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15/12/2016 15:41 CET

In dieser Wohnsiedlung wählt die Mehrheit der Menschen die FPÖ - das bewegt sie

Der Goethehof in Wien ist mehr als nur eine Wohnsiedlung. Er ist ein Symbol. Und das war er schon immer.

Früher stand der Gemeindebau für das "Rote Wien“, jenen Ort, an dem die SPÖ erschwingliche Wohnungen für die Arbeiterklasse anbot – mit Bibliotheken, Kindergärten, Vereinsräumen.

Heute steht der Gemeindebau für jenen Ort, wo sozial schwache Menschen auf Migrantenfamilien treffen – und wo die rechte FPÖ ihre stärksten Ergebnisse einfährt.

Eine Zeit lang stand der Goethehof in der Donaustadt aber auch für den dummen, ungebildeten und unzufriedenen Wiener. Dieses Bild zementierte sich durch die TV-Serie "Kaisermühlen Blues" und durch die ORF-Dokumentation "Alltagsg’schichten“ in den Köpfen der Zuschauer - und des ganzen Landes.

Das Zentrum der österreichischen Wutwähler?

Sozial schwach, schlecht ausgebildet und unzufrieden: Ist dieser Ort das Zentrum des Wutwählers? Jenes Wählers, dem im letzten Jahr so viel Beachtung geschenkt wurde.

Jenes Wählers, der rechtspopulistische Parteien wählt. Jenes Wählers, der Donald Trump zum US-Präsidenten gemacht, den Brexit ausgelöst und den FPÖ-Politiker Norbert Hofer beinahe zum Bundespräsidenten gewählt hat?

Es ist der Tag nach der Wahl. Alexander van der Bellen wurde am Vorabend überraschend eindeutig zum Bundespräsidenten gewählt.

Im Goethehof wird gearbeitet. Seit letztem Jahr ist dort Dauerbaustelle. Das wird auch noch einige Jahre so sein. Der zwischen 1928 und 1930 errichtete Bau ist sanierungsfähig. Die Stadt Wien investiert Millionen.

Trotzdem konnte die regierende SPÖ bei der letzten Wahl hier nicht die Mehrheit holen. Die sicherte sich die FPÖ.

"Uns geht es schlecht und anderen schiebt man das Geld sonstwohin“

Zwei junge Männer unterhalten sich im Innenhof über das Wahlergebnis. Beide haben sie für den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer gestimmt. "Aber er hat ja sowieso keine Chance gehabt, wenn sich alle anderen Parteien auf die andere Seite schlagen“, beklagt einer der Herren.

"Die sind eh alle korrupt“, wettert der andere. Aber eigentlich interessierten sie sich ja gar nicht für Politik. Sie hätten Hofer vor allem aus Protest gewählt. "Uns geht es schlecht und anderen schiebt man das Geld sonstwohin." Wer die anderen sind, darauf wollen sie nicht eingehen.

Bei der nächsten Wahl werden sie auf jeden Fall wieder FPÖ wählen. Und wenn es die nicht besser macht, dann wählt man sie einfach wieder ab. "Aber man sollte ihnen wenigstens eine Chance geben“, sagt einer.

Ein Postbote trägt derweil seine Briefe und Magazine aus. Eine Dame grüßt ihn freundlich: "Heute haben sie aber was für mich, oder?“

"Ja, ich bin gleich bei Ihnen“, antwortet er. Der Umgangston ist freundlich. Man kennt sich – und das, obwohl es hier 677 Wohnungen gibt.

Der Wutwähler ist kein Rechtsradikaler oder Überpatriot

Der Postbote ist gesprächiger als die jungen Männer. "Hier sind viele unzufrieden. Ich bin auch unzufrieden", sagt der Mann mittleren Alters, der seit 2004 hier die Post austrägt. Er selbst lebe nicht hier, aber komme regelmäßig vorbei.

Er hat dieselben Ansichten wie die jungen Männer zuvor: Die da oben lassen die da unten im Stich. Aber er kann es besser erklären: "Da werden irgendwelche Verträge gemacht mit Kanada oder den USA, aber uns fragt niemand.“

Er denkt, dass die FPÖ das ändern könnte. Schließlich spreche sie sich oft für direkte Volksbefragungen aus.

Der Postbote wirkt nicht wie jener Wutwähler, der im Fernsehen hinter Trump steht und "USA" brüllt - oder hinter Hofer steht und "Österreich“ schreit.

Doch genau das ist wahrscheinlich das trügerische Bild des Wutwählers. Jene wenigen Rechtsradikalen und Überpatrioten machen nicht 46 Prozent - das Wahlergebnis Norbert Hofers bei der Bundespräsidentenwahl - aus.

Es sind die einfachen Leute, die sich von den Politikern missverstanden und im Stich gelassen fühlen. Es sind jene Menschen, für die Political Correctness ein Fremdwort ist.

"Ich habe die Zeit nach dem Krieg mitgemacht. Viele FPÖ-Wähler haben das nicht.“

Eine Dame schreit von Weitem "huhu“. Sie möchte auch gerne etwas sagen: "Ich habe van der Bellen gewählt. Ich habe nichts gegen Ausländer, ich habe eine Zeit lang bei mir im Stockwerk neben Negern gewohnt und die waren sehr nette Menschen.“

Ja, Political Correctness ist hier ein Fremdwort.

Die Dame ist äußerst gesprächig und versucht zu erklären, dass die Menschen hier sehr oft missverstanden werden. Wie auch damals, als die Kamerateams in den Goethehof kamen, um TV-Shows und Dokumentationen über den "einfachen Wiener“ aufzuzeichnen.

"Ich lebe gerne hier. Und ich mag die Leute hier. Jetzt lebe ich neben einer indischen Familie. Super.“

Sie glaubt, dass die FPÖ vor allem von einer Gruppe gewählt wird: Primitive Menschen, vor allem junge Männer, die glauben, alle anderen sind schuld, wenn sie nicht aufsteigen.

"Ich bin 1941 geboren, wir mussten uns alles erarbeiten. Und das haben wir getan.“

Der FPÖ kann sie trotzdem etwas Gutes abgewinnen: Die Partei sei zumindest gut darin, Probleme anzusprechen, die Menschen in ihrem Alltag haben.

Sie würde sie trotzdem niemals wählen: "Ich habe die Zeit nach dem Krieg mitgemacht. Viele FPÖ-Wähler haben das nicht.“

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