POLITIK
04/01/2017 12:53 CET

"Das ist ein Skandal": Migrationsforscher erklärt, was wir aus der Kölner Silvesternacht lernen müssen

"Das ist ein Skandal": Migrationsforscher erklärt, was wir aus der Kölner Silvesternacht lernen müssen
David Ausserhofer
"Das ist ein Skandal": Migrationsforscher erklärt, was wir aus der Kölner Silvesternacht lernen müssen

Nach dem Silvestereinsatz der Polizei in Köln diskutiert Deutschland wieder über die Flüchtlingsfrage. Die Polizei hatte nach ihrem Einsatz von "Nafris" gesprochen, Intensivtäter aus nordafrikanischen Ländern, die sich in großen Gruppen nach Köln reisten und sich auf dem dortigen Bahnhofsvorplatz versammelten.

Die Lage blieb ruhig – dennoch warfen die Bilder aus Köln Fragen auf.

Mehr zum Thema: 5 offene Fragen zur Kölner Silvesternacht, über die Deutschland dringend sprechen muss

Die Huffington Post hat mit Ruud Koopmans über die Szenen gesprochen. Er ist Direktor der Abteilung Migration und Integration am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin und erklärt, was wir aus der Silvesternacht lernen müssen, wenn wir die Willkommenskultur retten wollen.

Herr Koopmans, Deutschland diskutiert über Zuwanderer aus Nordafrika, nachdem sich an Silvester erneut Großgruppen von offenbar teilweise aggressiven jungen Männern in deutschen Großstädten versammelten. Wer sind diese Menschen?

Ruud Koopmans: Das waren zum sehr großen Teil Menschen, die Asyl beantragt haben, aber die keinen anerkannten Asylgrund haben. Menschen also, die abgeschoben werden müssten. Sie können sich auch aufgrund der fehlenden Rechtsgrundlage für ihren Aufenthalt in Deutschland gar nicht integrieren.

Hat Köln also das Scheitern der deutschen Zuwanderungspolitik gezeigt?

Zumindest hat sich gezeigt, dass das Asylverfahren nicht funktioniert. Das eine große Problem ist, dass die Maghrebstaaten nicht zu den sicheren Herkunftsstaaten gehören. So können die Nordafrikaner ganz regulär Asyl beantragen, die Verfahren dauern oft sehr lang. Zum anderen schaffen wir es nicht, abgelehnte Asylbewerber abzuschieben – sogar Menschen, die unter Terrorverdacht stehen, auf schwarzen Listen sind. Das ist ein Skandal.

Die Polizei in Köln musste für den Einsatz in Köln viel Kritik einstecken. Es war von "Racial Profiling" die Rede.

Schaut man sich die Ereignisse im Jahr 2015 an, sieht man, dass damals die übergroße Mehrheit der Täter aus den nordafrikanischen Ländern kam. Das Bedrohungspotenzial war also da und begründet. Man kann natürlich nicht alte Menschen mit Rollator genauso kontrollieren, wie diese Menschen.

Wie erklären sie dieses "Bedrohungspotenzial“ durch Nordafrikaner?

Diese Gruppengewalt gegen Frauen ist neu für Deutschland. Aber in der arabischen Welt haben wir das Phänomen in den letzten zehn Jahren mehrfach gesehen. Nicht zuletzt auch während des hier zunächst so gefeierten arabischen Frühlings kam es – etwa in Kairo – mehrfach zu solchen Sexualstraftaten. Es ist quasi eine Epidemie.

Wie meinen sie das?

Im arabischen Raum und auch in der Türkei sind solche Übergriffe ein tagtägliches Phänomen. Keine Frau geht in Istanbul an Silvester auf einen öffentlichen Platz. Da kann man den Vergewaltiger ja gleich zu sich nach Hause einladen. Hier zeigt sich einfach, dass in diesen Regionen eine bedenkliche Haltung gegenüber Frauen herrscht.

Und darum kam es auch wieder zu den viel diskutierten Gruppenansammlungen?

Diese Männer sind oft jahrelang im Schwebezustand, weil ihre Asylverfahren so lange andauern. Sie sind ohne Aussicht auf Integration, weder hier noch dort zuhause. Sie haben keine Chance einen Job zu finden, oder eine Frau kennenzulernen. Natürlich ist da auch viel Frustration. Diese Schuld muss sich Deutschland ankreiden lassen. Wir brauchen eine härtere Abschiebungspolitik.

Nun ist das ja nur die halbe Miete. Menschen aus Syrien zum Beispiel haben im Gegensatz zu den Nordafrikanern eine Bleibeperspektive. Gehen Sie auch bei ihnen von ähnlichen Gefahren aus?

Syrer, wie auch Iraker, sind bislang nicht besonders auffällig geworden, was diese Art der Kriminalität angeht. Die Anschläge der Vergangenheit haben aber gezeigt, dass auch von Syrern eine terroristische Gefahr ausgehen kann. Ganz unproblematisch ist diese Gruppe also nicht. Aber: Sie haben eine Bleibeperspektive, können sich also integrieren. Und: Es herrscht hier ein anderer Gruppenzusammenhang. Es sind nicht nur junge Männer, zudem haben sie – im Gegensatz zu den Nordafrikanern – etwas zu verlieren.

Ändert sich jetzt die Stimmung in Deutschland? Ist die Zeit der Willkommenskultur vorbei?

An der Haltung gegenüber den Menschen, die aus guten Gründen Asyl beantragen, hat sich wenig geändert. Die Unterstützung für die tatsächlich politisch Verfolgten ist in Deutschland sehr hoch – das haben wir im vergangenen Jahr auch in einer Studie nachgewiesen. Das ist übrigens auch bei CDU-, CSU- und sogar AfD-Wählern so. Was sich verschoben hat, ist das Vertrauen, dass alle die herkommen, gute Absichten haben. Dieses Vertrauen muss die Politik wieder herstellen.

Wie gelingt das?

Wir müssen die nordafrikanischen Länder zu sicheren Herkunftsstaaten machen. Zudem müssen Abschiebungen endlich besser funktionieren. Leute, die ihre Identitätspapiere wegschmeißen, um ihre Verfahren zu verschleppen, müssen sanktioniert werden. Wer seine Identität nicht nachweisen kann, sollte in Transitzonen an der Grenze gebracht werden. Anders geht es nicht.

(mf)