POLITIK
15/12/2016 13:08 CET | Aktualisiert 15/12/2016 16:54 CET

Was wir von den Ukrainern über den Kampf gegen Putins brutalen Nationalismus lernen können

Liebe Millennials!

Die Welt ist derzeit furchtbar kompliziert. Und 2016 wird als veritables Scheißjahr in die internationale Geschichtsschreibung eingehen.

In ganz Europa sind die Populisten aus dem Vormarsch: Alexander Gauland trötete im Vorfeld der EM, dass viele Deutsche wohl ein Problem damit hätten, Jerome Boateng als Nachbarn zu akzeptieren. Die Mitstreiter des polnischen Volkstribunen Jaroslaw Kaczynski sind gerade dabei, unser zweitgrößtes Nachbarland in ein klerikal-nationalistisches Disneyland umzubauen. Und zu allem Überfluss wurde auch noch mit Donald Trump ein egomanischer, faschistoid auftretender Putinfreund zum US-Präsidenten gewählt.

In Aleppo beteiligt sich Russland an Bashar al-Assads Vernichtungskrieg gegen die syrische Bevölkerung, auf dem Mittelmeer sterben immer noch Tausende Flüchtlinge, das Eis an den Polkappen schmilzt so schnell wie noch nie. Dann ist da noch der Terror. Und die Hilflosigkeit, mit der wir die Bilder als Nizza oder auch Ansbach verfolgt haben.

In Deutschland beschleicht einem manchmal der Wunsch, die Welt mal kurzerhand anzuhalten und aussteigen zu wollen.

Drei Jahre nach der Revolution

Doch es gibt auch Dinge, die uns in diesen Tagen Mut machen können. Dazu gehört auch, was derzeit von vielen Deutschen unbemerkt in der Ukraine passiert. Genauer: Was viele junge Leute in diesem Land bewegen.

Die Ukraine, genau, das ist jenes Land mit etwa 45 Millionen Einwohnern, in dem vor ziemlich genau drei Jahren die Proteste begannen, die Monate später zum Sturz des bis dahin regierenden Präsidenten Viktor Janukowytsch führten. Vier Jahre regierte der Politiker dieses Land, und Juristen schätzen heute, dass Janukowytsch in dieser Zeit etwa 100.000.000.000 Dollar außer Landes geschafft haben soll. Heute lebt er in Russland im Autokratenasyl bei Wladimir Putin.

Revolutionen beginnen auf der Straße. Aber sie nehmen erst dann so richtig Fahrt auf, wenn kaum jemand mehr hinschaut. Dann nämlich, wenn die Schlachten auf den Plätzen dieser Welt geschlagen sind und die alten Institutionen verändert werden müssen. Und genau das passiert gerade in der Ukraine.

Probleme mit der Korruption

Es wäre zu viel des Guten, wenn man behaupten würde, dass in diesem Land alles in Ordnung ist. Im Gegenteil: Der Osten des Landes liegt durch einen maßgeblich von Putin betriebenen Krieg in Trümmern, beinahe jeden Tag gibt es neue Meldungen von Toten und Verwundeten an der Front.

Immer noch haben korrupte Eliten in der Ukraine viel zu viel Einfluss. Anfang November musste alle Funktionsträger dieses Landes unter Androhung von Haftstrafen ihre Vermögen offen legen.

Der durchschnittliche Abgeordnete in der Rada, dem Nationalparlament, hat demnach ein Barvermögen von 700.000 Dollar – und das, obwohl viele von ihnen nie in der freien Wirtschaft gearbeitet haben und die meiste Zeit ihres Lebens entweder von mageren Bezügen im öffentlichen Dienst oder von den nicht viel üppigeren Abgeordnetendiäten leben mussten. Den Rest kann man sich denken.

Eine der lebendigsten Jugendbewegungen der Welt

Doch diese Menschen haben mittlerweile mächtige Feinde: Und das sind jene jungen Leute, für die Revolution eben nicht dem Erlöschen der letzten brennenden Barrikade zu Ende ist. Sie sind besser gebildet als ihre Eltern, denken internationaler, und arbeiten jeden Tag daran, das korrupte Erbe der Sowjetunion zu überwinden. So mühsam das auch ist.

