POLITIK
18/12/2016 23:56 CET | Aktualisiert 19/12/2016 07:18 CET

"Das muss Konsequenzen haben": Weihnachtsverbot an Istanbuler Gymnasium empört Politiker

Wolfgang Bosbach ist entsetzt über das Weihnachtsverbot am deutschen Gymnnasium in Istanbul
ullstein bild via Getty Images
Wolfgang Bosbach ist entsetzt über das Weihnachtsverbot am deutschen Gymnnasium in Istanbul

  • Das Weihnachts-Verbot am deutsch-türkischen Lisesi-Gymnasium löst Entsetzten bei Politikern aus

  • Grünen-Chef Cem Özdemir ist der Ansicht, dass Erdogan den letzten Rest religiöser Vielfalt ausmerzen wolle

  • CDU-Innenexperte Bosbach fordert, jetzt "Klartext" mit der türkischen Regierung zu sprechen

Es war ein Dementi, das die schlimmsten Befürchtungen bestätigte. Nachdem sich die Meldung verbreitet hatte, dass die türkische Schulleitung das Weihnachtsfest am deutsch-türkischen Elite-Gymnasium Istanbul Lisesi verboten habe, erklärte die deutsche Schulleitung umgehend, dies entspreche nicht der Wahrheit.

In einer am Abend auf der Homepage der Schule veröffentlichten Mitteilung hieß es allerdings, die deutschen Lehrer hätten im Unterricht "vor allem in den letzten Wochen Texte über Weihnachten und das Christentum auf eine Weise behandelt, die nicht im Lehrplan vorgesehen ist". Sie hätten dabei Aussagen getroffen, "die von außen betrachtet den Weg für Manipulationen freimachen".

Dagdelen: "Schulleitung ist von Erdogan kontrolliert"

Wer im Unterricht über Weihnachten spricht, setzt sich also politischem Druck von außen aus - das klingt mehr als eine Bestätigung als ein Dementi. Fakt ist, dass die Leitung der deutschen Abteilung der Schule in einer E-Mail geschrieben hatte: "Es gilt nach Mitteilung der türkischen Schulleitung eben, dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird."

Somit bleibt unklar, ob es sich um ein Verbot der türkische Schulleitung handelt oder um vorauseilenden Gehorsam der deutschen Abteilung der Schule. Das Ergebnis läuft auf das Gleiche raus: Weihnachten fällt am Lisesi-Gymnasium aus.

Das Weihnachtsverbot löste entsetzte Reaktionen bei deutschen Politikern aller politischen Lager aus. Die türkischstämmige Linken-Abgeordnete Sevim Dagdelen unterstellte der Schulleitung, vom türkischen Präsidenten kontrolliert zu sein.

Was bleibe, sei, dass die Weihnachtsfeier noch immer abgesagt sei und die Lehrer einen Maulkorb verpasst bekommen hätten, schrieb sie weiter auf Twitter. Gegenüber dem "Tagesspiegel" forderte sie die Bundesregierg auf, den türkischen Boschafter einzubestellen.

"Das Verbot des Weihnachtsfests an der Deutschen Schule in Istanbul durch türkische Behörden ist ein Schlag gegen die Lehr- und Religionsfreiheit", sagte die Chefin der CDU-Abgeordneten im Bundestag, Gerda Hasselfeldt, der "Passauer Neuen Presse".

Den Lehrern und Schülern das Fest zu verweigern und es sogar noch nicht einmal im Unterricht behandeln zu können, sei nicht nachvollziehbar. "Wir merken immer mehr, dass die Türkei in eine Autokratie abrutscht", bilanzierte sie.

Klöckner "Erdogan will freie Gedanken einebnen"

CDU-Vize Julia Klöckner sagte dem Blatt, dass Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan kulturelle Einflüsse der Nachbarländer quasi per Ansage verbieten wolle, sei "Ausdruck von Unsouveränität, Bevormundung und Abschottung" und das Gegenteil von Freiheit und Aufklärung. "Wer freie Gedanken einebnen will, der ist aus Verblendung wohl auch zu weiterem fähig."

Grünen-Chef Cem Özdemir erinnerte daran, dass die Türkei schon immer Heimat griechischer, aramäischer und armenischer Christen gewesen sei - lange bevor die ersten Türken und Muslime anatolischen Boden betreten hätten. Offensichtlich habe sich Erdogan in den Kopf gesetzt, "auch die letzten Reste an religiöser und ethnischer Vielfalt gründlich auszumerzen, wenn er sich selbst von harmlosen Weihnachtsliedern in seiner Herrschaft bedroht fühlt".

CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach verlangte eine scharfe Reaktion der Bundesregierung. "Es ist höchste Zeit, dass die Bundesregierung mit der Türkei unter Verzicht auf diplomatische Floskeln jetzt einmal Klartext spricht!", sagte er.

Das Verbot sei ein weiterer Beleg dafür, "dass Erdogan das Land mit aller Macht auf einen intoleranten, konservativ islamischen Weg zwingen will". Wenn es Bestand habe, sei die Grundlage für weitere deutsche Zahlungen in Millionenhöhe entfallen: "Das muss Konsequenzen haben."

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(ks)