POLITIK
20/12/2016 18:39 CET

Die Stunden nach dem Anschlag: Warum ich gerade sehr stolz auf dieses Deutschland bin

BERLIN, GERMANY - DECEMBER 20:  The Brandenburg Gate stands illuminated in the colors of the German flag as police walk past the day after a truck drove into a crowded Christmas market in the city center on December 20, 2016 in Berlin, Germany. So far 12 people are confirmed dead and 45 injured. Authorities have confirmed they believe the incident was an attack and have arrested a Pakistani man who they believe was the driver of the truck and who had fled immediately after the attack. Among the dead are a Polish man who was found on the passenger seat of the truck. Police are investigating the possibility that the truck, which belongs to a Polish trucking company, was stolen yesterday morning.  (Photo by Sean Gallup/Getty Images)
Sean Gallup via Getty Images
BERLIN, GERMANY - DECEMBER 20: The Brandenburg Gate stands illuminated in the colors of the German flag as police walk past the day after a truck drove into a crowded Christmas market in the city center on December 20, 2016 in Berlin, Germany. So far 12 people are confirmed dead and 45 injured. Authorities have confirmed they believe the incident was an attack and have arrested a Pakistani man who they believe was the driver of the truck and who had fled immediately after the attack. Among the dead are a Polish man who was found on the passenger seat of the truck. Police are investigating the possibility that the truck, which belongs to a Polish trucking company, was stolen yesterday morning. (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Zu Beginn ein Bekenntnis: Es gibt derzeit Gründe, stolz auf dieses Deutschland zu sein. Und das meine ich in einem gänzlich unpatriotischen Sinne.

Es geht um das, was die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen in den vergangenen 24 Stunden geleistet hat. Egal ob Biodeutsche, Zugewanderte, Muslime, Christen, Veganer oder Blutwurstesser.

Bisher ist dieses Land nicht in Panik verfallen. Viele Menschen haben am Montagabend mit einer Bewertung abgewartet, bis belastbare Fakten zur Bewertung dessen auf dem Tisch lagen, was auf dem Weihnachtsmarkt vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin passiert ist.

Zurückhaltung war angesagt

Mittlerweile scheint die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es sich dabei um einen Anschlag handelt. Ob es islamistischer Terrorismus war, das ist immer noch nicht gänzlich klar - obwohl der IS die Tat mittlerweile für sich in Anspruch nimmt. So lange der oder die Täter nicht gefasst sind, ist der Fall nicht vollständig aufgeklärt.

Die Massenmedien haben sich in ihrer Berichterstattung zurückgehalten. Auch von vielen Politikern sind sehr nachdenkliche Worte zu hören. Zum Beispiel von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Nur AfD und CSU konnten nicht an sich halten

Aus der Rolle fielen mal wieder nur die AfD und die CSU.

Aber „Tabubruch“ gehört ja für die AfD bekanntermaßen zum erklärten Geschäftsmodell. Und Horst Seehofer springt seit drei Jahren eifrig über jedes Stöckchen, das ihm die AfD hin hält.

Eine Mehrheit repräsentieren diese beiden Parteien nicht. Eher eine radikale Minderheit. Aber deren Rolle wird viel zu häufig bespiegelt und betextet. Bleiben wir also bei der großen Mehrheit der Deutschen, die sich in diesen Tagen anständig verhält.

Dieses Deutschland steht gerade in den Stunden der Ungewissheit vor einer Bewährungsprobe. Keine schnellen Schlüsse ziehen. Nicht Vorurteile zu Urteilen werden lassen. Gewalt nicht auf gesellschaftliche Gruppen projizieren.

Und bisher läuft es eigentlich ganz gut für diese Demokratie. Sie könnte es schaffen, einen Angriff auf die gemeinsamen liberalen Werte abzuwehren - der freilich nicht nur von vermeintlich oder vermutlich mordenden Islamisten droht, sondern auch von jenen, die aus den Ereignissen ihr politisches Kapital ziehen wollen.

