zum Anlass, die Menschen dort in Verbindung mit Terroristen zu setzen.

Dass "Allahu Akbar" als "Gott ist groß" oder "Gott ist größer" im alltäglichen Gebrauch ohne jegliche Verbindung zum Terrorismus oder Islamismus wie das christliche "Amen" verwendet wird, blendet das Portal scheinbar gewollt aus.

Auch Verweise auf Verbindungen zum "Islamischen Staat" gibt es von der Dortmunder Polizei nicht - eine weitere Behauptung, die von "Breitbart" erfunden wurde.

Dass in dieser Nacht trotz des hohen Polizeiaufgebots in mehreren deutschen Städten einiges schief lief, steht fest. So wurden unter anderem in Augsburg und Hamburg Frauen Opfer sexueller Übergriffe; auch durch Asylbewerber.

Breitbart nutzt diese Ereignisse als Steilvorlage um die Wahrheit gefährlich zu verdrehen. Die Meldung von Breitbart-News wurde mehr als 15.000 mal geteilt.

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