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24/12/2016 04:26 CET | Aktualisiert 24/12/2016 05:33 CET

Die Wahrheit über den Anschlag wollen viele nicht sehen

Der Lkw, mit dem der Anschlag ausgeführt wurde, wird abtransportiert - die Medien schauen zu
dpa
Der Lkw, mit dem der Anschlag ausgeführt wurde, wird abtransportiert - die Medien schauen zu

In diesem Text geht es um die Wahrheit. Oder zumindest um das, was viele Deutsche dafür halten. Es ist eine Wahrheit, die sich mehr an Wünschen als an Fakten orientiert. Und genau daran krankt unsere Diskussionskultur in diesen Tagen.

Fangen wir also mit den Fakten an.

In Berlin rast am Montagabend ein Lastwagen in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Dabei kommen zwölf Menschen ums Leben, Dutzende werden verletzt.

Noch am gleichen Abend scheint es so, als hätte ein mutiger Passant den Täter stellen können: ein Pakistani, der als Flüchtling nach Deutschland kam. Doch schon am nächsten Morgen zeigt sich, dass die Polizei den falschen Mann verhaftet hatte. Der echte Täter war zu diesem Zeitpunkt immer noch auf freiem Fuß.

Als dringend tatverdächtig gilt schon bald Anis Amri, ein tunesischer Staatsangehöriger mit einer beeindruckenden kriminellen Karriere, der Jahre vor der aktuellen Asyldebatte unter falschem Vorwand Asyl in Italien beantragte.

Ausgangspunkt für eine politische Debatte - normalerweise

Amri war bereits in seiner nordafrikanischen Heimat und in Italien mit der Justiz aneinander geraten. Auch in Deutschland stand er kurz vor der Abschiebung – die aber nicht vollstreckt werden konnte, weil die tunesischen Behörden die Ausweispapiere von Amri zu spät nach Deutschland schickten.

In einer besseren Epoche der Bundesrepublik wären diese Fakten Ausgangspunkt gewesen für eine politische Debatte. Wir hätten alle anerkannt, dass es Dinge gibt, die eingehend von Medien, Behörden und Justiz untersucht wurden und deshalb als „wahr“ einzustufen sind. Es hätte verschiedene Standpunkte zu dieser Wahrheit gegeben, die Leute hätten sicherlich auch damals heftig miteinander gestritten.

Aber an der Existenz der wichtigsten Fakten hätten nur Radikale und Verschwörungstheoretiker gezweifelt.

Eher „Drehbuch“ denn „Wahrheit“

Was wir nach dem Anschlag vom Breitscheidplatz erlebt haben, war eine komplett andere Situation. Das fing schon in den Minuten nach der ersten Meldung an.

Da waren Menschen wie der nordrhein-westfälische AfD-Vorsitzende Marcus Pretzell, die binnen kürzester Zeit schon zu wissen glaubten, was sich dort an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zugetragen hatte: Ein radikalisierter Flüchtling muss der Täter gewesen sein.

Und deswegen trage Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen ihrer Asylpolitik die Verantwortung für die Toten vom Breitscheidplatz.

Mehr zum Thema: Britischer Moderator hat eine Botschaft an alle, die Merkel jetzt für ihre Flüchtlingspolitik kritisieren

Es ist eine Version von Wahrheit, die auf Wünschen basiert. Die in eine politische Agenda passen soll. Im Filmgeschäft würde man wahrscheinlich eher von einem „Drehbuch“ als von einer „Wahrheit“ sprechen.

Nach München standen rechte Politiker dumm da

Die radikale Rechte in Deutschland sucht seit mehr als einem Jahr nach einem Anlass, um den Protest gegen Angela Merkel zu bündeln.

Nach den Silvester-Übergriffen von Köln wäre ihr das fast gelungen. Nach der Gewalttat von München standen rechte Politiker ziemlich dumm da. Noch in den Stunden nach den Schüssen waren viele AfD-Vertreter nämlich felsenfest davon überzeugt, dass es ein Flüchtling gewesen sein muss, der im Olympia-Einkaufszentrum Menschen tötete.

