LIFE
16/12/2016 03:28 CET | Aktualisiert 16/12/2016 18:12 CET

Das passiert mit Kindern, die sich häufig langweilen

Langeweile ist vielleicht das Beste, was einem Kind passieren kann. Nur leider passiert es viel zu selten.

Schon die Kleinsten unter uns sind im Grunde den ganzen Tag lang beschäftigt. Meist mit Aktivitäten, die andere für sie ausgewählt haben. Es beginnt schon in der Kita, wo Kinder dauerhaft beschäftigt werden. "Man singt, man malt, man macht ständig etwas, das der andere für einen vorbereitet hat", sagt Psychologin und Familylab-Seminarleiterin Julia Stoch im Video oben.

"Man gewöhnt sich daran, etwas zu tun, das der andere für erlebenswert hält. Und man hört irgendwann auf, sich zu fragen: Was erlebe ich denn gerne?" Welche Folgen das hat und wie Eltern dem entgegenwirken können, erklärt die Psychologin ebenfalls im Video.

Was passiert, wenn Kinder sich nie langweilen

Kinder, die sich nie langweilen, verpassen einige wichtige Entwicklungsschritte.

"Nur aus der Langeweile heraus kann ein Kind seine eigenen kreativen Ideen entwickeln", sagt Hirnforscher Gerald Hüther. Die besten Vernetzungen im Gehirn entstünden dann, wenn Kinder völlig absichtslos spielen.

“Kinder haben eine angeborene Entdeckerfreude - bis irgendwann jemand kommt und ihnen sagt, was sie jetzt machen sollen”, erklärt Hüther.

Wenn ein Kind uns mitteilt, dass ihm langweilig ist, sollten wir uns also eigentlich freuen. Stattdessen glauben wir häufig, dass wir dem Kind helfen, indem wir ihm Dinge anbieten, mit denen es sich beschäftigen kann.

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Langeweile führt zu Selbstfindung

Doch damit helfen wir nicht, sondern wir nehmen dem Kind die Chance, die eigenen Interessen zu entdecken. Wer viel Zeit mit sich selbst verbringt - ohne beschäftigt zu sein - der erfährt viel mehr über sich selbst.

“Kinder müssen in ihrer eigenen Langeweile versinken, damit die Welt um sie herum so still wird, dass sie sich selbst hören können”, schreibt Psychologin Vanessa Lapointe in einem Beitrag für die Huffington Post.

Und nur wer sich selbst gut kennt, hat gute Chancen, eines Tages einen erfüllenden Beruf zu finden und ein zufriedenes Leben zu führen. Dieser Ansicht ist auch Kinderpsychologin Lyn Fry. Dem Magazin "Quartz" sagte sie:

“Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unsere Kinder darauf vorzubereiten, ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Erwachsen zu sein bedeutet, sich selbst zu beschäftigen und die Freizeit auf eine Art und Weise zu gestalten, die einen glücklich macht. Wenn Eltern ihre Zeit damit verbringen, die Freizeit ihrer Kinder zu verplanen, dann werden diese Kinder nie lernen, es für sich selbst zu tun."

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Langeweile gönnt dem Gehirn eine Pause

Langeweile ist aber auch deshalb wichtig, weil sie dem Gehirn die Chance gibt, zur Ruhe zu kommen.

"Wir beschweren uns ständig darüber, dass Kinder heutzutage eine viel kürzere Aufmerksamkeitsspanne haben", schreibt die kanadische Lehrervereinigung Alberta Teacher's Conference in einem Beitrag auf ihrer Website.

"Viele Lehrer sind der Ansicht, dass Kinder, die mehr Stimulation bekommen und mehr Auswahlmöglichkeiten haben, sich schlechter konzentrieren können und ungeduldiger sind."

Langeweile ist also etwas durchweg Positives. Wir sollten sie ganz bewusst in unser Leben und das unserer Kinder integrieren.

Julia Stoch betreibt die Website LebensraumFamilie.

Das Interview führte Katharina Pichler.

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(lk)