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17/12/2016 10:20 CET

Nach Anschlag in der Türkei: Regierung kündigt Kampf "bis zum letzten Mann" an

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dpa/Twitter/HuffPost
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Wieder eine Bombe. Wieder Tote. Wieder mehr Repression. Die Gewaltspirale in der Türkei dreht sich weiter. An diesem Samstagmorgen hat der nächste Vorfall das Land erschüttert. Die wichtigsten Informationen im Überblick:

Was passiert ist: Mindestens 13 Tote

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Es ist 8.45 Uhr in Kayseri in Zentralanatolien, 6.45 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Soldaten einer Brigade haben frei, den Tag wollen sie außerhalb der Kaserne verbringen. Sie besteigen einen Bus, der sie zum Einkaufen in die Stadt bringen soll - und in den dann nach Angaben der Regierung ein Selbstmordattentäter sein zur Bombe umgebautes Auto steuert.

Fotos zeigen das rauchende Wrack des Busses, in dessen Mitte die Explosion ein riesiges Loch gerissen hat. Mindestens 13 Soldaten sterben, 48 weitere Soldaten werden verletzt, teilt das Militär mit. Innenminister Süleyman Soylu spricht bei einem Besuch in Kayseri von insgesamt 55 Verletzten, darunter seien sechs Schwerverletzte.

Warum Kayseri? Weil sich niemand mehr sicher fühlen soll

Kayseri in Zentralanatolien, 300 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Ankara, ist eine ruhige Stadt, Touristen kennen sie höchstens als Einfallstor zur spektakulären Naturlandschaft in Kappadokien. Vom eskalierenden Terror in den Metropolen Istanbul und Ankara und in den Kurdengebieten im Südosten ist hier bislang nicht viel zu spüren gewesen.

Mit dem schweren Anschlag in Kayseri dürften die Terroristen auch bezweckt haben, dass sich niemand mehr sicher fühlen soll, egal wo in der Türkei.

Wer hinter dem Anschlag steckt: Handschrift kurdischer Kämpfer erkennbar

Noch hat sich niemand dazu bekannt. Aber der Anschlag trägt wieder die Handschrift der TAK (Freiheitsfalken Kurdistans), einer Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die TAK greift gezielt Sicherheitskräfte an und nimmt zivile Opfer dabei bewusst in Kauf – so bei dem Anschlag vor einer Woche in Istanbul.

Nach Angaben des Innenministers sind inzwischen sieben Personen festgenommen worden. Nach fünf weiteren mutmaßlichen Tätern werde noch gefahndet.

Die Reaktion der Regierung: Die Türkei sieht sich im Krieg

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Kurz nach dem Anschlag in Kayseri verhängen die Behörden am Samstag wieder eine Nachrichtensperre, nur noch offizielle Verlautbarungen dürfen verbreitet werden. Diese Verlautbarungen sind gewohnt martialisch.

Ministerpräsident Binali Yilidirim kündigt an: "Dieser Kampf (gegen den Terrorismus) wird bis zum letzten Mann weitergehen."

Präsident Recep Tayyip Erdogan teilte nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu am Samstag mit, die Anschläge gälten nicht nur Soldaten und Polizisten, "sondern allen unseren 79 Millionen Bürgern".

Erdogan beschwört den "Geist der nationalen Mobilmachung", um Terroristen gleich welcher Couleur zu bekämpfen. Er hatte die "nationale Mobilmachung" kurz nach dem Anschlag von Istanbul verkündet und sich dabei auf seine Befugnisse als Staatspräsident berufen.

Aus Regierungskreisen wird abgewiegelt, Erdogan habe das nicht im wörtlichen Sinne gemeint: Das Volk wird also nicht zu den Waffen gerufen. Stattdessen fordert Erdogan die Bürger auf, Verdächtige und potenzielle Unterstützer von Terroristen anzuzeigen. Die Wahl der Begrifflichkeiten macht dennoch deutlich: Zumindest rhetorisch ist die Türkei im Krieg angekommen.

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Die deutsche Reaktion: "Perfide Gewalt durch nichts zu rechtfertigen"

Die pro-kurdische Oppositionspartei HDP verurteilte das Anschlag auf das Schärfste. Nach dem Anschlag von Istanbul hatten die Behörden zahlreiche HDP-Funktionäre festgenommen. Zwölf HDP-Abgeordnete saßen bereits zuvor unter Terrorverdacht in Untersuchungshaft.

