POLITIK
02/01/2017 11:58 CET | Aktualisiert 02/01/2017 14:29 CET

Wieso 2017 für den türkischen Präsidenten Erdogan ein verhängnisvolles Jahr werden könnte

Wieso 2017 für den türkischen Präsidenten Erdogan ein verhängnisvolles Jahr werden könnte
Anadolu Agency via Getty Images
Wieso 2017 für den türkischen Präsidenten Erdogan ein verhängnisvolles Jahr werden könnte

Die Türkei kommt nicht zur Ruhe.

Allein im Jahre 2016 sind fast 500 Menschen bei terroristischen Anschlägen ums Leben gekommen. In der Silvesternacht traf eine besonders verheerende Attacke das kulturelle Herz des Landes. In Istanbul starben bei einer Schießerei auf einer Silvesterparty 39 Menschen.

Längst ist klar: die türkische Regierung hat die Kontrolle über die innere Sicherheit des Landes verloren. Doch ein Eingeständnis von Fehlern oder gar Schuld ist vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nicht zu erwarten. Stattdessen wird Erdogan sein Vorgehen gegen die Opposition weiter verschärfen.

Bisher ging das gut. Seit dem gescheiterten Militärputsch im Sommer vergangenen Jahres steht Erdogan in der Blüte seiner Macht, will der Türkei schon bald sein Präsidialsystem überstülpen.

Doch der IS könnte jetzt zur existentiellen Gefahr für Erdogan werden.

Sicherheits- und Terrorismusexperte Davis Lewin sagte der “Bild”: “Die Türkei steckt in einer Terrorzange, sie muss an zwei Fronten Terroristen bekämpfen. Auf der einen Seite die kurdische PKK und auf der anderen Seite der islamistische Terror von ISIS.”

Erdogans Strategieänderung macht ihn zur Zielscheibe

Nun könnte diese Zange für Erdogan bedrohlich werden. Denn der Präsident hat seine Strategie geändert. Nachdem die türkische Regierung monatelang radikale islamistische Kräfte in Syrien und auch im eigenen Land duldete und sogar unterstützte, wandte er sich in der Frage um die Zukunft Syriens nun entschieden gegen den IS.

Lewin analysiert: “Die Islamisten hat er lange Zeit in seinem eigenen Land toleriert. Und hat sich klar gegen den syrischen Machthaber Assad und Russland positioniert. Doch jetzt verhandelt er mit ihnen und hat sogar einen Waffenstillstand abgeschlossen. So wird er jetzt auch zum Ziel von ISIS.”

IS-Verbindungen rächen sich

Wie tief die Verbindungen zwischen der türkischen Regierung und dem IS gehen, zeigten zuletzt noch einmal geleakte E-Mails des türkischen Energieministers Berat Albayrak, der in Deals mit Öl aus vom IS kontrollierten Ölfeldern verwickelt war.

Lange galt die Türkei zudem als Rückzugszone und Versorgungsweg für IS-Terroristen im Norden Syriens. Erdogan ließ die radikalen Islamisten passieren. Wahrscheinlich weil sie für ihn eine kleinere Gefahr darstellten als die kurdischen Kämpfer, die im vergangenen Jahr weite Teile Nordsyriens unter ihre Kontrolle brachten.

Diese Politik der Duldung und des Wegschauens rächt sich nun.

Der Silvesteranschlag in Istanbul war erst der zweite Angriff auf die Türkei, zu dem sich der IS selbst bekannte. Doch Experten warnen vor weiteren fatalen Anschlägen, mehrere IS-Zellen sollen auf türkischem Boden agieren.

Für Erdogan, der die Opposition mundtot gemacht hat, könnte ihr Terror zum Verhängnis werden. Denn hält die beispiellose Anschlagsserie an, werden sich auch Erdogan-treue Türken bald fragen, ob diese Regierung noch für ihre Sicherheit garantieren kann.

(ben)