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30/12/2016 09:03 CET

Günter Wallraff: "Gäbe es mehr Gleichheit in Deutschland, hätte die AfD weniger Zulauf"

dpa
Günter Wallraff sieht eine wachsende Ungleichheit in Deutschland

  • Der Journalist Günter Wallraff sieht wachsende Ungleichheit in Deutschland als Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt

  • Der Mittelstand bröckle, während das Vermögen der Superreichen wachse, mahnt Wallraff

  • Flüchtlinge funktionierten für viele Abgehängte als Ersatzschuldige, warnt Wallraff

Wachsende Ungleichheit, Abstiegssorgen auch in der Mittelschicht und Hetze gegen Flüchtlinge bedrohen nach Einschätzung des Kölner Autors Günter Wallraff den sozialen Zusammenhalt.

"Das Auseinanderdriften in Deutschland ist extrem. Es geht ein Riss durch die Gesellschaft, der wird immer stärker spürbar", sagte Wallraff der Deutschen Presse-Agentur.

"Das untere Drittel der Bevölkerung ist besitzlos oder sogar mit Schulden belastet. Gäbe es mehr Gleichheit, hätten Parteien wie die AfD auch nicht diesen Zulauf. Wir haben hier inzwischen eine Kastengesellschaft."

"Der Mittelstand bröckelt"

Das Vermögen der Superreichen wachse. "Der Mittelstand bröckelt, auch da sind Abstiegsängste zu Recht verbreitet." Und viele fühlten sich ganz abgehängt.

Mit den extrem hohen Zuwanderungszahlen vor allem 2015 und den Silvester-Übergriffen auf hunderte Frauen - begangen mutmaßlich vor allem von nordafrikanischen Männern und Flüchtlingen - sei die Lage nicht einfacher geworden.

"Man sucht Ersatzschuldige"

Noch sehe er die Gesellschaft als "recht stabil" an. Allerdings: "Man sucht Ersatzschuldige, Menschen, auf die man treten, herabblicken kann. Da bieten sich die jeweils Fremdesten, die Schwächsten an - und das sind zurzeit nun mal die Flüchtlinge."

Wichtig und erfreulich findet der Undercover-Reporter: "Wir haben die vielen 'Stillen' im Lande, die sich selbstlos einbringen in sozialer Hinsicht, für Schwächere, für Flüchtlinge."

Der Politik hält Wallraff Versagen in vielen Punkten vor: Für Gruppen wie alleinerziehende Mütter, Langzeitarbeitslose, Arme und Alte müsse viel mehr getan werden. "Regiert die Regierung überhaupt noch?"

"Nicht die Flüchtlinge sind die Bedrohung"

Die Devise scheine zu sein: "Aufpassen, dass die Dämme jetzt nicht brechen und schnell Sandsäcke auftürmen, statt an die Wurzeln der Probleme zu gehen."

Es müsse auch deutlich gemacht werden: "Nicht die Flüchtlinge sind eine Bedrohung, sondern das eigene unsoziale Gefüge unserer Gesellschaft." Die politischen Parteien sollten deutlicher aufklären, "dass niemand seinen Arbeitsplatz oder seine Wohnung verliert wegen der Flüchtlinge".

Für 2017 fordert der Journalist - mit seinen Reportagen weist er seit Langem auf die Nöte von Menschen ohne Lobby hin - eine Umverteilung.

Die großen Vermögen der "Super-Superreichen" sollten stärker besteuert werden. Ausländische Konzerne, die kaum Steuern auf ihre in Deutschland erwirtschafteten Gewinne zahlten, sollten diese Privilegien verlieren. Geringverdiener, Menschen ohne sichere Arbeitsverträge und die Jungen ohne Ausbildung gehörten ins Zentrum der politischen Arbeit.

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