Die Bundesregierung verurteilte den jüngsten Anschlag auf das Schärfste. "Diese perfide Gewalt ist durch nichts zu rechtfertigen", teilte das Auswärtige Amt mit. Der Generalsekretär des Europarats, Thorbjørn Jagland, rief zu einem sofortigen Ende der Terroranschläge auf.

Die Vorgeschichte: Das Ende des Friedensprozesses

Terrorangriffe sind seit dem Sommer 2015 traurige Routine in der Türkei geworden. Damals brachen der Friedensprozess und eine Waffenruhe mit der PKK zusammen. Zugleich verstärkte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ihre Angriffe in der Türkei. Im vergangenen Sommer kam es dann zum Putschversuch, den Erdogan der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen anlastet. Auch die Gülen-Bewegung - offiziell zur Terrorgruppe mit dem Kürzel FETÖ deklariert - wird seitdem mit aller Macht bekämpft.

Gegen TAK, PKK, FETÖ, den IS und die linksextreme DHKP-C geht die Türkei im Inneren vor. Doch auch außerhalb der Grenzen ist der Nato-Partner in gewaltsame Konflikte verstrickt: In Nordsyrien sind türkische Truppen einmarschiert, um den IS und den syrischen Ableger der PKK - die PYD und ihre YPG-Milizen - zu bekämpfen. Im Nordirak halten türkische Soldaten gegen den ausdrücklichen Wunsch der Regierung in Bagdad ihre Stellung, weil Erdogan eine stärkere Rolle der Türkei bei der Rückeroberung Mossuls vom IS wünscht.

Grauenvolle Terrorserie: Fast jeden Monat neue Gräuel

terror istanbul

  • Gerade einmal eine Woche ist es her, dass Terroristen der TAK, einer Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, in Istanbul zugeschlagen haben: Nach einem Fußballspiel kam es neben dem Stadion im zentralen Stadtteil Besiktas zu einem Doppelanschlag, mindestens 44 Menschen starben, darunter 36 Polizisten.

  • November: Bei einem Autobombenanschlag in der südosttürkischen Kurdenmetropole Diyarbakir werden mindestens elf Menschen getötet, die meisten davon Zivilisten. Erstmals übernimmt die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Verantwortung. Auch die TAK bekennt sich zu der Tat. Zu der Explosion war es kurz nach den Festnahmen von zwölf Abgeordneten der pro-kurdischen HDP gekommen.

  • Oktober: In der südosttürkischen Provinz Hakkari bringt ein Attentäter einen mit Sprengstoff beladenen Kleinlaster vor einem Kontrollposten der Gendarmerie zur Explosion. Bei dem Selbstmordanschlag der PKK kommen 16 Menschen ums Leben.

  • August: Ein Attentäter sprengt sich inmitten einer kurdischen Hochzeitsfeier in der südtürkischen Stadt Gaziantep in die Luft. Es gibt mehr als 50 Tote.

  • Juni: Am internationalen Terminal des Atatürk-Flughafens in Istanbul sprengen sich drei Selbstmordattentäter in die Luft. Sie reißen 45 Menschen mit in den Tod. Die türkische Regierung macht den IS dafür verantwortlich.
  • März: Bei einem Autobombenanschlag in der Hauptstadt Ankara werden mindestens 37 Menschen getötet. Zu dem Anschlag bekennt sich die TAK.

  • Februar: Bei einem Bombenanschlag auf einen Militärkonvoi im Regierungsviertel von Ankarasterben 30 Menschen, darunter der Selbstmordattentäter. Zu dem Attentat bekennt sich die TAK.

  • Januar: Bei einem Anschlag im historischen Zentrum Istanbuls werden zwölf Deutsche getötet. Der Angreifer sprengt sich mitten in einer deutschen Reisegruppe in die Luft. Er gehörte nach Angaben der türkische Regierung dem IS an.
  • Oktober 2015: Am Rande einer regierungskritischen Demonstration in der Hauptstadt Ankara reißen zwei Sprengsätze mehr als 100 Menschen in den Tod. Die Staatsanwaltschaft macht den IS dafür verantwortlich.

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