NACHRICHTEN
22/12/2016 01:56 CET | Aktualisiert 22/12/2016 08:21 CET

Kein Einzelfall: Darum lassen Terroristen ihre Papiere am Tatort zurück

Es ist kein Einzelfall: Darum lassen Terroristen ihre Papiere am Tatort zurück
Getty Images
Es ist kein Einzelfall: Darum lassen Terroristen ihre Papiere am Tatort zurück

  • Nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt fahndet die Polizei nach dem Tunesier Anis Amri

  • Die Papiere des Asylbewerbers wurden im Fußraum des Lkw gefunden

  • Es ist nichts das erste Mal, das islamistische Terroristen Ausweispapiere zurücklassen

In Krimis und Thrillern begegnen sie uns immer wieder: Verbrecher, die ihre Visitenkarte am Tatort zurücklassen. Im wahren Leben scheint das eher seltsam. Welcher Täter will die Polizei schon so eindeutig auf seine Spur bringen?

Anis Amri offenbar, der mutmaßliche Todesfahrer von Berlin. Bei islamistischen Terroristen ist es aber, glaubt man Experten, kein Sonderfall, Papiere am Tatort zurückzulassen. Aber warum?

Zwei Tage nach dem Anschlag, nachdem man einen Unschuldigen 20 Stunden festgehalten und verhört hatte, fand die Polizei im Lkw schließlich ein amtliches Ausweisdokument: das Duldungsschreiben des Tunesier Anis Amri. Das Dokument weist Amri als registrierten Asylbwerber aus.

Mehr zum Thema: Live-Blog zum Anschlag in Berlin: SEK-Einsatz in Kreuzberg - Verdächtiger Anis Amri nicht aufgefunden

Amri ist kein Unbekannter für die Polizei und wurde bereits als Gefährder eingestuft, also als jemand mit dem Potenzial, terroristische Anschläge zu verüben.

Der Fund wirft auf jeden Fall Fragen auf. Hat Amri die Papiere absichtlich zurückgelassen, hat er sie verloren - oder wurden sie platziert, um eine falsche Fährte zu legen?

Der Fall Amri ist keine Ausnahme

Der Fall Amri ist aber keine Ausnahme. Auch bei dem vom Tathergang ähnlichen Anschlag in Nizza im Juli fanden die Ermittler den Ausweis des Tunesiers Mohamed Lahouaiej Bouhlel im Lkw. Die “Charlie Hebdo”-Attentäter, die im Januar 2015 die Redaktion der Satirezeitung gestürmt hatten, ließen ihre Papiere im Auto zurück.

Experten vermuten, dass die offiziellen Dokumente als eine Art Visitenkarte dienen. Die ganze Welt soll wissen, wer der “Märtyrer” ist, der den Anschlag verübte. Die Menschen sollen eindeutig sehen, dass es sich um einen islamistischen Terroranschlag handelt. Die Botschaft: Habt Angst vor dem IS!

"Terroristen sind Narzissten"

“Terroristen sind Narzissten. Sie wollen sichtbar werden, sie vergessen den Ausweis nicht. Sie tun das bewusst. 'Nein' zu Verschwörungstheorien”, schreibt der Terrorismus-Experte Ahmad Mansour auf Twitter.

Die Attentäter von Paris und Nizza starben bei dem Anschlag. Fragen, wieso sie ihre Papiere hinterließen, können die Ermittler sie nicht mehr. Vielleicht hat auch der mutmaßliche Täter Amri mit seinem Tod gerechnet.

Die Polizei zieht es jedoch auch in Erwägung, dass Amri nicht der Attentäter vom Breitscheidplatz ist. “Die Tatbeteiligung ist überhaupt nicht geklärt”, sagte Ralf Jäger, Innenminister von Nordrhein-Westfalen auf der Pressekonferenz am Mittwoch. Auch Innenminister Thomas de Maizière wies darauf hin, dass es sich “um einen Verdächtigen, nicht zwingend um den Täter” handelt.

Mehr zum Anschlag in Berlin:

(bp)