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26/12/2016 11:37 CET | Aktualisiert 26/12/2016 15:49 CET

Jugendforscher über die Faszination für die AfD: "Wer heute provozieren will, muss konservativ sein"

dpa
Alexander Gauland, deputy spokesman of the right-wing Alternative for Germany (AfD) party, holds a speech at the party congress in Hannover, November 28, 2015.REUTERS/Axel Schmidt

Die Alternative für Deutschland (AfD) fällt mit vielem auf - doch bisher nicht damit, dass sie eine Partei für die jüngere Generation ist.

Wie auch? Das Familienbild der AfD passt prima in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Von Umwelt- und Klimaschutz hält sie wenig. Von Gleichberechtigung auch. Zu den Zukunftsthemen Rente und Bildung ist von der Partei bisher nichts Substanzielles zu hören.

Und trotzdem ist die Partei anziehend für junge Leute, sagt der Jugendforscher Philipp Ikrath. Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt wurde die AfD bei den unter 25-Jährigen die stärkste Partei. Und auch in Westdeutschland schnitt die Partei bei Jungwählern zuletzt gut ab.

Die These des Wissenschaftlers: Die jungen Anhänger und Wähler der Partei erfüllten eine Funktion wie die 68er in ihrer Zeit.

Das klingt paradox - und könnte doch erhebliche Auswirkungen auf den kommenden Bundestagswahlkampf haben.

Um Ikraths These zu verstehen, muss man mit ein paar Missverständnissen über "die junge Generation" aufräumen.

1. Jung sein, das heißt nicht, progressiv zu sein ...

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Demonstration gegen die sowjetische Kriegspolitik im Februar 1968 in Bonn. Foto: Getty

Die jungen Menschen, das zeigen Umfragen, sind heute unsicherer, vorsichtiger, weniger zuversichtlich als früher. Sie haben gelernt, dass ihre Zukunft nicht einfach besser werden wird als die ihrer Eltern.

Aber ihre politischen Ansichten, erklärt Ikrath, sind nicht wesentlich anders.

Wer an die Jugend von früher denkt, denkt meist an die 68er. Aber: "Die, die man als 68er bezeichnet, waren nur ein einstelliger Prozentsatz der Studenten von damals. Und die Studenten machten nur die Minderheit ihrer Generation aus."

Das sei heute ähnlich. Von der sogenannten Generation Y seien vielleicht zehn bis 15 Prozent so mobil und modern, wie es immer über die ganze Generation behauptet werde. "Es ist ein Irrtum zu glauben, wer jung ist, müsse auch progressiv sein", sagt Ikrath.

2. Die Jungen sind deswegen aber nicht so konservativ, wie Studien nahelegen

Er warnt allerdings vor dem umgekehrten Schluss, viele Jugendliche seien heute besonders konservativ. "Das Gespenst kommt von den wenigen großen Jugendstudien", sagt Ikrath. Sie haben ergeben, dass Familie bei ihnen einen hohen Stellenwert einnimmt.

Ikrath hat sich in qualitativen Interviews, intensiven Gesprächen, dem genähert, was die Jugendlichen in Deutschland und Österreich umtreibt. Und gefragt, was die jungen Menschen unter Familie verstehen. Er hörte er Begriffe wie Kernfamilie, Vater-Mutter-Kind. Aber eben auch Patchwork-Familie, homosexuelle Beziehungen.

Was heißt das nun für die AfD? Sie ist, wie jede Partei, nicht jedermanns Sache. Aber die konservative Klientel unter den Jungen ist da, früher wie heute. "Ein Großteil der jungen Leute ist konservativ bis zur Mitte orientiert." Und etwa zehn bis 15 Prozent hält der Forscher für "wirklich konservativ". Also reaktionär, mit Werten, "wie man sie in den Führungsetagen der katholischen Kirche und auf dem Bauernhof im Sauerland" finde.

Nur gibt es heute anders als früher mit der AfD eine Partei, die zusätzlich eine Eigenschaft mitbringt, die viele Junge schätzen.

