LIFESTYLE
21/12/2016 09:19 CET

Trauer kann so tiefgehend sein, dass sie Spuren im Gehirn hinterlässt

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Egal, ob Mama und Papa, der Partner oder gar das eigene Kind – wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist die Trauer unvorstellbar groß und scheint nie zu enden.

Die meisten erholen sich jedoch nach einigen Monaten von ihrem Verlust und finden langsam ins Leben zurück. Doch manche Menschen schaffen das nicht: Ihr Schmerz, ihre Wut, ihre Traurigkeit sind selbst nach Jahren noch so schlimm wie am ersten Tag. Ihr Leiden ist so tiefgehend, dass es sogar sichtbare Spuren in ihrem Gehirn hinterlässt.

Wenn die Trauer den Alltag bestimmt

So war es bei auch bei einer 64-jährigen Witwe aus den USA. Als sie Ehemann verlor, konnte sie ihr normales Leben nicht wieder aufnehmen. Selbst vier Jahre nach seinem Tod schlief sie auf dem Sofa, weil sie es nicht ertrug, in ihrem früheren Ehebett zu liegen.

Gemeinsamen Hobbys konnte sie nicht weiter nachgehen. Es tat einfach zu weh. Sie aß nicht einmal mehr normale Mahlzeiten, da das Kochen sie immer an die verlorengegangene Liebe ihres Lebens erinnerte. Jeden Tag war sie aufs Neue wütend auf die Ärzte, die sich einst um ihren Mann gekümmert hatten – und auf sich selbst, weil sie seine Krankheit nicht eher bemerkt hatte.

Wie in einer Schockstarre

Über diesen Fall berichtete die Medizinerin Katherine Shear in einem Artikel für das "New England Journal of Medicine". Die 64-Jährige litt unter einer Krankheit, die Shear als "schwierige Trauer" bezeichnet.

Die Symptome? Emotionaler Schmerz, andauernde gedankliche Abwesenheit, ständiges Erinnern an die verlorene Person, die Unfähigkeit, den Verlust zu akzeptieren oder ein sinnvolles Leben ohne den geliebten Menschen zu führen.

"Menschen mit schwieriger Trauer sind oft wie in einer Schockstarre. Sie fühlen sich emotional taub und entfremden sich von anderen, weil sie überzeugt sind, dass all ihr Glück für immer verloren ist", erläutert Shear.

Mehr zum Thema: Blog: Niemand sagt dir das über Trauer - also werde ich es tun

Die Trauer wird im Gehirn sichtbar

Während normal Trauernde sich von ihrem Verlust nach etwa sechs Monaten wieder erholen, schaffen das Menschen mit schwieriger Trauer nicht.

"Es ist wie eine Wunde, die einfach nicht heilt", schreibt Shear. Die Auswirkungen dieser Trauer kann man in einer Kernspintomographie sehen: Sie bildet Anomalien im Gehirn, die dessen Funktionen beeinträchtigen können – etwa in Bereichen, die für Erinnerungen und die Regulation von Emotionen zuständig sind.

Im Grunde kann es jeden treffen

Eine Personengruppe ist besonders gefährdet: Menschen, die ihr Kind verloren haben. Ihr Risiko zu erkranken liegt laut Shears Studie bei über 20 Prozent. Häufig tritt die schwierige Trauer bei unerwarteten Todesfällen auf. Aktuell erwischt es vor allem Frauen über 60 Jahren. Die Ärztin warnt jedoch, dass niemand davor gefeit ist: "Im Grunde kann es jeden treffen", erklärt sie.

Unbehandelt schadet die schwierige Trauer auf Dauer nicht nur der Psyche, sondern auch dem restlichen Körper. Erkrankte rutschen in die Tablettensucht, leiden unter Schlafstörungen, haben Selbstmordgedanken und ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen und Krebs.

Am besten hilft Betroffenen eine intensive Psychotherapie. Bei dieser lernen die Menschen, den Tod ohne Wut, Angst oder Schuldgefühle zu verarbeiten. Außerdem sollen sie hier versuchen, ihr Leben neu zu erfinden, indem sie sich Ziele setzen und Pläne machen. Damit der Verlust irgendwann auch wieder aus ihrem Gehirn verschwindet.

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(glm)