POLITIK
16/12/2016 01:36 CET | Aktualisiert 16/12/2016 01:42 CET

"Sie lassen uns vor die Hunde gehen": Berliner Facebook-Mitarbeiter berichten von traumatisierenden Arbeitsbedingung

Im Berliner Löschzentrum von Facebook sollen untragbare Zustände herrschen (Symbolbild)
NurPhoto via Getty Images
Im Berliner Löschzentrum von Facebook sollen untragbare Zustände herrschen (Symbolbild)

  • Reportern des "SZ-Magazins" ist es gelungen, mit Mitarbeitern des Facebook-Löschteams in Berlin zu sprechen

  • Die berichten von traumatisierenden Arbeitsbedingung

  • Für ein geringes Gehalt müssten sie unter großem Stress Kinderpornos und Gewaltvideos sichten

Einen Job beim Social-Media-Riesen Facebook stellen sich die meisten als traumhaft vor. Doch die Realität sieht offenbar anders aus. Im Berliner Löschzentrum arbeiten 600 Menschen für einen Lohn knapp über dem Mindestlohn, unter hohem Druck und großer psychischer Belastung.

Zum ersten Mal ist es Reportern des "SZ-Magazins" gelungen, mit vielen derzeitigen und ehemaligen Mitarbeitern des Berliner Löschteams zu sprechen.

Seit vergangenem Herbst beschäftigt die Bertelsmann-Tochter Arvato in Berlin im Auftrag von Facebook mehrere hundert Mitarbeiter damit, gemeldete Inhalte zu löschen.

Mitarbeiter zeigen posttraumatischer Belastungsstörung

Die Mitarbeiter berichten von Stress, Überlastung, psychischen Problemen und unzureichender psychologischer Betreuung.

Der Berliner Löschtrupp besteht aus Mitarbeitern in verschiedenen Sprachteams, neben Deutsch unter anderem Französisch, Spanisch, Türkisch und Arabisch. Jeder Mitarbeiter muss etwa 2000 Beiträge pro Tag sichten.

Mehr zum Thema: Ehemaliger Mitarbeiter erklärt: Darum verbiete ich meinen Kindern, Facebook zu nutzen

Einige der Mitarbeiter, mit denen die Reporter sprechen konnten, zeigen Merkmale von posttraumatischer Belastungsstörung, die die Betroffenen auf das Sichten von oftmals schockierenden Fotos und Videos von Inhalten wie Folter, Mord oder Kindsmissbrauch zurückführen.

Syrische Flüchtlinge müssen IS-Gräuelvideos sichten

Unter den Arvato-Angestellten sind auch Flüchtlinge aus Syrien, die dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland entkommen sind und nun im Schichtbetrieb für ein Gehalt knapp über Mindestlohn Terrorpropaganda und Gräuelvideos sichten.

Mit ihren Problemen fühlen sich die Mitarbeiter von Facebook und Arvato allein gelassen - professionelle Hilfe stehe ihnen nicht ausreichend zur Verfügung, beklagen sie.

"Ich weiß, dass jemand diesen Job machen muss. Aber es sollten Leute sein, die dafür trainiert werden, denen geholfen wird und die man nicht einfach vor die Hunde gehen lässt wie uns", sagte einer den Reportern.

Acht Sekunden für eine Entscheidung

Zudem empfinden sich viele nicht hinreichend auf das Beurteilen von Inhalten vorbereitet. Oft blieben nur etwa acht Sekunden um zu entscheiden, ob ein Text, Bild oder Video gegen die Regeln von Facebook verstößt. Immer wieder komme es zu Konflikten, wenn brutale Darstellungen laut strengem Facebook-Regelwerk auf der Seite verbleiben sollen.

Auch große Teile der internen Facebook-Löschvorschriften liegen dem SZ-Magazin vor. So sind etwa drastische Gewaltdarstellungen erlaubt, wenn sie nicht mit einem sadistischen Kommentar versehen werden oder die Gewalt nicht "zelebriert" wird.

"Hängt diesen Mistkerl auf" ist für Facebook akzeptabel

Das Foto eines Erhängten darf demnach gezeigt werden, samt Kommentar "Hängt diesen Mistkerl auf", da es sich laut Facebook-Regeln um die erlaubte Befürwortung der Todesstrafe handele.

Mehr zum Thema: Facebook will nicht, dass ihr dieses historische Foto seht

Im Kapitel über Hassrede wird beispielsweise erklärt, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, sexuellen Orientierung oder Religionszugehörigkeit nicht beleidigt werden dürfen, da das von Facebook festgelegte "geschützte Kategorien" sind.

Migranten genießen nach diesen Richtlinien weniger Schutz, auch wenn die internen Facebook-Dokumente beschreiben, dass öffentlicher Druck aus Deutschland und negative Berichterstattung über Facebook dazu geführt habe, diese Richtline anzupassen, sodass nun auch Flüchtlinge verbesserten Schutz genießen und Hassrede gegen sie zumindest teilweise gelöscht werden muss.

Die internen Regeln sind aber kaum verständlich. So muss der Kommentar "Migranten sind Dreck" gelöscht werden, aber nicht der die Aussage, dass Migranten "dreckige Diebe" seien.

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