POLITIK
21/12/2016 03:42 CET | Aktualisiert 21/12/2016 05:01 CET

Anschlag in Berlin: Ausländische Medien sagen politische Zeitenwende in Deutschland voraus

dpa

Auch an Tag zwei nach dem Anschlag an der Gedächtniskirche bleiben viele Fragen offen: Wer und wo ist der Täter? Wurde noch Schlimmeres womöglich nur knapp verhindert?

Besonders ausländische Medien sehen Deutschland nach den Ereignissen von Berlin vor einer politischen Zeitenwende. Der Tenor: Die Zukunft von Kanzlerin Angela Merkel entscheidet sich genau jetzt - im Kampf gegen die Hetzer aus dem rechten Lager und ihre Kritiker aus der CDU.

"Der Druck auf die Kanzlerin war noch nie so hoch"

So kommentiert die österreichische Zeitung "Der Standard" am Mittwochmorgen: "(...) Aber das wird die Herausforderung der kommenden Zeit für Merkel sein: abzuwägen – und dann zu entscheiden. Und sich nicht von den Scharfmachern provozieren zu lassen. (...) Die AfD ist für Merkel dabei nur eine Herausforderung. (...) Viel schwieriger wird für Merkel die Frage sein, ob sie ihre eigenen Truppen angesichts des schrecklichen Ereignisses bei der Stange halten kann. Seit langem schon gärt es auch in der Union, die Konservativen ballen die Faust in der Hosentasche. So mancher wird jetzt eine Gelegenheit sehen, sich nicht so sehr gegen die AfD zu stellen, sondern lieber ein paar ihrer Forderungen zu übernehmen."

Der Druck auf die Kanzlerin war noch nie so hoch, kommentiert auch die "Neue Zürcher Zeitung". Das Thema innere Sicherheit in allen seinen Facetten werde die Debatte bis zur Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres bestimmen, schreibt das Schweizer Blatt.

"Die AfD spricht von 'Merkels Toten' - und das ist wohl nur der Anfang"

"Grösser war der Druck auf die Kanzlerin nie, selbst in der Hochphase der Euro-Krise nicht." Und weiter: "Man kann nur hoffen, dass in der Mitte der Gesellschaft Augenmaß die Oberhand behält. Die AfD allerdings spricht bereits von 'Merkels Toten', und dies ist wohl nur der Anfang."

Auch die renommierte "New York Times" sieht die Kanzlerin angesichts der jüngsten AfD-Schuldzuweisungen vor einer politisch großen Herausforderung. Die US-Tageszeitung kommentiert: "Diese gefährliche - wenn auch vorhersehbare - Reaktion spielt direkt in die Hände des Islamischen Staats, der nichts mehr will, als einen Krieg zwischen Christen und Muslimen in Europa zu beginnen."

"Schaut man sich um, gibt es keine echten Antworten"

Mit jedem neuen Anschlag, ob auf einen Weihnachtsmarkt oder eine Moschee, werde die Herausforderung für Europa schwieriger, Toleranz, Inklusion, Gleichheit und Vernunft zu verteidigen, schreibt das Blatt.

Die spanische Zeitung "El País" appelliert an die westlichen Staaten: Gesellschaften dürften sich dem Terror genausowenig beugen wie rechten Tendenzen. "Wir sind überzeugt, dass Deutschland, eine demokratisch reife Gesellschaft und sich seiner Werte und Verantwortung bewusst ist, sich weder den Terroristen beugt, egal, welchen Preis sie fordern, noch jenen, die den Terror nutzen, um an die Macht zu kommen."

Philipp Jessen, Chefredakteur von "stern.de", kritisiert derweil den Umgang der Politiker mit den Ängsten der Bürger. "Schaut man sich um, gibt es keine echten Antworten", kommentiert Jessen.

"Deutschland wird ein offenes und freies Land bleiben"

Statt Worten, die Halt böten, gebe es derzeit "nur Floskeln und Reflexe", schreibt Jessen. "Egal ob Mitte, rechts oder links. So unterschiedlich die politische Ausrichtung, so gleich der Kern aller Thesen: Wir hatten recht! Wir müssen weitermachen, am besten noch doller! Dann wird alles gut! Versprochen." Auch der liberale Teil der Gesellschaft hat laut Jessen "außer den üblichen Reflexen wenig zu bieten".

Deutlich optimistischer kommentieren die "Badischen Neuesten Nachrichten": "Deutschland wird auch nach der furchtbaren Tat in Berlin ein freies und offenes Land bleiben, in dem es Weihnachtsmärkte, Silvesterfeiern und öffentliche Veranstaltungen gibt."

"Wer von Krieg redet, der folgt der Logik der Terroristen"

Die "Süddeutsche Zeitung" knöpft sich Klaus Bouillon vor, den Vorsitzenden der Innenministerkonferenz, der am Dienstag von einem "Kriegszustand" gesprochen hatte.

Das Blatt schreibt am Mittwochmorgen: Wer aber Verbrecher als Kombattanten sehe, wer von Krieg rede, der folge der Logik der Terroristen. "Früher wollten die Terroristen der RAF Guerilleros oder Kriegsgefangene sein; heute reden Fanatiker anderer Couleur so. Dem darf man nicht nachgeben - weder als Politiker noch als Bürger. Am Breitscheidplatz hat ein Mörder gewütet, kein Gotteskrieger, Freiheitskämpfer oder Widerständler gegen das System."

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