Was hier derzeit zu sehen ist, das ist die wohl lebendigste Jugendbewegung, die es derzeit in Europa gibt. Ob sie am Ende die Gesellschaft wirklich verändern kann, weiß derzeit niemand. Aber der Kampf um die Zukunft dieses Landes hat längst begonnen.

Nicht alle ukrainischen Millennials engagieren sich. Manche denken ans Auswandern, weil sich drei Jahre nach der Maidan-Revolution so wenig geändert hat. Andere kämpfen an der Front und erleben dort, was es tatsächlich heißt, wenn Wladimir Putin „die Grenzen Europas verschiebt“. Und wiederum andere profitieren selbst von der allgegenwärtigen Korruption im politischen System.

Aber wer auch immer in Kiew sich kritisch mit Politik auseinandersetzt, kommt an den jungen Leuten nicht mehr vorbei.

Kiew ist voll Energie

Sie gründen NGOs, die sich beispielsweise für die Säuberung der Justiz von korrupten Richtern einsetzen. Sie entlarven Fake-Nachrichten der russischen Propaganda, bauen eigene Parteien auf oder betätigen sich als Unternehmer. Die wenigsten von ihnen sind älter als 35 Jahre alt. Der neue Ministerpräsident ist fast 25 Jahre jünger als Angela Merkel.

Wer ein Wochenende in Kiew verbringt, spürt die Energie, die derzeit von der Ukraine ausgeht. Und das liegt nicht nur an dem faszinierenden Nachtleben, das sich in den vergangenen zwei Jahren in der ukrainischen Hauptstadt entwickelt hat.

Noch etwas können wir von den jungen Menschen in Kiew lernen: den klaren Blick auf die politischen Verhältnisse in Europa. Schließlich war die Ukraine das erste Land, das von Russlands hybriden Kriegen in Europa betroffen war. Putin hat hier begonnen, den Kontinent zu destabilisieren. Kaum jemand macht sich hier Illusionen, welche Motive der russische Präsident verfolgt.

Die Nachrichten aus Aleppo etwa mögen in Deutschland hilflose Wut ausgelöst haben. In der Ukraine werden die Bilder aus Syrien als existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Denn an den Grenzen des Landes stehen Zehntausende, wenn nicht gar Hunderttausende russische Soldaten.

Putins Alptraum: Eine freie und wohlhabende Ukraine

Wladimir Putin versucht mit allen Mitteln, eine Annäherung der Ukraine an den Westen zu verhindern. Hier in der Ukraine weiß man, dass sich Russland keineswegs von der „Nato eingekreist“ fühlt. Das wäre mit Blick auf die Außengrenzen auch reichlich lächerlich, denn nur die im Vergleich zu Russland winzigen baltischen Staaten und Polen sind Nato-Mitglieder. Nein, es geht hier um etwas anderes.

Putin hat Angst vor der Strahlkraft der Demokratie. Das Schlimmste, was Putins Russland passieren könnte, wäre eine freie Ukraine ohne Korruption und Filz, der es gelingt, wirtschaftlich Tritt zu fassen.

Die persönlichen Bindungen zwischen Ukrainern und Russen sind (immer noch) zu stark, dass man in Russland davon nicht mitbekäme. Womöglich würde sich dann irgendwann die Frage stellen, ob Putins Nationalismus tatsächlich der beste Weg war, um Russland „zu alter Stärke“ zurückzuführen.

Mit Putin hat im Jahr 2000 das alte Sowjetsystem in Russland den Kampf um die Zukunft gewonnen. Die korrupten Strukturen, die Seilschaften, die Männerbünde – all das erlebt unter dem ehemaligen KGB-Offizier Putin eine zweite Blüte. Wie dieser Kampf in der Ukraine ausgeht, hängt wesentlich davon ab, wie viel Erfolg die ukrainischen Millennials dabei haben, das Land umzukrempeln.

Nebenbei bemerkt: In Deutschland wird im kommenden Jahr ein neuer Bundestag gewählt. Wie sehr würde man sich wünschen, dass auch die deutschen Millennials endlich einmal so viel Leidenschaft für Politik entwickeln würden.

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