POLITIK
21/12/2016 02:53 CET | Aktualisiert 21/12/2016 05:06 CET

Deshalb konnte der wahre Täter von Berlin entkommen

Polizisten sichern den Tatort an der Berliner Gedächtniskirche
NurPhoto via Getty Images
Polizisten sichern den Tatort an der Berliner Gedächtniskirche

Der Fall schien schon gelöst: Unmittelbar nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz konnte die Polizei die Festnahme eines Verdächtigen melden.

Ein Mann wird nach der Tat an der Siegessäule festgenommen. Dazu meldet die Presse eine Heldengeschichte: Ein mutiger Bürger habe den Verdächtigen verfolgt und per Mobiltelefon ständig dessen Position an die Polizei weiter gegeben.

Alles scheint ins Bild zu passen. Der Mann ist ein Asylbewerber aus Pakistan und war der Polizei bereits mit kleinen Delikten aufgefallen. Sicherheitskreise geben bald den Namen, das Flüchtlingsheim, in dem er lebt, sowie Ort und Datum seiner Einreise an die Presse weiter. Das SEK stürmt ein Flüchtlingsunterkunft am Flugfeld Tempelhof.

Ermittler: "Es hat viel zu gut gepasst"

Über den Kurznachrichtendienst Twitter teilt die Polizei mit, dass es "keine Gefährdungslage" mehr gebe. Dann plötzlich die überraschende Wende: Am Dienstagabend kommt der Mann wieder frei - die bisherigen Ermittlungsergebnisse hätten bislang keinen dringenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten ergeben, teilt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit.

"Wir haben viel zu früh Hurra geschrien, es hat viel zu gut gepasst", sagte ein Ermittler des Bundeskriminalamts der "Bild"-Zeitung.

Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, waren die Hinweise, die bei der Polizei eingingen, äußerst widersprüchlich. Nach einem internen Dokument seien bei der Polizei 132 Hinweise eingegangen. Allerdings beschrieben die Zeugen unterschiedliche Kleidungen und Verletzungen des Täters. Daher wusste die Polizei nicht genau, nach wem sie suchte.

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Schon bald mussten die Ermittler einsehen, dass sie den Falschen hatten. Zum einen, weil er die Tat vehement bestritt. Schon das machte die Beamten stutzig. Schließlich will ein religiös-radikaler Überzeugungstäter mit seiner Tat ja Aufmerksamkeit erregen.

Zudem fanden sich an Händen und Kleidung weder Schmauch- noch Blutspuren. Der Täter hatte im Führerhaus mit dem polnischen Fahrer des Lkw gekämpft und diesen mit einer kleinkalibrigen Waffe erschossen. Zudem soll er mit einem Messer auf den Mann eingestochen haben. Der Täter müsste übersät mit Blutspritzern und Pulverrückständen sein.

Polizei: "Haben nur wenig für eine Fahndung"

Auch das Mobiltelefon der Verdächtigen wurde gefunden und untersucht. Es enthielt keine Hinweise auf Verbindungen zu Terrorgruppen.

Jetzt stehen die Ermittler vor einem Problem: Der wahre Todesfahrer hatte mittlerweile über 24 Stunden Zeit, um unterzutauchen. Sollte der Täter ein Islamist sein, könnte er theoretisch auf ein großes Netzwerk von Unterstützern in Berlin vertrauen. Etwa 500 islamistische Sympathisanten gäbe es in der Bundeshauptstadt, schätzt ein Berliner Verfassungsschützer in der "Bild"-Zeitung. Selbst wenn sich der Todesfahrer also nicht bereits ins Ausland abgesetzt haben sollte: Die Fahnder scheinen nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen.

Bereits am Montagnachmittag hatte der Berliner Polizeipräsident Klaus Kandt auf einer Pressekonferenz eingeräumt: "Wenn es der Verdächtige nicht war, wird niemand ruhen, bis nicht der Täter oder die Täter gefasst sind"."

Ist der Terrorist also entwischt? André Schulz vom Bund Deutscher Kriminalbeamter ist optimistisch, dass der Täter doch noch gefasst wird.

"Niemand wird ruhen, bis der Täter gefasst ist"

"Ich bin relativ zuversichtlich, dass wir vielleicht schon morgen oder in naher Zukunft auch einen Tatverdächtigen präsentieren können", sagte er gestern Abend in der ZDF-Sondersendung "Maybrit Illner spezial".

Die Berliner Polizei hat nach eigenen Angaben mehr als 500 Hinweise zu dem Anschlag erhalten. Neben Zeugenaussagen werten die Ermittler Schulz zufolge DNA-Spuren und Fingerabdrücke aus. Mit GPS-Daten vom Tatabend werde nach dem Handy des Täters gesucht. Auf dieser Basis könne ein Bewegungsbild erstellt werden. "Wir haben viele Möglichkeiten, um die Person auch zu finde", sagte Schulz.

"Da habe ich doch großes Vertrauen in die Polizei in Berlin und in das BKA." Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) versicherte im ZDF, die Ermittler tappten nicht im Dunklen. Es gebe Ermittlungsansätze, die würden verfolgt. "Und niemand wird ruhen, bis nicht der Täter oder die Täter gefasst sind", sagte er in der ARD.

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(cho)