POLITIK
22/12/2016 18:27 CET | Aktualisiert 23/12/2016 02:50 CET

Berlin nach dem Anschlag: Der Terror hat sich mit der falschen Stadt angelegt

Der wiedereröffnete Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin
dpa
Der wiedereröffnete Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin

Liebes Berlin,

mehr als anderthalb Jahrzehnte stand die westliche Welt dem islamistischen Terror ziemlich hilflos gegenüber. Mal war die Bedrohung durch radikalisierte Gewalttäter konkret, mal war sie diffus. Aber die meisten Menschen in Europa und Amerika wussten, dass es beinahe überall irgendwann passieren konnte. Der Westen hat in dieser Zeit seine Ideale das ein oder andere Mal verraten. Wir haben aus Angst angefangen, unsere Freiheit preiszugeben. Und haben darüber vergessen, dass es gerade diese persönliche Freiheit ist, die unser Leben so lebenswert macht. Unser Datenverkehr wird mittlerweile flächendeckend von verschiedenen Geheimdiensten überwacht, Botschaften und Parlamente sind mit Betonblöcken, Stahlzäunen und Polizeisperren verrammelt worden – und die Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen hätte sich Franz Kafka kaum besser ausdenken können. In absoluter Sicherheit leben wir deshalb längst noch nicht. Denn kriminelle Energie findet immer eine Lücke im System. So ist es leider.

Terroristen wollen, dass wir Angst haben

Nun hat es also Dich getroffen, Berlin. Die Stadt, in der ich seit gut neun Jahren lebe. Im ersten Moment erfüllte mich neben Sorge und Trauer auch die Furcht davor, wie sehr wir uns nun unter Druck sehen, unsere Freiheit ein weiteres Mal preiszugeben. Genau das ist es, was Terroristen wollen. Und es ist mittlerweile sehr wahrscheinlich, dass die zwölf Toten vom Breitscheidplatz einem terroristischen Anschlag zum Opfer fielen. Terror ist eine Form von politischer Kommunikation mittels Gewalt. Den Tätern geht es nicht nur darum, so viele Menschen wie möglich zu töten, sie wollen auch das Lebensgefühl einer freien Gesellschaft treffen. Sie freuen sich, wenn wir Angst vor ihnen haben. Denn die Angst ist der größte Feind der Freiheit. Berlin: Ich bin Dir unendlich dankbar dafür, dass Du Dich rotzig und trotzig weigerst, Angst zu haben. Im Netz ging in den vergangenen Tagen der Kommentar eines Journalisten viral: „Passt mal auf, ihr Radikal-Spinner: Das hier ist Berlin. WIR sind Berlin. Wir raunzen, wenn man freundlich zu uns ist. Unsere Taxifahrer sind gefährlicher als jeder Konvertit. (…) Wir haben neun Monate Winter und gehen nach der Party direkt arbeiten. Manche von uns sind Türken. Oder Russen. Oder Amerikaner. Pakistani, ja!!! Oder sogar Baden-Württemberger. Angst vor Euch?! Dream on, Pussies! Ihr könnt uns mal!“ Genau das bringt gerade das Lebensgefühl in dieser Stadt auf den Punkt. Seit Jahrzehnten bezieht Berlin seine Energie aus den Träumen, die mit den Zugezogenen in die Stadt kommen. Berlin war zu keinem Zeitpunkt in seiner Geschichte eine echte Schönheit, und mit Reichtum und Wohlstand hatte diese Metropole ohnehin nie etwas am Hut. Ihr größtes Gut war stets das Versprechen, dass hier jeder auf seine Weise glücklich werden könnte. Berlin, Du bist die Stadt der Freiheit. Und das meine ich nicht nur in einem großpolitischen Sinn, sondern auch ganz persönlich.

Berlin hat keine Angst

Zugegeben, ich hatte bisweilen Probleme mit der schroffen Art Deiner Ureinwohner. Auf der Post, im Stadtbus oder an der Uni muss man jederzeit darauf gefasst sein, dass man von Berlinern angemeckert und zur Schnecke gemacht wird. In diesen Tagen zeigt sich aber, dass damit auch ein großes Selbstbewusstsein verbunden ist: Dieses Berlin lässt sich trotz der Betroffenheit über den Tod von zwölf Mitbürgern die Lust am Leben und auf die Freiheit nicht verderben. Die „Bild“-Zeitung titelte am Mittwoch groß mit dem Wort „Angst“. Und was macht die Redaktion des Berliner Stadtmagazins „Tip“ daraus? Ganz Berlin hat „keine Angst“. Dass daran viel Wahres ist, spürt man auch, wenn man in diesen Tagen durch die Straßen der Stadt geht. Selbst der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, wo sich am Montagabend der Anschlag ereignete, hat seit Donnerstag wieder geöffnet. Aus Rücksicht auf die Toten wird keine Musik gespielt. Immer noch stehen dort Kamerateams und drehen Bilder für die Abendnachrichten. Aber das Leben ist wieder zurück an diesem Ort. Meine Facebook-Timeline ist voll von Fotos, die Menschen auf den Weihnachtsmärkten dieser Stadt zeigen. Mit oder ohne Glühweinbecher. Und am meisten freue ich mich darüber, liebes Berlin, dass Du den rechten Scharfmachern keine Chance lässt, ihren Hass zu verbreiten. Am Mittwochabend trafen sich Vertreter der rechtsextremen Identitären Bewegung und der AfD vor dem Bundeskanzleramt zu einer Mahnwache. Viel Szene-Prominenz war gekommen: Der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke, der brandenburgische AfD-Vorsitzende Alexander Gauland und der rechte Vordenker Götz Kubitschek. Gerade einmal 150 Menschen waren ihrem Aufruf gefolgt. Wie verloren sie da in der Kälte standen. Allein mit ihrem Hass auf Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Du, Berlin, hattest entschieden, Dich einfach nicht für diese billigen Hetze zu interessieren.

Berlin: Für Deine Rotzigkeit muss man Dich lieben

Berlin, ich habe immer ein wenig gelächelt darüber, wenn man Dich als Weltstadt bezeichnet hat. Denn im Prinzip bist Du ein notdürftig zusammengetackertes Gebilde aus gut einem Dutzend mittelgroßen Städten. Man beobachte mal die Verzweiflung von Touristen, die bei ihrem ersten Berlin-Besuch „das Stadtzentrum“ suchen. „Hamwer nich“, antwortet der Berliner kurz und knapp. Aber es gibt hier so etwas wie einen gemeinsamen Geist, der viele Menschen in dieser Stadt verbindet. Es ist der Wille, sich nicht von jedem dahergelaufenen Wicht in die Suppe spucken zu lassen. Und selbst, wenn Dich Terroristen in das Licht der Weltöffentlichkeit zerren wollen, ist Dir das egal. Für diese Rotzigkeit muss man Dich lieben. Du bist auf Deine ganz eigene, schrullige Weise ein Vorbild. Eine echte Weltstadt eben.
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(mf)