POLITIK
22/12/2016 12:22 CET | Aktualisiert 22/12/2016 13:32 CET

Allianz der Autokraten: Woher kommt die seltsame Zuneigung zwischen Putin und Erdogan?

Allianz der Autokraten: Woher kommt die seltsame Zuneigung zwischen Putin und Erdogan?
Sputnik Photo Agency / Reuters
Allianz der Autokraten: Woher kommt die seltsame Zuneigung zwischen Putin und Erdogan?

Andrej Karlows Leichnam liegt aufgebahrt im russischen Außenministerium, später in der Christi-Erlöser-Kathedrale in Moskau.

Der Botschafter wurde erschossen, in der Türkei, von einem türkischen Polizisten.

Hochrangige russische Politiker erweisen Karlow die letzte Ehre. Ein türkisch-russisches Team ermittelt. Und keiner sagt laut ein böses Wort.

Wer die Geschichte kennt, wird die Situation surreal finden.

Die Lage vor einem Jahr: zum Bersten gespannt

Noch vor einem Jahr hätte vermutlich schon eine Winzigkeit gereicht, um die Situation zwischen den Ländern eskalieren zu lassen.

Die Türkei hatte ein russisches Militärflugzeug nach dessen Einsatz über Syrien abgeschossen, weil es angeblich türkischen Luftraum verletzt hatte. Wladimir Putin nannte die türkischen Militärs "Helfershelfer von Terroristen". Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan tönte, wenn es einen gebe, der sich entschuldigen müsse, dann Russland.

Russland verhängte Sanktionen: Pauschalreisen und Charterflüge in die Türkei wurden verboten, ebenso der Import türkischer Lebensmittel.

Russlands Premier Dimitri Medwedew sagte, Russland habe sich gegen einen Krieg gegen die Türkei entschieden – obwohl der Vorfall es juristisch rechtfertigen würde. Obwohl andere Länder im 20. Jahrhundert genau das getan hätten.

Medwedw spielte auf den Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand durch einen Terroristen im Jahr 1914 an. Österreich-Ungarn begann zusammen mit Deutschland den ersten Weltkrieg.

Nun ist Botschafter Karlow kein Thronfolger. Aber er ist ein Mann, den Präsident Putin für geeignet hielt, das Land in so einem wichtigen Land wie der Türkei zu repräsentieren, in so einer angespannten Lage.

Warum alles anders wurde

Warum also dieser extreme Wandel? Was ist passiert zwischen Dezember 2015 und 2016?

"Formal mag Erdogan im Fall der wiederholten russischen Luftraumverletzung durchaus Recht gehabt haben", sagt Kristian Brakel der Huffington Post. Brakel leitet das Istanbuler Büro der Heinrich-Böll Stiftung, die den Grünen nahesteht. "Aber mit dem Abschuss der Maschine hat er sich massiv verhoben. Die Türkei ist Russland in militärischer wie wirtschaftlicher Hinsicht unterlegen."

Die Türkei braucht Russland

Der Tourismus zum Beispiel ist ein wichtiger Wirtschaftszweig der Türkei. Knapp 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hingen vergangenes Jahr davon ab. Russen sind nach Deutschen die zweitwichtigste Kundengruppe. Infolge der Sanktionen ging die Zahl ihrer Ankünfte um schwindelerregende 89 Prozent zurück.

Zu den wirtschaftlichen Problemen kam der politische Druck. Schon vor dem Putschversuch am 15. Juni habe es in der türkischen Außenpolitik eine Wende gegeben, sagt Brakel. "Die eher ideologisch inspirierte Außenpolitik wich dem Ziel, das eigene Territorium zu schützen. In Syrien aktiv gegen die PKK vorgehen, das geht nicht ohne die Billigung Russlands."

Ursprünglich hatte Erdogan Syriens Machthaber Baschar al-Assad stürzen sehen wollen. Beobachter vermuten, dass er so den türkischen Einfluss in der Region ausdehnen wollte, außerdem will er unbedingt ein Erstarken der Kurden in Syrien verhindern. Putin dagegen stellte sich hinter Assad.

Russland braucht die Türkei

Und so hat sich Erdogan Ende Juni offiziell bei Putin entschuldigt. Putin nahm die Sanktionen zurück und offenbar gestattet er der Türkei, zumindest in Teilen Syriens gegen die Kurden vorzugehen. Auch er hat wirtschaftliches wie politisches Interesse an einer guten Beziehung zur Türkei.

Brakel hatte kürzlich im Deutschlandfunk darauf verwiesen, dass Russland Gas nicht nur an die Türkei verkaufen will, sondern über die Türkei auch auf den europäischen Markt.

Brakel und Felix Schmidt, Repräsentant der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in der Türkei, verweisen außerdem auf die strategische Bedeutung der Türkei für Russland. "Es hat ein Mittel, Druck auf die Türkei auszuüben", sagt Brakel.

Inzwischen fordert Erdogan den Sturz Assads nicht mehr. "Jetzt legt die Türkei Russland keine Hindernisse mehr in den Weg. Russland hat so mehr außenpolitischen Spielraum bekommen, zumal die Türkei in der Nato ist", sagt Schmidt, "es ist ein außenpolitischer Erfolg". Einige Beobachter glauben sogar, Russland und syrische Regierungstruppen hätten Aleppo nicht einnehmen können, hätte die Türkei nicht ihren Kurs geändert.

"Rasante Entwicklungen"

Dass sich die Staaten wieder angenähert haben, wundert die Experten nicht. Wohl aber das Tempo. "Die Entfremdung zwischen Russland und der Türkei nach dem Abschuss des Flugzeugs verlief rasant", sagt Schmidt. "Ebenso rasant, intensiv und damit unerwartet verlief die Wiederannäherung."

Und die wollen sich beide Seiten offensichtlich nicht kaputt machen lassen durch den Mord an Botschafter Karlow.

Die Türkei hat 120 Ermittler eingesetzt, außerdem 18 russischen Spezialisten die Mitarbeit gestattet. Ungewöhnlich finden die Experten das.

Was passiert, wenn Gülen-Anhänger hinter dem Mord stehen? Und was, wenn nicht?

Die türkische Seite hat schon mal die Gülen-Bewegung als Drahtzieher des Mordes bezichtigt – wie üblich ohne Beweise.

Die russischen Ermittler halten solche Einlassungen für verfrüht. Letztlich aber, glauben Experten, wird das Ergebnis keine große Rolle spielen.

"Sollte es sich herausstellen, dass der Mörder ein treuer AKP-Anhänger war, wäre das zwar ein Gesichtsverlust Erdogans und ein weiteres Druckmittel für Russland - aber unter dem Strich würde sich nicht viel ändern", sagt Brakel. Schmidt ist sicher: "Man wird sich arrangieren." Irgendwie.

"Ein Akt der Vernunft"

Denn letztlich führt er die Annäherung nicht auf ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Putin und Erdogan zurück, sondern auf "übergeordnete Interessen": "Die Annäherung ist ein Akt der Vernunft, keine tiefe Freundschaft Erdogans und Putins."

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