POLITIK
21/12/2016 23:14 CET | Aktualisiert 22/12/2016 08:19 CET

Anis Amri: Zwei Tage nach dem Anschlag trafen die Abschiebepapiere ein

Die Polizei hat 100.000 Euro für Hinweise zur Ergreifung Anis Amris ausgesetzt
AP
Die Polizei hat 100.000 Euro für Hinweise zur Ergreifung Anis Amris ausgesetzt

Seit gestern wird der Verdächtige Anis Amri wegen des Terroranschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz mit zwölf Toten gesucht. Unter dem Fahrersitz des Lkw, der als Tatwaffe verwendet wurde, fand die Polizei die Duldungspapiere des Tunesiers. Die Bundesanwaltschaft rief die Bevölkerung zur Mithilfe auf und setzte 100.000 Euro Belohnung aus.

Mehr zum Thema: Fahnder observieren Amri monatelang - im Dezember taucht er unter

Im Laufe des gestrigen Tages stellte sich heraus, dass Amri den Behörden schon lange bekannt war: Gefängnisstrafen, gefälschte Identitäten, IS-Kontakte, Gewalttaten, Drogendelikte, Kontakte zu Hasspredigern, Anschlagspläne - fünf Jahre lang reiste Amri durch Europa und hinterließ seine Spuren, wurde observiert und überwacht. Trotzdem konnte er untertauchen - und mutmaßlich den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt ausführen.

Zwei Mal sollte er abgeschoben werden, doch in beiden Fällen scheiterte die Abschiebung an der Kooperation tunesischer Behörden. Ein besonderer Hohn: Gestern, zwei Tage nach dem Anschlag, trafen die für eine Abschiebung notwendigen Ersatzpapiere aus Tunesien ein.

Die Chronik seiner Reise durch Europa ist die Chronik einer Tragödie mit Ansage.

2010

Nach einem Bericht der "Welt" stahl Amri in Tunesien einen Lastwagen und wurde daraufhin von einem Gericht in Kairouan zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. In den Revolutionswirren konnte er aber flüchten. Über die Insel Lampedusa gelangte er nach Italien.

2011

In diesem Jahr kam Amri aus Tunesien als Flüchtling nach Italien, wie die dortige Nachrichtenagentur Ansa berichtete, und wurde in einem Auffanglager auf Sizilien untergebracht. Weil er Sachbeschädigungen und "diverse Straftaten" beging, kam er demnach in Palermo vier Jahre ins Gefängnis. "Bild" berichtet unter Berufung auf den tunesischen Radiosender "Mosaique", dass er in Italien eine Schule angezündet haben soll. Amri sei auch im Gefängnis gewalttätig gewesen, berichtete die Italienische Zeitung "La Stampa".

Im Frühjahr 2015 wurde er laut Ansa entlassen, konnte wegen Problemen mit den tunesischen Behörden aber nicht ausgewiesen werden. Er sei dann nach Deutschland weitergereist, hieß es.

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fahnungsplakat

2015

Amri gelangten über Freiburg nach Deutschland, wie NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Mittwoch in Düsseldorf mitteilte. Er hielt sich zunächst in Nordrhein-Westfalen auf. Er verwendete bereits jetzt mehrere Identitäten. Demnach soll er als Ahmad Z. oder Mohamed H. aus Ägypten erfasst gewesen sein. Manchmal habe er auch angegeben, aus dem Libanon zu stammen.

In Nordrhein-Westfalen wurde er als islamistischer Gefährder geführt. Es habe Informationen gegeben, wonach er einen Einbruch plane, um Geld für den Kauf automatischer Waffen zu beschaffen - "möglicherweise, um damit später mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen", hieß es.

Nach Informationen des "Focus" soll Amri in Nordrhein-Westfalen durch den Hassprediger Abu Walaas in Duisburg und Dortmund radikalisiert worden sein. In geheimen Koranschulen propagierten die Lehrer mit Hilfe eines Lehrbuches der Terror-Milizen "Islamischer Staat" den Dschihad. Sie stellten Aussagen des V-Mannes zufolge Schüler wie Anis Amri vor zwei Alternativen: Entweder die Schleusung zum IS oder aber in Deutschland Anschläge zu verüben. Diese Doktrin, so der Informant, sei durch Abu Walaa abgesegnet worden.

