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25/12/2016 09:24 CET | Aktualisiert 25/12/2016 12:34 CET

Ihre Familie soll aus Sachsen abgeschoben werden - das will eine Zweitklässlerin nicht hinnehmen

"Selina Oueslati, Klasse 2b. Ich möchte eine Ärztin sein und hier in Deutschland arbeiten." Mit diesen Worten stellt sich das kleine Mädchen vor, das traurig in die Kamera blickt. Denn seine Zukunftsträume könnten schon bald zerstört werden.

Der Schülerin und ihrer Familie droht die Abschiebung nach Tunesien. Und das, obwohl sie perfekt integriert ist. Und dem Land, das sie aufnahm, etwas zurückgeben will.

"Die Salafisten sind gekommen"

Die Oueslatis. Das sind Ahmed, seine Frau Ilhem, ihre neunjährige Tochter Molk, die siebenjährige Selina und der fünfjährige Hamza. Sie stammen aus Tunis. Dort ging es ihnen nicht schlecht. Der Vater war als Polizist im Innenministerium angestellt. Die Mutter im Ministerium für Sport und Jugend. Dann kam die Wende.

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"Wir haben die tunesische Revolution erlebt. Nach der Revolution hat sich vieles geändert. Die Salafisten sind gekommen, der Terror ist zurückgekommen. Und wir, die Sicherheitsleute, sind die, die am meisten zur Zielscheibe geworden sind", sagt der 36-Jährige. "Wir haben dich im Auge" - nur eine der Drohungen, die Oueslati zu der Zeit erhielt.

"Ich habe nur an meine Kinder gedacht", lässt der dreifache Vater die Zeit in Tunesien Revue passieren. Also traf er eine Entscheidung: Er will mit seiner Familie fliehen. Nach Deutschland. Warum?

"Weil hier die Gesetze eingehalten werden", ist Oueslati überzeugt. Genau diese Gesetze könnten ihm und seiner Familie jetzt zum Verhängnis werden. Und darin enden, dass die Reise zurück geht. In ein grausames Klima, inmitten von Salafisten - wie der Terroranschlag von Berlin zeigte.

Die Familie reiste mit einem gültigen Pass ein

2013 stellte der Vater deshalb einen Asylantrag . Daraufhin erhält er ein Besuchervisum. Die Flucht begann. Die Familie war ehrlich: Alle Mitglieder reisten mit einem gültigen tunesischen Pass ein.

Genau deshalb können sie jetzt leichter abgeschoben werden als Flüchtlinge, die ihre Ausweispapiere vor den Grenzen vernichten.

Nach ihrer Ankunft ließ sich Familie Oueslati in der sächsischen Kleinstadt Meissen nieder. Die Kinder sprechen inzwischen fließend deutsch und besuchen die Schule, beziehungsweise den Kindergarten.

Sogar den christlichen Glauben hat die Familie angenommen. Oueslati und seine Frau Ilhem heirateten 2015 in einer Meissener Kirche.

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"Ich möchte Deutschland etwas zurückgeben"

Ahmed, das Familienoberhaupt, würde gerne eine Ausbildung im Gastgewerbe beginnen. "Ich möchte wieder arbeiten und ein guter Bürger sein", sagt Oueslati. Er hat sich vorgenommen, Deutschland etwas zurückzugeben. "Meine Frau Ilhem hat sogar schon einen Ausbildungsvorvertrag in einer Zahnarztpraxis unterschrieben", berichtet er der Huffington Post.

Die Oueslatis wollen der deutschen Bevölkerung zeigen, dass sie gute Menschen sind. Ahmed ist nicht entgangen, wie viele Deutsche über Flüchtlinge denken. "Wir kennen uns nicht und ich bin jetzt bei ihnen. Also muss ich mich vorstellen", weiß der ehemalige Polizist.

Einen Plan, wie er die Vorurteile vieler zerstören kann, hat er auch schon: "Das geschieht, indem man Gutes tut - gute Nachbarschaft, Respekt zu Nachbarn, Gesetze einhalten. Und so begegnen uns die anderen auch mit Respekt."

"Ich hatte so große Angst"

Doch auch ein gutes Verhältnis mit den Nachbarn kann eine Zwangsmaßnahme wie Abschiebung nicht verhindern. Das musste die Familie jetzt am eigenen Leib spüren.

Im November wurde die Familie in ein Flugzeug verfrachtet, das sie wieder in ihre tunesische Heimat bringen sollte - das Land an dem keiner der Fünf etwas vermisst.

Doch plötzlich spielten sich dramatische Szenen an Bord ab: Die Familie wurde aus dem Flieger geholt. Sie durften in Deutschland bleiben. Zumindest vorerst.

An den Kindern ging die Situation nicht spurlos vorbei. Selina erzählt: "Ich hatte letztens so große Angst, die Polizei ist bei uns Donnerstagfrüh gekommen. Da habe ich geweint und Mama geknuddelt. Ich möchte, dass wir hier ein glückliches Leben haben."

Die endgültige Entscheidung über den Aufenthaltsstatus traf eine sogenannte Härtefall-Kommission. Sie hält kein schönes Weihnachtsgeschenk für die Queslatis bereit: Am 23.12. - ein Tag vor Heiligabend - urteilten die Zuständigen, dass die Familie nicht in Deutschland bleiben darf. Ein harter Schlag für die integrierten Tunesier.

"Die Kommission besteht aus neun Mitgliedern", erklärt der Vater. "Fünf haben gesagt, wir dürfen bleiben. Aber das reicht nicht zu einer Zweidrittelmehrheit."

Der schriftliche Bescheid ist noch nicht bei der Familie angekommen.

Eine Online-Petition soll die beschlossene Abschiebung aufhalten - für ein dauerhaftes Bleiberecht der Familie.


Auch die Siebenjährige Selina will die harte Entscheidung nicht einfach so hinnehmen. Sie wehrt sich. In einem emotionalen Facebook-Video erzählt das Mädchen allen, wie schlimm es wäre, wenn es wieder in Tunesien leben müsste. In der Hochburg der Dschihadisten.

Den emotionalen Appell der Zweitklässlerin seht ihr im Video oben.

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(mf)