POLITIK
22/12/2016 16:04 CET | Aktualisiert 22/12/2016 18:30 CET

Soziologe erklärt, warum die Deutschen gefasst auf den Berliner Anschlag reagieren, die Ruhe aber trügerisch ist

Flowers and candles are placed near the Christmas market at Breitscheid square in Berlin, Germany, December 22, 2016, following an attack by a truck which ploughed through a crowd at the market on Monday night.      REUTERS/Fabrizio Bensch     TPX IMAGES OF THE DAY
Fabrizio Bensch / Reuters
Flowers and candles are placed near the Christmas market at Breitscheid square in Berlin, Germany, December 22, 2016, following an attack by a truck which ploughed through a crowd at the market on Monday night. REUTERS/Fabrizio Bensch TPX IMAGES OF THE DAY

  • Deutschland reagiert gefasst auf der Anschlag von Berlin

  • Das überrascht den renommierten Münchner Soziologen Armin Nassehi

  • "Ein großer Teil der Bevölkerung hat sich an den Terror gewöhnt", sagt er

  • Aber: "Die Ruhe ist trügerisch"

Von der German Angst ist nach dem Berliner Anschlag nichts zu spüren.

Mit dem Begriff macht sich die Welt regelmäßig über die Deutschen und ihre Hysterie über Google Street View, Grippeviren und Wirtschaftskrisen lustig. Aber nachdem ein LKW am Montag in einen Weihnachtsmarkt raste und zwölf Menschen tötete, bleiben die Deutschen überraschend gelassen.

Das erstaunt auch Armin Nassehi, Professor an der LMU München für Soziologie und Politik. Zu seinem Job gehört, Empfindungen in der Bevölkerung zu erklären. Doch das fällt ihm derzeit nicht leicht.

"Öffentlichkeit hat sich nicht durch die AfD vergiften lassen"

"Unsere politische Öffentlichkeit hat sich bislang nicht durch die AfD vergiften lassen", sagt er im Gespräch mit der Huffington Post. Die Rechtspopulisten nahmen den Anschlag dankbar auf – "er wird sie dichter zusammenschweißen, weil der Anschlag ihre schrecklichsten Fantasien bestätigt hat und für sie ein Lebenselixier ist", sagt er.

Aber die Mehrheit lässt sich davon offensichtlich nicht anstecken. Statt nun gegen Ausländer zu hetzen, führt Deutschland eine Sicherheitsdebatte.

Die spannede Frage ist also, warum die Bevölkerung so vernünftig geblieben ist.

Nassehi hat dafür gleich mehrere Erklärungen parat.

"Rechtspopulismus ist vielen doch zu blöd"

Rechtspopulistische Vereinfachungen seien vielen offenbar doch zu blöd, sagt er. Die Saat, die die Rechtspopulisten in der Flüchtlingsdebatte gestreut haben, konnte so nicht aufgehen. "Das liegt auch daran, dass die große migrantische Bevölkerung von Berlin sehr entsetzt auf den Anschlag reagiert hat, was für alle sichtbar wurde", sagt Nassehi.

Auch die Presse habe weitestgehend angemessen reagiert und keine voreiligen Schlussfolgerungen gezogen.

Einen zentralen Punkt aber sieht Nassehi ganz woanders. "Es ist schrecklich zu sagen, aber vermutlich hat sich auch ein großer Teil der Bevölkerung an den Terror gewöhnt", sagt er. Sie kenne die schrecklichen Bilder aus Brüssel, Paris und Nizza. Und sie habe gelernt, damit umzugehen.

"Nach jedem Terroranschlag gab es eine breite Solidarisierungswelle – diese Reaktionsformen sind nun ähnlich", sagt Nassehi. Trotzig sagt man: Wir stehen zusammen und lassen uns unsere Lebensformen nicht kaputtmachen.

"Wäre der Anschlag vor einem Jahr passiert, wären die Reaktionen ganz anders gewesen"

Wenn dieser Anschlag vor einem Jahr passiert wäre, wäre die Reaktionen vermutlich ganz anders gewesen.

"Der Schrecken hätte die Bevölkerung deutlich heftiger erschüttert, es hätte sich ein viel größeres Gefühl der Panik und Hilflosigkeit breitgemacht", sagt Nassehi. Und die Debatte hätte sich vermutlich viel stärker an der Migrationspolitik orientiert, weil die Flüchtlingsbewegung noch viel größer war.

Kann sich Deutschland also zurücklehnen?

"Die Ruhe ist trügerisch"

Nein, denn: "Diese Ruhe trügerisch." Die Betroffenheit der meisten sei nach zwei bis drei Wochen wieder verflogen, sagt Nassehi. Den Anschlag beschreibt er als eine "Zäsur für Deutschland", die im kommenden Wahlkampf "radikal ausgeschlachtet" werde.

Einen Vorgeschmack darauf gab es nach der Silversternacht von Köln, die das Land bis heute beschäftigt. Die, die von einer solchen Debatte profitieren, werden das Wort "Breitscheidplatz" in jeder Diskussion erwähnen, sagt Nassehi. "Dieses Wort wird die politische Debatte vergiften, die Semantik wird sich verschärfen."

Deutschland werde etwa eine heftige Sicherheitsdebatte führen, was sich jetzt schon abzeichnet. Es werde viel davon abhängen, wie glaubhaft die Regierung in der Lage ist, der Bevölkerung den Eindruck zu vermitteln, dass sie Subjekt und nicht Objekt dieser Lage ist.

Derzeit macht die Regierung dabei eine schlechte Figur: Dass jemand einen Anschlag verüben konnte, der wegen Waffen- und Drogenhandel und seinem Kontakt zu Islamisten bereits im Visier der Behörden stand, wirft ein schlechtes Licht auf die Behörden.

Mehr zum Anschlag in Berlin:

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(mf)