Später stellte sich heraus, dass es ein psychisch kranker Deutsch-Iraner war, der mit großer Wahrscheinlichkeit auch fremdenfeindliche Motive für seine Tat hatte.

Die Legende vom radikalisierten Flüchtling

Nun also versuchten rechte Politiker in Deutschland nach der Tat von Berlin schon wieder eine Legende zu spinnen: Die von einem radikalisierten Flüchtling, der von Angela Merkel nach Deutschland eingeladen wurde und nun unschuldige Menschen umbringt.

Aber auch am anderen Ende des politischen Spektrums gab es Probleme mit dem, was eigentlich schon als gesicherte Erkenntnis gelten musste.

Montagnacht war schon bekannt, dass auf dem Beifahrersitz des LKWs ein erschossener Mann gefunden worden war. Es waren Zeugenaussagen aus Polen bekannt, wonach der Kontakt zu dem Fahrer des Lastwagens gegen Nachmittag abgerissen war und dass das Fahrzeug auf einer anderen Route unterwegs sein sollte.

Darüber hinaus war für jeden Menschen mit Fahrerfahrung in einem LKW offensichtlich, dass das Fahrzeug mit Absicht durch die Gasse des Weihnachtsmarktes gelenkt wurde. Selbst bei absolutem Versagen aller Bremskreise hätte der Fahrer noch die Möglichkeit gehabt, das Gespann in eine andere Richtung zu steuern.

Das gefährliche Spiel mit der Wahrheit

Ein Reporter der Berliner Morgenpost hatte zudem schon kurz nach der Tat in einem umstrittenen Livevideo berichtet, dass es Zeugenaussagen über einen Schuss aus dem Fahrerhaus gegeben hatte. Das stimmte nachher mit dem Leichenfund überein.

Und doch gab es Medien, die sich auch 36 Stunden nach den Ereignissen noch weigerten, von einem „wahrscheinlichen Anschlag“ zu sprechen, oder zumindest von einer „absichtlichen Gewalttat“.

Auch dahinter ist sehr einfach eine Agenda zu erkennen – die nämlich, den rechten Hetzern so wenig Spielraum wie möglich zu geben. Dieses Spiel mit der Wahrheit ist jedoch brandgefährlich: Denn je deutlicher sich abzeichnet, was sich tatsächlich ereignet hat, geraten diese Medien völlig zu Recht in den Verdacht, die Wahrheit aus politischen Gründen zu verschleiern.

Hundertprozentige Sicherheit gibt es auch im Journalismus nur selten

Dahinter steht letztlich eine Frage: Wann ist etwas bewiesen, und wann nicht?

Für manche Journalisten mag das auch ein Versuch sein, Verantwortung abzutreten. Sie wollen nicht vorschnell handeln und streiten daher das Offensichtliche ab, so lange es nicht zu 100 Prozent feststeht.

Leider ist es aber so, dass es hundertprozentige Sicherheit im Journalismus nur selten gibt. Fehler passieren. Schlimmer ist es, wenn Journalisten die Arbeit verweigern, und die Zusammenhänge nicht nach bestem Wissen einordnen und benennen.

Die Wahrheit zu leugnen: Das ist ein Bärendienst im Kampf gegen Menschenfeindlichkeit.

Darum lohnt es sich, dass wir uns alle mal über die Weihnachtsfeiertage Gedanken machen, wie das alles im nächsten Jahr laufen soll.

In neun Monaten wird in Deutschland nämlich ein neuer Bundestag gewählt. Und wenn wir uns dann immer noch darüber streiten, was Wahrheit ist und was Fakten bedeuten, dann könnte unsere Demokratie schaden nehmen: Weil jede Diskussion dann nur noch auf schrilles, gedankenertränkendes Rechthaben hinaus läuft.

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(mf)