3. Die AfD inszeniert sich als Gegner des Establishments

"Die AfD präsentiert sich weniger als Partei, sondern als Bewegung, als Gegner des Establishments, der gegen den Strich bürstet, der gegen den Konsens aufsteht", sagt Ikrath.

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Schon in der Präambel ihres Parteiprogramms keilt die AfD unterschiedslos gegen alle anderen Parteien. Der Tenor: Die sind alle korrupt, ihre Eliten haben die Macht an sich gerissen. Was die treiben, ist keine Demokratie. Wir haben das erkannt und werden alles besser machen.

Es ist eine Haltung, die an die Revoluzzer der 68er erinnert.

"Aber die Linke liegt am Boden", sagt Ikrath. Von den Piraten zum Beispiel hört man schon lange nichts mehr. "Die Rechten sind heute die einzigen Protestparteien."

Mehr zum Thema: Junge Alternative: Der gefährliche Partei-Nachwuchs der AfD

4. Die AfD zeigt klare Kante

Protest allein, sagt Ikrath, reiche aber auch noch nicht, um einer Partei beizutreten. Es sei mehr die Aussicht, jemanden gefunden zu haben, der sich traut, eine Meinung zu vertreten.

"Die Jungen wünschen sich Menschen, die klar Position beziehen, sie haben das Geschwafel der etablierten Parteien und Politiker satt", sagt Ikrath. "Wir sehen, dass auch die Grünen bei den Jungen überdurchschnittlich populär sind, sie zeigen klare Kante."

Oder anders: Sie bieten Orientierung. Etwas, nach dem sich viele Jugendliche sehnen. Je nach Milieu sind es mal die Salafisten, die eine Ordnung vorgeben. Und auf dem Land ist es die AfD.

5. Eine junge Klientel braucht nicht unbedingt junge Politiker

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CDU-Politiker Heiner Geißler. Foto: Reuters

"Es ist egal, welches Alter die haben, die in der ersten Reihe stehen", sagt Ikrath. Es stimme nicht, dass Alte nur Alte vertreten und Junge nur Junge.

"Heiner Geißler ist ein Fossil, und trotzdem bei den Jungen wahnsinnig beliebt, weil er sich als Rebell inszeniert", sagt Ikrath.

Er hält es trotzdem für möglich, dass Junge in der AfD sich bald von der zweiten und dritten Reihe nach vorne boxen werden. Das Personal hat die AfD, über ihre noch rechtere Nachwuchsorganisation, die Junge Alternative. Ikrath fürchtet, dass die AfD dann noch weiter in die Radikalität driftet.

6. Die propagieren Leitwerte sind heute liberal

Auch wenn sich die politischen Gewichte in der Jugend laut Ikrath nicht wesentlich verschoben haben, so unterscheidet der Ton in der Öffentlichkeit deutlich von dem früheren. "Die propagierten Leitwerte sind liberal", sagt Ikrath. "Wer heute Protest formulieren will, der muss konservativ sein."

Eine Langhaarfrisur, die reicht nicht, um einen Mann zum Revoluzzer zu machen. Auch aus einen weiteren Grund nicht.

7. Der Ton ist rauer geworden

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AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Foto: Reuters

"Der Ton in der öffentlichen Diskussion ist insgesamt rauer als früher", sagt Ikrath. "Wer sich gegen die Kommentare in den sozialen Netzwerken absetzen will, muss ziemlich auf die Pauke hauen." Sprich: Er muss schon ziemlich radikal sein, rüde.

Die AfD hat ein paar Experten für die auffallende Tonlage. Björn Höcke, Beatrix von Storch. Und viele andere.

Wer den Rechtsruck der Gesellschaft fürchtet, den werden die Analysen Ikraths beunruhigen.

Es gibt allerdings auch eine gute Nachricht: Viel von dem, was die AfD nach seiner Argumentation für junge Menschen attraktiv macht, liegt nicht an der AfD an sich. Sondern an fehlenden Alternativen zur Alternative für Deutschland. Das kann sich ja ändern.

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