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29/12/2016 16:35 CET | Aktualisiert 29/12/2016 16:35 CET

Damit hätte wohl niemand gerechnet - diese deutsche Stadt wird "Grüne Hauptstadt Europas"

Das hätte sich wohl keiner gedacht: Essen ist die Grüne Hauptstadt Europas
Ventura Carmona via Getty Images
Das hätte sich wohl keiner gedacht: Essen ist die Grüne Hauptstadt Europas

"Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!", forderte Willy Brandt 1961. Rund fünfeinhalb Jahrzehnte später wird Essen "Grüne Hauptstadt Europas". Die einstige Industriestadt trägt längst ein grünes Kleid. Der Titel soll helfen, es noch hübscher zu machen.

Irgendwann sagt es jeder, der zum ersten Mal das Ruhrgebiet besucht: "Ist ja echt grün hier - hätte ich nicht gedacht." Die Stadt Essen setzt im kommenden Jahr noch einen drauf und feiert sich ein Jahr lang als Grüne Hauptstadt Europas, dazu ernannt von der Europäischen Kommission. Wie bitte?

Ruhrgebiet wird immer noch als grau wahrgenommen

"Es ist immer noch so, dass das Ruhrgebiet als grau wahrgenommen wird. Wir möchten den Wandel von grün zu grau und wieder zu grün darstellen", sagt Christina Waimann vom Projektbüro Grüne Hauptstadt.

Grau, das war Essen lange genug. Vor 100 Jahren beherrschte das riesige Stahlwerk der Firma Krupp die Innenstadt, Experten kommen auf 291 Steinkohlezechen im Verlauf der Stadtgeschichte. Einige davon prägen mit ihren charakteristischen Fördertürmen und Zechensiedlungen bis heute ganze Stadtteile.

Im Norden wurde der Fluss Emscher zu einem offenen Abwasserkanal umgebaut. Weiße Wäsche konnte man draußen eigentlich nicht aufhängen, so dreckig war die Luft fast überall im Ruhrgebiet. Anfang der 1970er Jahre wurde sogar das Baden im Trinkwasserfluss Ruhr verboten.

"Vorbild für viele Städte Europas im Strukturwandel"

Und jetzt: (fast) alles grün, die Ruhr wieder dauerhaft sauber, die Emscher darf nach jahrzehntelangem Umbau für über fünf Milliarden Euro bald wieder ein echter Fluss sein.

Natürlich hat Essen wie andere Städte auch Parks und Wälder, landwirtschaftliche Flächen, Schrebergärten und Straßenbäume. Was also zeichnet Essen aus? "Mit Essen hat erstmalig in der Geschichte der Green Capital eine Stadt der Montanindustrie den Titel gewonnen", sagt Waimann. Aus einer Kohle- und Stahlstadt sei eine grüne Stadt geworden - "ein Vorbild für viele Städte Europas im Strukturwandel".

Grün steht hoch im Kurs

Mit plakativen Zielen: 2020 soll es jeder Bürger nicht weiter als 500 Meter zum nächsten Grün haben. Und auch bei den anderen Ruhrgebietsstädten steht "Grün" hoch im Kurs: 2027 richtet die Region eine Internationale Gartenausstellung aus.

Beispiel Niederfeldsee in Essen-Altendorf: Auf einem wenig beachteten Gelände mit alten Bahntrassen und einem Klärwerk am Rande der Innenstadt wurde vor ein paar Jahren ein knapp zwei Hektar großer See geschaffen. Das Ganze inmitten von Grünflächen, am Rande eine Neubausiedlung mit 62 bezahlbaren Wohnungen.

Mitten hindurch führt auf einer ehemaligen Güterbahntrasse der Radschnellweg Ruhr durch die Region. Eine Art 101-Kilometer lange Autobahn für Fahrräder.

Landesregierung unterstützt Essen

Auch die nordrhein-westfälische Landesregierung unterstützt die grüne Hauptstadt - mit sechs Millionen Euro.

Beim Programm der "Grünen Hauptstadt" setzt die Stadt auf Bürgerbeteiligung und Nachhaltigkeit. Mehr als 300 Aktionen sind geplant. Ein Highlight: Mit Beginn der Badesaison soll ab Mai das Baden in der Ruhr wieder erlaubt werden - nach 46 Jahren Verbot.

"Erlebe Dein grünes Wunder"

Das Programm steht unter dem Motto "Erlebe Dein grünes Wunder".

Mehr als 200 Projekte kommen allein aus dem Bereich Bürgerbeteiligung. Geplant ist etwa ein Tausch-Café namens "Tauschwatt". Spezielle Stadtrundgänge zeigen die Möglichkeiten, nachhaltige Mode zu kaufen. Ein Naturschutzverein stellt ein Fledermausprojekt auf die Beine.

Und wer mal nichts machen will, kann 2017 auch einfach nur gucken: Mehr als 30 Aussichtspunkte will die Stadt kennzeichnen.

Die "Grüne Hauptstadt Europas" soll Vorbild sein in Sachen Umweltschutz - für mehr Lebensqualität. Die EU-Kommission vergab den ersten Titel 2010 an Stockholm. 2011 folgte Hamburg. Eine Jury bewertet die Kommunen in zwölf Bereichen wie etwa Anpassung an den Klimawandel, Verkehr, Luftqualität, Lärmschutz, Abwasserbehandlung und Energieeffizienz.

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