Deutschland hat Erfahrung mit solchen Herausforderungen. Der "Deutsche Herbst" ist nun fast 40 Jahre her. Mit der Entführung von Hanns Martin Schleyer und der Ermordung seiner drei Begleiter steuerte die Auseinandersetzung zwischen Staat und Terroristen ab dem 5. September 1977 auf ihren Höhepunkt zu.

Es war die Glanzstunde von Helmut Schmidt, dem großen Krisenmanager.

Wir entscheiden, wie groß der Terror wird

In einer Fernsehansprache machte er klar, dass sich der Staat nicht erpressen lassen würde. Gleichzeitig mahnte er aber die Bürger zur Besonnenheit. Seine Worte wirken zeitlos. Ganz so, als bezöge sich Schmidt auf das, was am 19.12.2016 vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche passiert ist.

"Uns alle erfüllt nicht nur tiefe Betroffenheit angesichts der Toten, uns erfüllt alle auch Zorn angesichts der Brutalität, mit der die Terroristen in ihrem verbrecherischen Wahn vorgingen. Sie wollen den demokratischen Staat und das Vertrauen in unseren demokratischen Staat aushöhlen."

Es folgen einige Ausführungen zur damals existierenden Szene derjenigen, die mit der RAF und deren Zielen sympathisiert haben und ein klares Bekenntnis dazu, dass der Staat nun mit aller Härte die Täter verfolgen müsse. Schließlich spricht er direkt zu den flüchtigen Tätern.

"Während ich hier spreche, hören sicherlich auch die schuldigen Täter zu. Sie mögen in diesem Augenblick ein triumphierendes Machtgefühl empfinden. Aber sie sollen sich nicht täuschen. Der Terrorismus hat auf die Dauer keine Chance. Denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes. Dabei müssen wir alle, trotz unseres Zornes, einen kühlen Kopf behalten."

Schmidt Worte sind deswegen noch so wahr, weil sie eine Formel enthielten, mit der Deutschland in der Lage war, die Zerreißprobe des Herbstes von 1977 zu überstehen: Terrorismus ist immer nur so groß, wie wir ihn werden lassen.

Bis jetzt ist nicht sicher geklärt, wer den Anschlag wirklich verübt hat. Aber schon der Anschein und das vermeintlich Offensichtliche reichen einigen Deutschen aus, um sich in Mord- und Blutrache-Fantasien hinein zu schwitzen.

Das gab es in den 1970er-Jahren übrigens auch: Scheinbar unbescholtene Bundesbürger, die dafür plädierten, RAF-Angehörige und Sympathisanten "auf der Flucht zu erschießen" - ein Euphemismus für die damals noch nicht so salonfähige Forderung nach einer Todesstrafe.

Wann immer diese Menschen heute in Dokumentationen erscheinen, wirken sie unfreiwillig komisch. Was sie sagen, scheint ewiggestrig, archaisch und fast schon primitiv. Der Sieg über den Terrorismus durch das selbstbewusste Bekenntnis zu den eigenen Werten war der Anfang vom Ende jener Denke, die mit "Arbeitslagern" oder eben der "Todesstrafe" noch Spurenelemente des Dritten Reiches beinhaltete.

Falls die Tat an der Gedächtniskirche wirklich Terror war – wovon man derzeit ausgehen muss – dann ist diese dunkle Stunde für Deutschland in all ihrer Tragik auch eine Chance.

Am Mittwoch treffen sich AfD und die Neue Rechte vor dem Bundeskanzleramt zum Schulterschluss. Es liegt an der demokratischen Mehrheitsgesellschaft, ob Hetze gegen Ausländer und die steten Angriffe gegen die liberale Demokratie eine Chance haben – oder ob wir eines Tages vielleicht doch über die rechten Volkstribunen von heute lachen können.

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(mf)