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27/12/2016 04:20 CET | Aktualisiert 27/12/2016 04:31 CET

Was die Deutschen im Umgang mit dem Terror von Israelis lernen können

Polizisten patrouillieren auf dem Berliner Breitscheidplatz
Anadolu Agency via Getty Images
Polizisten patrouillieren auf dem Berliner Breitscheidplatz

  • Der in Israel lebende Schweizer Philosoph Carlo Strenger sieht Israel als Vorbild für Europa in Zeiten des Terrors

  • Deutschland könne von Israel Wehrhaftigkeit lernen, sagt er

Seitdem ein LKW in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz raste, tobt in Deutschland die Debatte um eine neue Sicherheitspolitik.

Es geht um eine verstärkte Videoüberwachung, mehr Befugnisse für Polizisten und eine härtere Abschiebepraxis.

Der Kritik an diesen Forderungen tritt der Schweizer Psychoanalytiker und Philosoph Carlo Strenger entgegen. Er lebt seit Langem in Israel - und er sieht Israel als ein Vorbild für Deutschland, wenn es um den Umgang mit Terrorismus geht.

Dort sei die Gesellschaft gerüstet, mit Krisensituationen umzugehen, erklärt Strenger in einem Interview mit der Tageszeitung "Welt". Sicherheitsmaßnahme wie das Durchsuchen der Taschen gehörten hier zum Alltag, erklärt er. Die Israelis hätten gelernt, mit dem Terror zu leben.

Europa muss Wehrhaftigkeit lernen

Als der Konflikt zwischen den Palästinensern und den Israelis zwischen 2000 und 2005 zum wiederholten Male eskalierte, gab es über Jahre fast täglich Anschläge. Insgesamt verloren über 4.500 Menschen ihr Leben.

Dadurch sei die "Wehrhaftigkeit zu einem grundlegenden Wert geworden", sagt Strenger. Diese Wehrhaftigkeit müsse auch Europa nun lernen.

"Europa ist dadurch geprägt, dass hier fast vier Generationen aufgewachsen sind, die keine wirkliche Bedrohung mehr gekannt haben", sagte er. Dadurch gebe es in Europa einen grundlegenden Verdacht gegen den Staat, wenn dieser neue Gesetze für Sicherheit auflegt.

Grundsätzlich sei es keine schlechte Idee, die Autorität des Staats zu hinterfragen. Aber Strenger denkt, dass "die Europäer vergessen haben, dass ein funktionierender Staat die Grundbedingung für Freiheit ist."

Anschläge wie in Berlin ließen sich mit ein paar pragmatischen Mitteln verhindern: Man müsse große Veranstaltungen besser absichern, fordert Strenger. "Es braucht ein paar Betonblöcke, Absperrungen und spürbare Polizeipräsenz."

Chronischer Terror hilft den Populisten

Strenger sieht aber auch eine Herausforderung, bei deren Lösung Israel kein Vorbild ist: Wenn sich Europa in der Sicherheitspolitik neu aufstellt, darf es nicht nach rechts rücken.

Das sei in Israel im letzten Jahrzehnt passiert. "Die gefährlichste Konsequenz chronischen Terrors ist, dass immer mehr Menschen zu populistischen Rechten übergehen", sagte Strenger. Diese Parteien würden von der Furcht und dem Zorn nach Anschlägen am meisten Kapital schlagen.

In Deutschland zeigt sich diese Tendenz schon: Nach dem Anschlag in Berlin konnte die AfD in einer Umfrage zulegen und kam mit 15,5 Prozent auf ihr bestes Ergebnis in diesem Jahr. AfD-Politiker nutzten den Anschlag zudem, um die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu kritisieren.

Mehr zum Thema: So widerlich reagiert die AfD auf den Vorfall in Berlin

Auch wenn Politiker jetzt nach dem Anschlag von Berlin von einem Kriegszustand reden oder der künftige US-Präsident Donald Trump von der "Auslöschung" der islamistischen Terroristen spricht, sei das eine "manipulative Ausschlachtung der Situation", sagt Strenger.

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Es braucht eine "integrative Strategie"

Wie begegnet man dem Terror richtig? Es gehe nicht darum, Gefahren zu leugnen, sagt Strenger, "sondern sie realistisch einzuschätzen und sie nicht mythologisch zu dämonisieren."

Seine Ideen, um gegen den Terrorismus anzukämpfen, klingen dann auch wenig martialisch.

Strenger spricht sich für eine "integrative Strategie" aus. Man müsse mit religiösen Führern arbeiten, um in muslimischen Zentren eine Mäßigung zu erreichen. Aber: "Imame, die in Moscheen Gewalt predigen, sollten strafrechtlich verfolgt werden."

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