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26/12/2016 12:43 CET | Aktualisiert 26/12/2016 13:25 CET

Mitarbeiterin im Jobcenter erklärt, welche Menschen sie wirklich wütend machen

Warteschlange von Arbeitssuchenden vor einem Jobcenter in Berlin
ullstein bild via Getty Images
Warteschlange von Arbeitssuchenden vor einem Jobcenter in Berlin

  • Eine Mitarbeiterin eines Jobcenters erklärt in einem anonymen Protokoll, wer für sie die schlimmsten Kunden sind

  • Trotz dieser Kunden und dem Druck von ihren Teamleitern mache sie ihren Job gern, sagt sie

In die Jobcenter kommen Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Hinter jeder Nummer steckt eine Lebensgeschichte.

Die Mitarbeiterin eines Jobcenters beschreibt jetzt in einem anonymen Protokoll für die Tageszeitung "Welt" die Herausforderung, den Arbeitslosen jeden Tag aufs Neue eine Perspektive zu bieten.

Mit den meisten ihrer Kunden komme sie gut aus, meint die junge Frau. Allerdings gebe es auch unangenehme Menschen und Vorfälle - das sind die 4 schlimmsten:

1. Die Menschen, die ihr Potenzial verschwenden

Da gibt es einmal Menschen, deren Verhalten die Mitarbeiterin frustriert und wütend macht. "Was mich wirklich wütend macht, sind Leute, die ihr Potenzial verschleudern", gibt sie zu Protokoll.

Sie betreue beispielsweise einen Mann, der Anfang 30 sei und einen Abschluss als Ingenieur besitze. Der könnte zwar Vollzeit arbeiten, bevorzuge aber Nebenjobs mit zehn Stunden Arbeitszeit in der Woche.

Gleichzeitig gebe Menschen, die arbeiten wollten, aber nur Absagen bekämen - und deshalb verzweifelten.

2. Die Abzocker

Ebenso ärgerlich sind laut ihr die "Abzocker". Das seien meistens Männer, die nebenbei schwarz arbeiteten und die Hartz-IV-Leistungen als Bonus mitnähmen.

"Wenn man denen mit Sanktionen droht, schert die das gar nicht", sagt die Mitarbeiterin.

3. Die Prostituierte

Eine Personengruppe, die die Mitarbeiterin "besonders schockiert", wie sie sagt: die Prostituierten. Sei seien oft als "Hostessen" im System vermerkt, würden aber meist direkt zugeben, was sie wirklich machen.

Meist erscheinen sie zu den Terminen in Begleitung ihres Zuhälters, der sich dann als "der Freund" vorstelle. "Ich glaube, der streicht meist auch das Hartz-IV-Geld ein, das eigentlich ihr zusteht", glaubt die Mitarbeiterin.

Oft lässt sich nicht sagen, ob Frauen freiwillig als Prostituierte arbeiten - oder dazu gezwungen werden.

Im Juli 2017 tritt das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Es soll mehr Schutz für Frauen schaffen und die rechtlichen Rahmenbedingungen für die legale Prostitution festigen. Demnach müssen sich Prostituierte künftig beim Amt melden und sich einer regelmäßigen gesundheitlichen Beratung unterziehen.

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4. Die Reichsbürger

Die schlimmsten Kunden sind für die Mitarbeiterin jedoch die sogenannten Reichsbürger. Die Mitglieder dieser Bewegung erkennen die Existenz der Bundesrepublik Deutschland nicht an – und bezichtigen folglich alle der Amtsanmaßung, die für sie arbeiten – wie Polizisten, Gerichtsvollzieher oder eben Mitarbeiter eines Jobcenters.

Mehr zum Thema: "Mein Todesurteil kam per Post": Ein Gerichtsvollzieher über seine Begegnung mit "Reichsbürgern"

Eine konstruktive Zusammenarbeit mit ihnen ist daher nicht möglich. Zum Teil werden die Reichsbürger gar ausfällig gegen die Mitarbeiter.

Einer habe einmal eine Kollegin beleidigt und ihr sogar Gewalt angedroht. "Sie schlief in dieser Zeit schlecht und hatte ständig Angst", beschreibt die Mitarbeiterin die Situation ihrer Kollegin. Bei diesen Menschen sei es ihr zu Schade um die Energie, die sie in die Vermittlung stecken müsse.

Die Sicherheitsbehörden der Länder schätzen, dass die Bewegung mindestens 1.100 Anhänger in Deutschland hat. Sie sind höchstens lose organisiert.

Die Reichsbürger können eine echte Gefahr für das Leben der Beamten darstellen, die mit ihnen in Kontakt treten müssen. In diesem Jahr häuften sich die Fälle in denen "Reichsbürger" Polizisten attackierten. Im Oktober feuerte einer in Franken auf einen SEK-Team. Ein junger Polizist starb.

Mitarbeiterin war selbst einmal arbeitslos: "Es ist die Hölle"

Einige Schicksale aber gehen der Mitarbeiterin aber auch sehr nahe. Zum Beispiel Arbeitslose, die schon länger erfolglos einen Job suchen. Denn die meisten Menschen wollen arbeiten, ist sich die Mitarbeiterin sicher. Maximal zehn Prozent der Kunden hätten keine Lust auf einen Job, sagt sie.

Die Mitarbeiterin war selbst ein Jahr lang arbeitslos und weiß: "Es ist die Hölle."

Mehr zum Thema: Die Jobcenter-Lüge: Wie der Staat Hartz-IV-Empfänger im Stich lässt

Es gebe Kollegen, die unter der Arbeit leiden, weil sie zu viel Stress verarbeiten müssten. Hinzu komme der Druck, der durch die Teamleiter entstehe. Es herrsche ein regelrechter Wettbewerb unter den Teams, die besten Zahlen vorlegen zu können.

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