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16/12/2016 16:06 CET | Aktualisiert 19/12/2016 12:41 CET

Jamel: Wie eine Künstlerfamilie in einem Neonazi-Dorf dem Rassismus trotzt

  • Mehr als ein Jahr ist es nun her, dass in Jamel die Scheune der Lohmeyers abgebrannt wurde

  • Die Künstlerfamilie lebt in einem Dorf, das in der Hand von Nazis ist

  • Aus der Asche ist ein beeindruckendes Kunstwerk geworden - doch die Angst bleibt

  • Wir haben die Lohmeyers in Jamel getroffen (im Video oben)

Mehr als ein Jahr, nachdem die Scheune die Lohmeyers in Flammen aufging, hat sich kaum etwas verändert.

Aus dem Schutt ist Kunst geworden, aber die Angst bleibt. Und das ist der eigentliche Skandal in Jamel, Mecklenburg-Vorpommern, Deutschlands bekanntestem Nazi-Dorf, wo wir die Lohmeyers getroffen haben (im Video oben).

Die Parallelwelt, die dort seit Jahren heranwächst, ist unvorstellbar. Auf der einen Seite Nazis, die ein Dorf fast komplett unter Kontrolle haben und Menschen nach Lust und Laune terrorisieren. Und auf der anderen Seite eine Künstlerfamilie, die dem Terror trotzt.

"Eine Eskalationsstufe, die wir nicht kannten"

Vor mehr als zehn Jahren zogen sie aus Hamburg hierher. Die Krimi-Autorin Birgit Lohmeyer und ihr Mann Horst, Musiker, suchten sich hier ihren Alterswohnsitz. Damals wohnte zwar ein bekannter Nazi in dem Ort - doch das der bald fast alle Häuser kaufen würde, konnten sie nicht ahnen.

"Innerhalb von zwei Jahren waren 80 Prozent der Nachbarn Nazis", sagt Birgit Lohmeyer im Gespräch mit der Huffington Post. "Auf einen Schlag war es nicht mehr beschaulich. Wir wurden relativ bald drangsaliert."

Beschimpfungen, Beleidigungen, Sachbeschädigungen, Einbrüche - Nazi-Terror im Akkord. Der traurige Höhepunkt dann im August 2015, als die Scheune der Lohmeyers abgebrannt wurde.

"Das war eine Eskalationsstufe, die wir so nicht kannten", sagt Birgit Lohmeyer. "Das war lebensbedrohlich".

Die Lohmeyers waren in der Brandnacht zu Hause. Die Scheune stand nur sechs Meter von ihrem Haus entfernt. "Es war auf Messers Schneide, ob nicht auch unser Wohnhaus in Flammen aufgeht", sagt Birgit Lohmeyer.

"Jetzt erst recht"

Wer die Täter waren, wird wohl nie aufgeklärt werden. Die Kripo hat bis heute keinen Schuldigen ausgemacht. Die Familie aber vermutet dahinter "eine gezielte Aktion", wie Horst Lohmeyer sagt. Der Anschlag erfolgte zwei Wochen vor einen Musik-Festival gegen Rechts, das die Lohmeyers jedes Jahr in Jamel veranstalten.

Dieses abzusagen, kam für sie nicht in Frage. "Jetzt erst recht, sagten wir uns", so Birgit Lohmeyer.

Nach dem Anschlag erreichten die Lohmeyers viele Briefe und Solidaritätsbekundungen. Das gab ihnen Kraft. Die Familie fühlt sich täglich bedroht - "wir wissen nicht, wann wieder eine Aktion gegen uns laufen wird und was es dann sein wird. Wir sind in einem Belagerungszustand hier."

Von der Vorstellung, dass sich hier etwas verbessern werde, müsse man sich verabschieden. "Jamel ist verbrannt." Aber das Dorf diene gleichzeitig als Mahnmal dafür, was passiert, wenn ein Terrorregime installiert wird.

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