03/01/2017 05:48 CET | Aktualisiert 03/01/2017 05:58 CET

Deutschland verteidigt die Polizei in Köln – hier erklären Journalisten, warum wir trotzdem reden müssen

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Deutschland verteidigt die Polizei in Köln – hier erklären Journalisten, warum wir trotzdem reden müssen

Es war wie ein kollektiver Reflex.

Die deutschen Medien stellen sich nach vereinzelter Kritik am Silvestereinsatz der Polizei in deutschen Großstädten fast geschlossen hinter die Beamten. "Racial Profiling"-Vorwürfe streiten die meisten Kommentatoren ab.

Politiker, wie die Grünen-Chefin Simone Peter, die die Verhältnismäßigkeit des Einsatzes in Frage stellten, trifft scharfe Kritik. Die "Bild" titelte: "Dumm, dümmer, Grüfri".

Nur wenige argumentieren gegen die Einheitsmeinung

"Grün-fundamentalistisch-realitätsfremden-Intensivschwätzerin" sollte das heißen – in Anspielung auf den von Peter kritisierten Begriff "Nafri", Polizeisprech für nordafrikanische Intensivtäter.

Einige wenige Kommentatoren wehren sich jedoch vehement gegen die Einheitsmeinung.

Der Politikjournalist Christian Bangel argumentiert etwa in der "Zeit“, das einzige Argument für den Einsatz gegen nordafrikanische Männer sei die Devise gewesen "weil es funktioniert hat".

Die Polizei habe an Silvester "versucht, repressiv gegen" eine Minderheit vorzugehen, klagt er. Kollektive Zuschreibungen widersprächen aber dem "Geist eines Rechtsstaats“.

In der weiteren Konsequenz könnte ein Vorgehen, wie gegen die Nordafrikaner in Köln dazu führen, dass Mitglieder einer Gruppe, "erst recht in Abschottung und zumindest verbale Gewaltbereitschaft abgleiten“.

"Hautfarbe als Teil der Entscheidungsstruktur"

Auch der Göttinger Rechtsanwalt Sven Adam kritisierte das Vorgehen im "Tagesspiegel": "Wenn überwiegend Menschen aus Nordafrika kontrolliert worden sind, gehe ich davon aus, dass die Kontrollen anhand von äußerlichen Merkmalen durchgeführt wurden. Und das ist racial profiling.“

Die Polizei habe gegen den "Gleichheitsgrundsatz" verstoßen, indem sie die Hautfarbe zum "Teil der Entscheidungsstruktur" gemacht habe, "warum eine Gruppe kontrolliert wird."

Auch Patrick Bahners, Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" kritisierte ein pauschales Kontrollieren der nordafrikanisch aussehenden Männer. Bei Twitter schrieb Bahners: "Für eine Straftat ist der Straftäter verantwortlich, nicht die Gruppe der Leute, die aussieht wie er."

"So wird die Hautfarbe zum Vorwurf"

Matthias Meisner vom "Tagesspiegel" sprach von "geleugnetem Racial Profiling".

Die Soziologin Jutta Ditfurth glaubt in der Debatte ein besorgniserregendes Muster zu erkennen. Mittlerweile sei nämlich "AfD-Ideologie in alle Winkel der Gesellschaft" gezogen, findet sie.

Auch die "Taz" kritisiert den Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies. Dieser hatte erklärt, man habe 150 Schwarzafrikaner im Bahnhofsumfeld beobachtet, „ohne zu erwähnen, was diesen Menschen angelastet wurde“. So habe er den Eindruck erzeugt, "schon die Hautfarbe sei ein Vorwurf."

Sicher: Was beim Kölner hätte besser laufen können, muss diskutiert werden. Allerdings: Bisher fehlen zu dem Vorgehen schlicht und ergreifend Alternativen, die Sicherheit garantieren können. Einfache Kritik am Einsatz verbietet sich daher.

(ben)