POLITIK
30/12/2016 02:44 CET | Aktualisiert 30/12/2016 02:57 CET

Ein Psychiater sagt, wie man am besten mit kriminellen Flüchtlingen umgeht

dpa
Ein Psychiater sagt, wie man am besten mit kriminellen Flüchtlingen umgeht

An Berlins Universitätsklinik Charité spricht Psychiater Malek Bajbouj mit Flüchtlingen über seelische Probleme - auf Arabisch. Er hat selbst syrische Wurzeln.

In der Mehrzahl kommen junge Männer zu ihm. Manche sind aggressiv. Auch Bajbouj beschäftigt, dass wahrscheinlich eine Gruppe junger Flüchtlinge einen Obdachlosen in Berlin anzünden wollte - er sagt aber auch: "Ich wünsche mir, dass die großartigen Integrationsleistungen wieder mehr Beachtung finden."

Das Interview in voller Länge:

Sind junge Flüchtlinge perspektivloser als deutsche junge Männer - und deshalb vielleicht auch gewaltbereiter?

Malek Bajbouj: Es lohnt sich, genau hinzuschauen, wer aus welcher Motivation was macht. Eine Ebene ist kriminelles Verhalten. Das hat nichts mit Perspektivlosigkeit, Stress oder Nationalität zu tun. In den Zeiten, in denen die Grenzen offen waren, sind eben auch Kriminelle hierhergekommen.

"Müssen lernen, die unangenehmen Wahrheiten auszusprechen"

Wenn man sich die Biografien der Männer anschaut, die Vergewaltigungen begangen haben oder Anschläge wie in Berlin - dann haben sie meist eine kriminelle Vorgeschichte. Diese Gruppe müssen wir separat betrachten. Und lernen, diese unangenehmen Wahrheiten auch auszusprechen.

Und die ohne kriminelle Energie?

Bajbouj: Es gibt Jungen und junge Männer, die allein nach Deutschland gekommen sind. Sie haben nicht selten zu Hause Kontrollinstanzen gehabt. Vater und Mutter, die ihnen gesagt haben, was geht und was nicht. Diese Kontrollinstanz fällt nun weg.

Und auf der anderen Seite gibt es dann hier die Peergroup. Einen Haufen junger Männer, die vielleicht nicht akzeptable Dinge tun. Gruppendruck ist ein allgemeines Phänomen und hat nichts mit Flüchtlingen zu tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass Heranwachsende ihrer Gruppe folgen, ist sehr groß.

Was ist mit jungen Leuten, die mit ihren Eltern kamen?

Bajbouj: Viele Eltern leben im Wertesystem des Mittleren Ostens. Dazu gehört zum Beispiel, dass man ältere Menschen respektiert und höflich mit ihnen umgeht. Zu den Säulen des Islam gehört eigentlich auch, dass man einen Teil seines Besitzes an Arme und Obdachlose gibt.

Die Verletzung der Privatsphäre anderer oder gar körperliche Übergriffe - das geht gar nicht. Dann kommen die Menschen hier in ein anderes kulturelles Umfeld. Eltern werden unsicher, was erlaubt ist und was nicht. Möglicherweise setzen sie nicht in der Klarheit und Striktheit Grenzen wie in ihrer Heimat. Aber das entschuldigt nichts.

Spielt eigene Gewalterfahrung bei Gewalttaten eine Rolle?

Bajbouj: Gewalterfahrung allein ist kein Risikofaktor dafür, dass Menschen auch gewalttätig werden. Aber wenn etwas zusammenkommt - also eigene Gewalterfahrung, eine labile Persönlichkeit, eine Neigung zu antisozialem Verhalten, Perspektivlosigkeit und vielleicht noch Alkohol, Hasch oder Sucht - dann kann es dazu kommen.

Was kann noch ins Gewicht fallen?

Bajbouj: Widersprüchliche Gefühle wie: Ich bin in Sicherheit, aber meine Familie lebt in Aleppo. Mir geht es eigentlich schlecht, weil ich in einer Turnhalle lebe, mein Asylverfahren ewig dauert und ich auf Arbeit warte. Aber ich kann dieses Unwohlsein gar nicht zulassen. Neid gibt es sicher auch, weil die Möglichkeiten geflüchteter Jugendlicher geringer sind als die der einheimischen. Allein schon, was Statussymbole angeht.

Gibt es andere Werte?

Bajbouj: Es gibt Unterschiede. Familie und Respekt vor Älteren wird im Mittleren Osten viel höher gehängt als hier. Die Offenheit gegenüber anderen sexuellen Orientierungen ist dagegen viel geringer. Die selbstverständlichen Freiheiten von Frauen, für die in Deutschland so lange gekämpft wurde, führen immer wieder zu Konflikten.

"Die Flüchtlinge gehen durch eine Phase von Unsicherheiten"

Manchmal sind es auch Alltäglichkeiten wie Händeschütteln oder dass Männer und Frauen ohne Hintergedanken bei einem Kaffee zusammensitzen. Das ist für die allermeisten Flüchtlinge nicht dramatisch schwierig zu erlernen. Aber dabei gehen sie eben durch eine Phase von Unsicherheiten.

Brauchen junge Flüchtlinge mehr Hilfen?

Bajbouj: Man muss Leitplanken für sie aufstellen. Aber wenn die Straße einigermaßen sichtbar ist, darf man schon erwarten, dass sie selbstverantwortlich ihren Weg gehen. Und die Mehrzahl macht das ja auch. Mit den allermeisten Flüchtlingskindern kann man sich inzwischen gut auf Deutsch unterhalten. Sie nehmen auch die vielen Angebote wie Praktika an. Das Bedauerliche ist: Der Fokus ist auf denen, die das nicht machen. Aber sobald ich das sage, wirkt das bagatellisierend. Das ist schade.

Passiert aus Ihrer Sicht also genug? Die Integrationsbeauftragte wünscht sich mehr Fördermaßnahmen für junge Flüchtlinge.

Bajbouj: Es passiert in Deutschland extrem viel - und sehr viel geht in die richtige Richtung. Ich wünsche mir, dass die großartigen Integrationsleistungen wieder mehr Beachtung finden. Und dass sich die Politik gleichzeitig nicht scheut, auch unangenehme Themen anzusprechen.

Das Thema Gewaltbereitschaft zum Beispiel. Da muss man genauer hinschauen und frühzeitig und präventiv gegensteuern. Immer unter der Maßgabe, dass viele der Flüchtlinge – im Gegensatz zur deutschen Gesellschaft - Gewalt erfahren haben. Aber wenn wir jetzt aufmerksam sind, lässt sich die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass Menschen kriminelle Energie entwickeln und abrutschen.

Und wie?

Bajbouj: Wenn man jungen Leuten Praktika anbietet und sie die Sprache lernen lässt, ist das die beste Therapie. Es gibt aber auch den Fall, dass Firmen Plätze bieten - und das Deutsch der Flüchtlinge reicht nicht. Weil sie seit mehr als einem Jahr in Turnhallen leben, ohne Privatsphäre, umgeben von anderen Flüchtlingen. Ohne regulären Sprachkurs. Daran muss sich etwas ändern.

Zur Person: Malek Bajbouj (46) stammt aus einer syrischen Familie und ist in Dortmund aufgewachsen. Er studierte in Mainz, Frankfurt und Zürich Medizin. Der Professor spricht Arabisch und ist einer der Leiter der Charité-Clearingstelle, die in Berlin die psychologische Erstbetreuung von Flüchtlingen übernommen hat.

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