POLITIK
21/12/2016 15:59 CET | Aktualisiert 22/12/2016 05:04 CET

Berlin fürchtet den Hass der Anderen: "Deutschland könnte durchdrehen"

  • Am Tag zwei nach dem Anschlag rufen Rechte zum Protest auf - sie demonstrieren vor dem Kanzleramt und am Anschlagsort

  • Berlin fürchtet, dass auf das Attentat Hass folgen könnten - die Angst davor ist größer als vor dem Terror

  • Denn noch ist völlig unklar, wie der Anschlag Deutschland verändern wird

Wolfgang Schäfer muss lange überlegen, bevor er die Frage beantwortet, die er in normalen Zeiten nur schnell bejaht.

„Geht es Ihnen gut?“, fragen wir ihn am Mittwoch nach dem Anschlag in Berlin. Blick nach unten. Langes, schweres durchatmen. Dann: „Noch nie in meinem Leben habe ich mir solche Sorgen gemacht.“

Wir stehen am Fuße der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Hier liegen überall kleine Inseln mit Blumen, Kerzen und Gedenksprüchen. Schäfer ist gekommen, um zu trauern, er trägt eine schwarze Baskenmütze, schwarzer Mantel, schwarze Hose. „Ich bin fassungslos“, sagt er. „Und ich habe Angst.“

Angst hat er nicht vor dem Terror, der Berlin am Montag in Schockstarre versetzte, als ein LKW in einen Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz raste und mindestens zwölf Menschen tötete.

Er hat auch keine Angst vor den Hunderttausenden Ausländern, die in Berlin wohnen. Oder dem Islamischen Staat, der sich zu dem Anschlag bekannte.

Angst hat Schäfer vor dem Hass, der sich jetzt Bahn brechen könnte. Hass gegen Minderheiten, Politiker, Eliten, breite Teile der Bevölkerung.

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Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche

„Ich habe wirklich die Sorge, dass dieses Land durchdreht“, sagt er. „Wie sich die Rechten äußern, entsetzt mich.“

AfD-Landeschef in Nordrhein-Westfalen Marcus Pretzell etwa twitterte nur wenige Stunden nach dem Anschlag: „Das sind Merkels Tote“. Um 18 Uhr demonstrierten Rechte vor dem Kanzleramt und unweit vom Anschlagsort entfernt. Und die sozialen Medien laufen über mit Hass – obwohl die Hintergründe des Anschlags bis dato nicht klar sind.

Die Angst vor dem Hass ist größer als die Angst vor dem Terror in Berlin. Denn bislang weiß niemand, wie dieser Anschlag Deutschland verändern wird. Diese Unbekannte legt sich wie ein Schleier über die Hauptstadt.

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"You will not divide us"

Petra Neumüller ist Krankenschwester aus Charlottenburg – und sie hat da eine Ahnung. „Die Rechten haben doch nur auf so einen Anschlag gewartet“, sagt sie. „Die werden den ausschlachten und daran kann sie auch keiner hindern, vor allem nicht die Merkel und der Müller, die sind doch total überfordert mit denen.“

Michael Müller, das ist der Regierende Bürgermeister von Berlin. Diese Tage sind die schwersten seiner Amtszeit. Nach dem Gedenkgottesdienst am Dienstag wartete er am Ausgang, bis alle die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche verlassen hatten. Einige begrüßte er, einige umarmte Müller. Es war eine beeindruckende Geste.

Weniger beeindruckend war, was fast zur gleichen Zeit über den Ticker ging. Die Polizei musste ihren Hauptverdächtigen wieder laufen lassen. Sie hatte den Falschen. Der wahre Attentäter war hingegen noch auf freiem Fuß, vermutlich bewaffnet.

Dass die Behörden die Bevölkerung über Stunden im Glauben ließ, dass keine Gefahr mehr bestehe, war voreilig. „Das hatte mich schon etwas verunsichert“, sagt Krankenschwester Neumüller. Sie wäre vermutlich trotzdem zur Arbeit gegangen, aber „mit einem ganz anderen Gefühl“.

Solche Pannen sind es, die den Rechten in die Karten spielen.

"Das hat mich verunsichert"

Damit Deutschland "nicht in Panik verfällt, müssen die Bürger in der Öffentlichkeit das Gefühl der Sicherheit bekommen", sagte etwa der Kölner Psychologe Stephan Grünewald der Huffington Post. Mit dem Hass bekämpften einige ihre Ohnmacht. "Sie wollen unser Land in eine Rolle Rückwärts stoßen und sehnen eine abgeschottete Welt herbei, wie es sie etwa in der guten alten BRD gab.“

Und diese gute, alte Welt, könnte irgendwann das Jahr 2016 sein, bevor sich der Hass Bahn brach.

Aber das Jahr 2016 könnte auch das Jahr werden, in dem Deutschland dem Hass trotzte. Dass diese gesellschaftliche Mammutaufgabe tatsächlich gelingen könnte, dafür spricht derzeit viel, vor allem in Berlin.

Hier lässt man sich nicht verrückt machen und von Wut zerfressen.

Der "Tagesspiegel" etwa schreibt:

„Es steckt ein enormes Beharrungsvermögen in dieser Stadt, die alte, bei den Eingeborenen schon nahezu genetisch verankerte Erfahrung, wie man weiterlebt in üblen Zeiten. Weihnachten kaputt machen lassen? Nicht mit uns!“

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Kanzlerin Merkel am Dienstag in Berlin

Die sozialen Netzwerke wirken in Berlin wie eine Parallelwelt, der Hass darin schafft es bislang nicht auf die Straße.

Das sah man zum Beispiel am Tag nach dem Anschlag, als sich die Kanzlerin ins Kondolenzbuch in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche eintrug. Hunderte sahen dabei zu, wie sie aus ihrer Limousine stieg, in die Kirche und wieder zurück ging.

Es war der direkteste Kontakt Merkels mit der Bevölkerung nach dem Anschlag. Und nur wenige Male durchbrachen Pöbeleien die andächtige Stille. „Ferkel“ rief da einer, oder „Volksverräter“. Das ist widerlich, doch es hätte auch widerlicher werden können, das ließ zumindest ein Blick auf Facebook, Twitter und Co. vermuten.

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AfD-Kundgebung vor dem Kanzleramt

Das sah man auch bei den rechten Kundgebungen in der Stadt. Ja, die Identitären versuchten, die CDU-Parteizentrale zu besetzen. Und ja, Höcke, Gauland und Co. riefen vor der Presse zum Widerstand auf, auf Plakaten war sogar von "Krieg" zu lesen.

Aber die wenigen hundert Menschen, die sich diesen Kundgebung anschlossen, waren kein Vergleich zu den vielen Tausenden, die in ganz Deutschland friedlich für Toleranz und gegen Hass warben.

kundgebung

"Es wird Krieg geben

Die Öffentlichkeit ist stärker, als sich das Populisten wünschen. Danach sieht es zumindest am Tag zwei nach dem Anschlag aus.

Und das ist die gute Nachricht in diesen Tagen.

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(mf)