Laut den Ermittlungen plante die Truppe Abu Walaas’ Überfälle auf Polizeistationen. Andere Pläne sahen vor, Polizeibeamte per Notruf in einen tödlichen Hinterhalt zu locken. Nach Berichten eines verdeckten Ermittlers, den das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) in die Terror-Zelle eingeschleust hatte, sprachen Getreue des Predigers davon, einen Lkw voll mit Sprengstoff in eine Menschenmenge zu steuern. Wie der Informant weiter berichtete, soll sich das Terrornetzwerk bereits Waffen mit Schalldämpfern über den Erlös aus Einbrüchen verschafft haben.

Auch "Süddeutsche", NDR und WDR berichten über Kontakte zum Netzwerk des kürzlich verhafteten Hildesheimer Predigers, den Jäger früher einmal als "Chefideologen" der Salafisten in Deutschland eingestuft hatte. "Bild.de" berichtet, dass er auch bei Hassprediger Boban S. in Dortmund aufgetaucht sein soll.

Februar 2016

Seit Februar hielt Amri sich vor allem in Berlin auf, reiste aber auch oft nach Nordrhein-Westfalen. Dort wurde er nach Hinweisen von Bundesbehörden überwacht, und zwar von März bis September dieses Jahres, wie die Generalstaatsanwaltschaft mitteilte.

Die Observierung und Überwachung der Kommunikation sei sogar verlängert worden, habe aber keine Hinweise auf ein staatsschutzrelevantes Delikt erbracht, erklärte die oberste Berliner Ermittlungsbehörde. Ein Antiterrorfahnder sagte "Bild": "Amri suchte nach unserer Kenntnis bereits im Frühjahr 2016 Mittäter für einen Anschlag, interessierte sich auch für Waffen."

April 2016

Amri beantragt im Landratsamt von Kleve (NRW) Asyl und wurde anschließend einer Flüchtlingsunterkunft im nahe gelegenen Emmerich zugeteilt.

Juni 2016

Amri wurde bereits im Juni als Asylbewerber abgelehnt, wie NRW-Innenminister Jäger berichtete. "Der Mann konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte." Tunesien habe lange Zeit bestritten, dass es sich um seinen Staatsbürger handele.

Juli 2016

Wie die "Bild"-Zeitung erfuhr, gab es im Juli 2016 Ermittlungen wegen Körperverletzung gegen Anis Amri. Dabei soll es sich um eine Messerstecherei gehandelt haben. Der Auslöser war ein Streit um Drogen im Görlitzer Park. Nach einem Bericht der "Welt" brach etwa um diesen Zeitpunkt der Kontakt von Amri zu seiner Familie in Tunesien ab. Bis hierher hätte er immer drei bis vier Mal pro Monat angerufen.

Am 30. Juli wurde Amri bei einer Routinekontrolle in Friedrichshafen in einem Fernbus aufgegriffen, wie "Spiegel Online" berichtet. Nach einem Beschluss des Amtsgerichts Ravensburg wurde Amri in Abschiebehaft gebracht. Zwei Tage später wurde er dann aber entlassen, die Abschiebung nicht durchgeführt.

November 2016

Das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) von Bund und Ländern habe sich im November 2016 mit Amri befasst, sagte NRW-Innenminister Jäger (SPD).

Dezember 2016

Laut "Süddeutscher Zeitung" ("SZ"), NDR und WDR tauchte Amri im Dezember unter.

19. Dezember 2016

Ein Attentäter stiehlt in Berlin einen Lastwagen und steuert ihn in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. Elf Besucher sterben. Auf dem Beifahrersitz findet die Polizei den erschossenen polnischen Lastwagenfahrer. Unter dem Fahrersitz liegt eine Duldungsbescheinigung von Amri.

21. Dezember 2016

Die für die Abschiebung Amris notwendigen Ersatzpapiere aus Tunesien trafen schließlich doch noch bei den deutschen Behörden ein, zwei Tage nach dem Anschlag. Das berichtet NRW-Innenminister Jäger.

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(ks)