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20/12/2016 08:23 CET | Aktualisiert 20/12/2016 16:48 CET

Euer Hass kotzt mich an - genau deshalb gehe ich jetzt auf den Weihnachtsmarkt

Travelpix Ltd via Getty Images
Deshalb sollten wir jetzt erst recht auf den Weihnachtsmarkt gehen

Liebes Facebook: Es war am Montagabend, kurz nach 22 Uhr, als Du von mir wissen wolltest, ob es mir gut geht. Was für eine Scheißfrage.

An der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin war gerade ein Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt gerast. In ersten Berichten war von mehreren Verletzten die Rede, dann war es ein Toter, schließlich "viele Tote".

Ich wohne etwas mehr als zwei Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt, im Sommer fahre ich mit meinem Fahrrad jeden Tag an der Stelle vorbei, wo nun Menschen ihr Leben lassen mussten. Natürlich wartete ich darauf, was die Polizei zu sagen hatte. Keine Panik. Aber von Stunde zu Stunde wurde die Theorie von einem "tragischen Unfall" immer unwahrscheinlicher.

Liebes Facebook: Nein, mir geht es nicht gut.

In meiner Timeline ploppten derweil die Meldungen meiner Freunde auf. Bis 23 Uhr waren es schon fast 100, die sich in Berlin als "in Sicherheit" meldeten. Ich habe mich darüber gefreut, und ich hoffe immer noch, dass niemand auf diesen Weihnachtsmarkt war, den ich näher kenne.

Denen, die es getroffen hat, wünsche ich baldige Genesung. Und den Hinterbliebenen der Toten gilt mein Mitgefühl. Ich merke gerade beim Schreiben, wie echt sich diese Sätze heute anfühlen.

➨ Mehr zum Thema: Aktuelle Informationen aus Berlin findet ihr im Liveblog

Und trotzdem kam ich mit dieser "Bin in Sicherheit"-Information meiner Facebook-Freunde einfach nicht zurecht: Dass in meiner Stadt, wo ich zu Hause bin, einige meiner liebsten Menschen bekunden müssen, dass es ihnen gut geht. Da geht ein Stück Grundvertrauen durch die Gewalt verloren. Ich will das nicht akzeptieren.

Da draußen in dieser Welt ist so viel Hass

Liebes Facebook: Es geht mir nicht gut, weil da draußen in dieser Welt so viel Hass ist.

Das betrifft jene Mitmenschen, die schon Minuten nach der Tat die gesamte muslimische Welt für die Ereignisse an der Gedächtniskirche verantwortlich machen wollten. Aber auch sonst war dieser 19. Dezember 2016 eine Demonstration des weltweiten Wahnsinns.

In Ankara ermordet ein vermeintlicher Polizist vor laufenden Kameras den russischen Botschafter in der Türkei, Andre Karlow, nur um dann mit einer Mischung aus Adrenalin und Triumphgefühl seine Gewalttat in Ché-Guevara-Pose mit den Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung in Aleppo zu rechtfertigen.

➨ Mehr zum Thema: Eine junge Muslima aus Berlin schreibt exakt, was viele jetzt denken

In Zürich kommt es in einem muslimischen Gebetsraum zu einer Schießerei, mindestens drei Menschen werden verletzt. Über die Motive war gestern Abend noch nichts bekannt.

In Syrien will die UN nun eine Beobachtermission einrichten. Viel zu spät. Die internationale Gemeinschaft hat jahrelang tatenlos dabei zugesehen, wie der Diktator Bashar al-Assad mit Hilfe seiner Freunde aus Iran, dem Libanon und Russland einen Vernichtungskrieg gegen die eigene Bevölkerung geführt hat.

Ich bin unverletzt, doch gut geht es mir nicht

Und dann war da noch die Wahl von Donald Trump durch das "Electoral College" zum neuen US-Präsidenten. In welche Richtung sich nun die internationale Politik entwickelt, steht völlig offen.

Nein, verdammt, ich bin unverletzt, aber mir geht es nicht gut. Wir müssen endlich anfangen, etwas gegen diesen Hass zu unternehmen, der in diesen Tagen die Welt zu verschlingen droht. Und wir sind dabei nicht hilflos.

Wir dürfen jenen nicht nachgeben, die uns ihre hasserfüllte Weltsicht aufzwingen wollen. Unser Weg muss Richtung Freiheit führen. Wir dürfen jene nicht gewinnen lassen, die jetzt aus unserem Land eine potemkinsche Festung machen wollen, die allen durch flotte Parolen und schnittige Initiativen so lange Sicherheit verspricht, wie man nicht gut genug hinschaut und erkennt, dass das ganze Gerede von "Sicherheit" hochgradig verlogen ist - weil wir dafür unsere eigenen Werte von Offenheit und Toleranz mit schlafwandlerischer Konsequenz in den Mülleimer kehren.

Und vor allem müssen wir selbst unseren Traum von Freiheit leben. Ihr trefft mich in den nächsten Tagen auf den Berliner Weihnachtsmärkten.

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